Das Denkmal

NACHRUF: Erinnerungen an „Weinpfarrer“ Hans Denk

1996. Ein Spätsommertag. Ein Sonntag. Hans Denk öffnet seinen Keller nahe seiner Pfarre in Albrechtsberg. Mit dabei eine Entourage aus Wien und der Region. Mit dabei auch seine Lebensgefährtin. Heiraten durfte Hans Denk nicht. Leben ließ er für sich zu, ging am Leben nicht vorbei. Sein Glaube an das Leben war sein Glaube an Gott, den er vielfältig ausmachte, wie er im Gespräch später darlegte.

Denks Weinkeller war eng, feucht und kühl. Und freilich randvoll mit Flaschen, die meisten aus der Region, also aus der Wachau, dem Kamptal und dem Kremstal. Dazu noch ein paar Flaschen aus dem Bordelais; wenig Burgunder, aber die richtigen. Aus der Gegend waren alle Weine namhafter, guter und auch unentdeckter Winzer da. Also wirklich alle – wahrscheinlich 10000 Flaschen und mehr. Ein Paradies!

Die Menge drängte sich um ein altes Fass eng zusammen, Denk öffnete eine Flasche ohne Etikett und schenkte in Riedel-Gläser ein. Ich, der Neuling, bekam das erste Glas. Riesling Oberhauser von Eff-Iix. Und der Jahrgang? Hmm. 1990? Richtig, sagte Denk, und ich wunderte mich, richtig gekostet, geraten, zu haben. Doch es war kein Wunder, denn ich hatte diesen Wein wenige Tage zuvor im Wiener Gasthaus Eckel getrunken – er war mir noch auf der Zunge. Freilich verschwieg ich die Quelle meines Wissens. Ich wollte diesen Punkt gemacht haben. Vor allem bei Denk, der damals zurecht als größter Weinkenner Österreichs galt. Abgelöst hat ihn später nur Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, der besser Sommelier geworden wäre. Und nicht Politiker.

Wider dem Ritual

Nach ungefähr sechs Flaschen, die Denk ohne Gegenleistung öffnete, sich nur an der Freude der Menschen erfreuend, und nicht, ohne sein Wissen auch stolz kundzutun – dieser Stolz sei ihm ewig und drei Tage verziehen – ; nach sechs und vielleicht mehr Flaschen, ging es rüber in die Kirche zum Gottesdienst. Ich war schon lange aus der Kirche ausgetreten und der Katholizismus, vor allem jener am österreichischen Land, war mir ein Grauen. Ich ging widerwillig rein. Die Kirche war gut besucht und Denk hielt eine Allwetterpredigt über das Zusammenleben der Menschen. Als es zur Hostienausgabe kam, ging Denk zu den Menschen in den Reihen und ließ sie nicht zu sich kommen, wie es rituell vorgeschrieben ist. Als er zu mir kam, ich hatte die Hände nicht gefaltet, sondern demonstrativ in die Hosentasche gesteckt, erklärte ich ihm, dass ich mit 16 aus der Kirche ausgetreten sei. „Das ist doch vollkommen wurscht“, sagte Denk und legte mir die Hostie an die Lippen. Ich habe ihm die Zunge nicht verweigert und war lange Zeit seltsam angerührt ob dieses Moments. Das bin ich eigentlich immer noch.

1998. Ich fuhr als Fotograf mit einem Reporter des Nachrichtenmagazins „profil“ zu Denk. Thema war es, Pfarrer zu suchen, die dem brutal-konservativen, niederösterreichischen Bischof Kurt Krenn (ebenso ein Weinkenner, wenngleich nicht gleicher Qualität wie Denk) Widerstand leisteten. Es gab damals den Skandal um „Pfarrer Udo“ aus dem nahen Paudorf, der Krenn und seiner Auslegung der Glaubenslehre widersprach und deswegen gegen den Widerstand der Paudorfer und vieler Niederösterreicher aus dem Amt gehievt wurde. Krenn, der Fall „Pfarrer Udo“ und der zuvor des Missbrauchs beschuldigte Wiener Erzbischof Groer waren die Auslöser einer Kirchenbewegung „von unten“, die den österreichischen Katholizismus reformiert sehen wollte. Diese Tage waren die ersten Tage wacher und kritischer Katholiken in Österreich – die Bewegung wirkt bis heute nach.

Kein Schwert gegen Krenn

Denk, inzwischen in Österreich prominent, hatte erzliberale Ansichten. Doch er wollte sich von uns, den linksliberalen Medien, nicht vor den Karren spannen lassen, nicht der Mann werden, der nach Pfarrer Udos Entlassung das Schwert gegen Krenn führt – obwohl er Krenn verachtete. Als er unsere Enttäuschung sah, kein Statement von ihm einholen zu können, lud er uns zum Mittagstisch (freilich hat das Magazin dann bezahlt) ins Wirtshaus Schwarz, im nahen Nöhagen ein. Das Wirtshaus, ein exzellentes Wirtshaus, das es heute noch gibt, hatte eine eigene Weinkarte, die von ihm zusammengestellt war. Darauf auch ein „Forts de Latour“ aus 1987 – keinem besonderen Jahr. Denk wies darauf hin, dass gerade schlanke Jahre oft interessante, die interessanteren Jahre sind. Der Wein war super!

2008. Ich war für ein Jahr von Berlin nach Wien zurückgekehrt und arbeitete an einer Dokumentation über den österreichischen Jahrhundertverbrecher Udo Proksch. Einer der wichtigsten Journalisten, die zwischen 1975 und 1985 im politischen Umfeld Prokschs recherchierten, war Hans Pretterebner, der Denks Nachbar war. Pretterebner hatte sich das alte, baufällige Schloss in Albrechtsberg gekauft. Doch er war nicht da, er war kurzfristig schwer erkrankt (und überlebte). Damit die Fahrt nicht ganz umsonst gewesen war, sahen wir in der Pfarre vorbei. Hans Denk war sichtlich gealtert, ging am Stock und sah nicht gesund aus. Aber er hatte Zeit und Lust, ein weiteres Mal in den Keller zu gehen. Und er machte einen Jamek-Veltliner aus 1947 auf. Er wusste: Viel Zeit würde nicht mehr bleiben. Es blieben aber dann doch weitere elf Jahre. Hans Denk ist diesen Ostersonntag gestorben. Er wäre am 15. Mai 77 Jahre alt geworden.

Nachtrag: Man kann von Weißenkirchen/Wachau aus einen Wanderweg nach Nöhagen und Albrechtsberg gehen. Er beginnt am Weißen Kreuz. Auf dieser Route erklimmt man – von der Kulturlandschaft Wachau aus – das Plateau des Waldviertels – ein Weg, weg vom Wein, rein in die Kühle der Mischwälder, hoch auf 500 Meter und mehr. Wer Österreich ein bisschen verstehen will, soll diesen Weg gehen, eine Kerze in der Pfarre anzünden und beim Schwarz zu Abend essen. So Gott will. Und Denks Gott will das sicher!

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