Bolling-her

SCHAMPUS: 2008 war ein Grande Jahr in der Champagne. Und genauso heißt einer der besten Schampusse aus dem Année.

 

2008, so sagen viele, war in der Champagne ein Ausnahmejahr. Im Guten freilich, weil über schlechte Jahre breitet man in der Weinszene lieber die Mäntel des Schweigens. Wenn solche Ansagen wie „Ausnahmejahr“ fallen, wenn „Experten“ einstimmig übereinstimmen, dann schlägt einem Ausnahmewein aus einem Ausnahmejahr beim ersten Verkosten immer Skepsis entgegen. Man will nicht zwingend im Chor der Eliten singen und sucht nach einem Makel. Doch 2008 muss man in der Champagne lange suchen, um einen Makel zu finden. Und so singt man schließlich freiwillig den Tenor im Chor der Eliten mit. Auch wenns einem dämlich vorkommt.

Viele Weingüter der Champagne hielten den Jahrgang 2008 ob seiner Güte zurück und veröffentlichten davor den etwas schwächeren (aber keineswegs schwachen) Folgejahrgang 2009. So auch so profane Güter wie Moet-Chandon (Moäät-Schänden), die Volkswagen-Bauer unter den Champagnern. Dieses riesige, populistisch ausgerichtete Gut gigantischer Größe tat damit richtig so, denn 2008 ist auch dort, wo man Abermillionen Flaschen keltern muss, letztlich eines dieser seltenen Ausnahmejahre, das generell Größe garantiert. Trotz dieses Generellen kommt es aber drauf an, was man aus der Qualität des Leseguts macht. Und da wieder kommt es auf die Önologen an.

klein und individuell

Das Familienweingut Bollinger ist in der „Tschampann“ ein vergleichsweise kleines und garantiert individuelles Weingut. Das bedeutet, dass man hier eine eigene Handschrift favorisiert, die sich im Lauf der Jahrzehnte nicht groß ändern soll, die Moden und Trends überragen und überleben soll, die Kunden an das Weingut binden soll – die sie so binden soll, dass sie den Stil als einen der wenigen ausgearbeitet-singulären Stile verinnerlichen. Weniger geschwollen gesagt: Bollinger will (und kriegt das auch hin), dass man den speziellen Bollinger-Geschmack am Gaumen behält und ihn in der Erinnerung aufrufen kann – auch wenn man schon Tage und Wochen keinen Schluck Bollinger durch die Kehle rinnen ließ.

Champagner und Individualität, das ist kein leichtes Ding, denn Champagner hat einen übergeordnete Parameter, der die Sortentypizität des Traubenmaterials zuerst hintanstellt: die Perlage. Champagner ist ein Schaumwein, er muss beleben, muss Appetit machen, muss vor allem Stimmung erzeugen. Und Champagner – auch das kein Geheimnis – hat eine sexuelle Konnotation. Das alles ist ziemlich großartig, macht es aber den dort verorteten Önologen nicht gerade leicht, den verordneten Attributen etwas Persönliches beizufügen. Anders gesagt: Es ist ein größeres Kunststück, einem Champagner eine der Weinkunst zuzuordnende Handschrift zu geben, als einem regulären Stillwein. Jeder Champagner-Önologe muss die Perlage beim Keltern und Reifen der Weine mitdenken. Diese Einschränkung kann, muss sogar, eine Ausweitung der Möglichkeiten mit sich bringen. Diese Ausweitung aber geschieht in einer sehr geringen Resonanzbreite. Jeder Champagner-Önologe muss also unglaublich genau, fast mathematisch arbeiten.

Fass und Boden

Zurück zu 2008 und zu Bollinger. Der Bollinger Jahrgangs-Champagner Grande Année aus 2008 wurde noch vom langjährigen Bollinger-Önologen Mathieu Kauffmann fabriziert, ein Elsässer, der nun in der Pfalz, bei Reichsrat von Buhl Sekte keltert, die wie Champagner schmecken. Kaufmann hat so den Beweis erbracht, dass Teile des Typischen, das Champagner ausmacht, auch aus der Gegend exportierbar sind. Und dass es eben auf die Handschrift, das Können des Önologen ankommt.

Mathieu Kaufmann hat in seiner zwanzigjährigen Tätigkeit bei Bollinger auf zwei eher unübliche Macharten gesetzt: Er widmete sich nahezu fanatisch dem Terroir und vergor und reifte die Weine in gebrauchte und von jedem Toasting befreiten Holzfässern. Genau das kann man im 2008er Grande Année explizit herausschmecken, denn dieser, unter allen 2008ern herausragende Champagner weist eine im Gesamten geringe mineralische Salzigkeit auf, die aber immens trinkanimierend ist. Und er verfügt auch über eine ebenso geringe, aber ebenso trinkanimierende oxidative Note, die von den alten, stets akribisch sauber gepflegten Holzfässern herrührt.

Der 2008er Grande Année wurde vom Bollinger-Önologenteam aus 71% Pinot-Noir und 29% Chardonnay cuvéetiert. Die Weine reiften nach der Flaschenfüllung noch fünf Jahre in den Kellergewölben heran, bis sie vor wenigen Wochen auf die Märkte geworfen wurden. Bollinger – und das ist sehr selten – besitzt alle Weingärten selbst und ist nicht – so wie die Mehrzahl der anderen, auch großen Güter – auf die Zulieferung lokaler Winzer angewiesen. Und Bollinger – und auch das ist unüblich – hält fast 80% der eigenen Weingärten in Grand-Cru- und Premier-Cru-Bereichen, die allesamt höchst individuelles Lesegut garantieren.

Bauch und Luft

Der Grand Année 2008 baucht Luft. Auch das ist bei Champagner eher unüblich, hier aber Bedingung. Die Luft kriegt er freilich nicht in einer Karaffe, das wäre Frevel, sondern in einem leicht bauchigen Weißweinglas – Flöte oder Schale sind her fehlt am Platz. In der Nase zuerst ein breites Bukett Früchte, das sich mit den Minuten in Orange und Pfirsich teilt. Dann etwas Wiesenkräuter, auch etwas Veilchen, dazu gering von frischem Wasser umspülter Bachkiesel. Das alles begleitend, faszinieren die schon vorhin erwähnten mineralischen Salze der Böden, die hier außergewöhnlich gewichtig zum Vorschein kommen. Es mag sein, dass so genante Experten behaupten, man könne mineralische Salze nicht riechen. Doch einmal die Nase in ein Glas dieses Ausnahme-Champagners zu stecken, würde diese Personenschaft eines Besseren belehren.

Im Mund dann ein perfektes Gleichgewicht der Salze und der Traubenfrucht, die hier, wieder mit den Minuten, zwischen Orange, Limette und Pflaume (Zwetschke) changiert. Am tiefen Gaumen und in der Kehle dann jene Nachhaltigkeit, die man von einem Wein dieser Größe erwartet. Beim Ausatmen durch die Nase verfestigt sich der Eindruck, einen selten großen Champagner zu trinken, denn dieser von den Komponenten massiv geschwängerte Lufthauch bleibt einem sicher länger in der Erinnerung haften und dortselbst als Erlebnis abgespeichert.

Fazit: Einer der besten Jahrgangs-Champagner seit Dekaden, ein erschwingliches Luxusgetränk, das zudem noch viele Jahre im Keller nachreifen kann. Oder, wie ein überaus witziger Weinenthusiast neulich sagte: „Der Abramowitsch kann heute Abend auch nichts Besseres aus seinem Keller holen.“

Für 133 Euro irgendwas bei Kate&Kon, die mir diese Flasche zum Leeren zur Verfügung stellten. Der Text erscheint in einer anderen Version auch auf dem Blog des Unternehmens.

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