Was wir so nicht kennen..

..aber kennen sollten. Etwa die ligurische Rebsorte Pigato, die bislang nur für einfache Urlaubsweine bekannt ist. In den Bergen hinter dem Meer entdeckt: drei Pigato, die jeder im Keller haben sollte. Für die Lust nach Rarem. Von Marx de Morais

Seit Jahren verbringe ich die Herbstmonate in Ligurien. Seit Jahren weigere ich mich auch, den Sommer über hier zu sein. Der Sommer ist wie das Altern. Am besten zögert man beides mit Weglaufen hinaus.

Weggelaufen bin ich bisher auch vor den Weinen Liguriens: Vermentino, Pigato, Rossese. Alles interessant. Aber mein Interesse wurde nie ausreichend geweckt. Kein Wunder, die Weine, die aus diesen Sorten gekeltert werden, bleiben meistens in der Region und genügen oft einfachsten Ansprüchen. Das ist nicht verächtlich gemeint, ist der einfache Anspruch ja sehr oft jener, der einen in gewissen Situationen weiterbringt.

Das mit dem Herbst habe ich diesen Juni sein lassen. Und bin im Frühsommer nach Ligurien gefahren. Lesen, schreiben, rumliegen, entspannen und am Horizont, hinter der ligurischen Steilküste, die piemontesischen Alpen schauen, wo teilweise noch Schnee auf den Gipfeln liegt. Ein schönes Bild, das ich da zeichnen wollte.

Daraus wurde nichts. Es war heiß und feucht, mit Wolken so tief hängend, dass man selbst am Strand die Hand vor Augen nicht sah. Nach Tagen der Schnappatmung und brennender Haut beschloss ich, die Küste zu verlassen. Weg, nur weg! Hoch, so hoch hinauf, wie es nur geht. Hinauf, wo es kühler ist.

Oben ist on the top

Dort oben, nur ein paar Kilometer hinter der Küste, entdeckte ich einen Winzer und seine Pigato, die ich, ohne zu zögern, für die besten an der Riviera halte. Zugegeben: Ich habe nicht alle Pigato von hier getrunken. Aber viele. Sehr viele.

Bajardo, ein wundervolles Klischeenest in den ligurischen Bergen. Von hier weg fuhr ich immer am Kamm der ligurischen Alpen entlang und kam so ins Valle Arroscia. Zeit für Essen und ein Glas Wein, ein Glas Pigato. Und der schmeckt. Ich sehe auf das Etikett und lese den Ort: „Ranzo“. Nicht weit von hier. Und dann lese ich „Bruna“. Den Nachnamen von Francesca und Roberto, die ich gleich kennenlernen werde.

Die Brunas machen fast nur Pigato. Den meisten für Kunden in Japan, den USA und etwas auch für die lokale Kundschaft. Acht Hektar, also kein ganz kleiner Betrieb. Nachhaltige Landwirtschaft. Obwohl nachhaltig ein unpassendes Wort ist. Eigentlich müsste man sagen: naturverbunden. Naturverbunden, das heißt: Oregano, wilden Thymian oder Senf bis Juni zwischen den Rebzeilen auf Meterhöhe anwachsen zu lassen, das „Gestrüpp“ dann mähen und das Niedergemähte dort zu lassen, wo es hinfällt. So wird der Boden angereichert und bleibt vor der großen Hitze geschützt.

Wurzelecht, echt, Herr Specht!

In Brunas Weingärten, stehen überraschend viele alte, zum Teil auch wurzelechte Rebstöcke. Francesca und Roberto machen drei verschiedene Pigato, die anders schmecken, als jeder Pigato, den ich bisher trank. Aber das habe ich ja schon vorhin erwähnt.

Der erste Pigato: „Majè“. Aus 2016. Majé ist im ligurischen Dialekt der Name für die Terrassenmauern im Weinberg. Der Majé wird aus Trauben gekeltert, die von „jüngeren Rebstöcken“ geholt werden – und „jünger“ heißt, dass sie ca. 25 Jahre alt sind, was in Deutschland und Österreich beinahe zu den „alten Reben“ zählt. Die Böden der Lagen sind hier von kalkhaltigem, blauem Lehm geprägt, der einen beachtlichem Anteil von Mikrofossilien enthält. Der Majé wurde ausschließlich im Stahltank ausgebaut und ist ein überraschend kräftiger Wein. Wie alle Pigato auf der rustikalen Seite, noch floral, fruchtig, mit leichter Zitrusnote und dem Duft nach Kräutern. Passende Unterhaltung zu Pasta mit Pesto und Fisch. Und für einen Einstiegswein selbstbewusste: € 14,90. Da können deutsche Winzer noch etwas lernen.

Der zweite Pigato: „Le Russeghine“ 2016: Eine Art Ortswein vom historisch belegten Weinberg gleichen Namens direkt über Ranzo und aus Trauben aus alten Rebstöcken (30 bis 45 Jahre) gekeltert. Die tiefen Wurzeln holen alles aus dem lehmigen, von Eisenmineralien rotgefärbten Boden, der hier berühmten Terre Rossa. Im Glas helles Strohgelb, in der Nase intensiver Duft nach gelbem Pfirsich, sowie eine Kollektion von Kräuternoten: Salbei, Thymian, Rosmarin und etwas Lavendel. 80 % Stahltank, 20 % im kleinen, gebrauchten Fass. Im Mund auch noch Pinienkerne und Mandeln. Frucht und Tiefe schon bei der Verkostung zehn Tage nach Füllen der Flaschen. Man kann ihn heute lieben. Und man wird ihn auch noch in fünf Jahren lieben. € 18,00.

Der dritte Pigato: „U Baccan“. Der nun aus 2015. Flüssige Geschichte! Die Reben sind meist über 50 Jahre alt. Der U Baccan lag zuerst kurz im Stahltank, dann zehn Monate in österreichischer Akazie (hört-hört!) und danach zur Reife nochmal acht Monate in der Flasche. Intensives strohgelb, in der Nase zurückhaltend Kräuter (da kommt mit den Jahren sicher mehr), dann noch Aprikose und Mango. Im Mund wieder diese ligurischen Kräuter (vergesst Kräuter der Provence und würzt künftig mit „Pigato Bouquet“), danach auch Akazienhonig und kandierte Zitrone. Ein fast cremiger Balsam mit kräftiger Mandelnote. Der Wein darf und soll eine Generation im Keller liegen. Das könnte die Zukunft von Pigato sein. Wenn mehr Produzenten solch einen Pigato keltern würden, wenn es solche Pigato überhaupt zu kaufen gäbe. Denn der U Baccan ist schwer erhältlich. Und wenn man ihn bekommt, kostet er € 40,00. Das ist tatsächlich sehr, sehr günstig. Empfehlung: Großes Glas!

Pigato Majé und Le Russeghine (alle noch aus 2015 und nicht aus 2016, wie die Weine, die wir verkostet haben) bei Jacopini. Den U Baccan muss man beim Weingut vorbestellen.

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