Schluck Ju Göhte

GEHEIMRAT G: Kein Wunder, dass es im Lande der Dichter und Henker auch einen Goehtewein gibt. Wer aber glaubt, dass es sich hier um Plörre handelt, ist schief gewickelt.

Für sein Buch „Der junge Werther“ würde der Mann heute die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Weimar übermittelt bekommen. Vorwurf: „Anstiftung und Aufforderung zur Selbsttötung in mehr als hundert Fällen.“ Die sonntägliche Diskussionsrunde bei Anne Will würde den Titel: „Spiel mit der Liebe! Kann Literatur töten?“ übergeworfen bekommen. Und der Buchautor selbst? Dieser über Nacht berühmt gewordenen Johann-Wolfgang von Goethe? Der würde auf Anraten seines Freundes, des Schriftstellers Friedrich Schiller, eine italienische Reise antreten. Vor allem, um den Shitstorm zu entfliehen. Doch freilich ohne Wiederkehr. Denn Deutschland: das hätte er diesertags hinter sich gelassen.

Goethes Werther löste damals in Preußen und den deutschen Fürstentümern eine Moderne der Liebe aus, die weit über das Schwärmen hinausging und die auch jede Menge Emanzipation und Gleichstellung der Geschlechter transportierte. Als Schriftsteller und Theaterautor kann man Goethe gut mit Handke vergleichen; als Politiker mit Joschka Fischer – aufmüpfig, dem guten Leben zugetan, folglich situationsflexibel. Und mit den Franzosen hätte er sich gut verstanden. Vor allem mit Henri Levi. Das tragen offener, weißer Hemden hat Goethe ja quasi erfunden.

Warum der ganze Goethe-Scheiß? Ist hier auf einmal Bildung angesagt? Nee: wir reden über Goethe, weil wir gleich über einen Wein reden, der seinen Namen trägt. Ja darf der denn das? Der Wein? Der Winzer?

Darf er? Er darf!

Ulrich Allendorf darf. Denn ihm „gehört“ Brentano. Genauer gesagt (in langfristiger Pacht) das Brentano-Weingut mit zugehörigem Brentano-Haus, das in Oestrich-Winkel im Rheingau steht. Ulrich Allendorf leitet ein VDP-Familienweingut, das ich (schäm) nur geringfügig kannte, bis mir Allendorf und sein Kellermeister Max Schönleber vor ein paar Tagen ein paar exzellente Rieslinge der Lagen Jesuitengarten, Hasensprung, Höllenberg (hier nur Spätburgunder) und Berg Roseneck vor meine erstaunte Fresse stellten. Alles groß, oder was? Antwort: Ja!

Doch bleiben wir bitte beim Herrn Geheimrat und seinen Wein. Der Goehtewein heißt Goethewein, weil die Familie Brentano, bekannt aus Kunst und Kultur, Herrn Goethe im Brentano-Haus öfters Obdach gab. Herr Goethe starb und hinterließ keine Familie, die sich heute mit seinem Namen schmücken kann; Frau und Herr Brentano starben auch, hinterließen aber ein Haus und ein Weingut, das den Namen derer von Brentano am Leben hielt.

Doch wie es eben so kommt – und hier wird keinem Brentano Verantwortung in das Buch der Zeitläufte geschrieben – ging das Weingut Brentano in den Helmut-Kohl-Jahren in einen langsamen Sturzflug über, den jene der Allendorfs in den Angela-Merkel-Jahren zu stoppen vermochten: sie übernahmen das Weingut Brentano, das Brentano-Haus und den, zum Weingut Brentano gehörigen, traditionellen Goethe-Wein. Was für eine Verantwortung!

Stille Tage im Klischee

Normalerweise wird alles, das einen klangvollen und klischeeüberfrachteten Namen trägt, vom Kitsch geknechtet. So ist es auch bei Goethes Erbe. Das Geschlecht der Allendorfs übernahm jedoch vom Weingut der Brentanos einen Goethewein, der eigentlich und zu allererst den Namen Brentano trug. Adel vernichtet. Doch Adel verpflichtet.

Und Ulrich Allendorf übernahm mit dem Goethewein auch einen Ortswein aus Winkel, dem man wieder etwas Leben einhauchen konnte. Beweis dafür ist der 2016er, ein „Wir-lassen-den-mal-ein-bisschen-auf-der-Feinhefe-liegen-Wein“, der der Gegenwart des Rheingau entspricht. Fünf-komma-Sechs-Zucker. Und Sieben-Säure. So geht Balance.

Das Deutsche-Riesling-Ding

In der Nase gleich und verwunderlich etwas Paprika, dann ein Hauch frisch gespülter Wirtshausaschenbecher, etwas Aprikosenschalen (die nicht nur der „Marmeladinger“ beim Marmelademachen schält), etwas Quitte und ein Alzerl weißer Pfirsich. Im Mund dann das Erwartete, das niemals langweilt: das „Deutsche-Riesling-Ding“, das uns alle froh und munter macht. Leider kommt das für den Herrn Geheimrat ein paar Jahrzehnte zu spät.

Den Wein gibt es – wie ich finde, etwas opulenter– auch noch aus 2015 (wenige Flaschen) und aus 2015 auch als Spätlese („feinfruchtig“ und in der Halbliterflasche) – die Bombe schlechthin. Das macht auch der ganz klitzekleine und wohl verfrühte Alterston, den eye appriciate, wherever ich ihn schmecke.

Alle hier verlustwandelten Weine gibt es bei jenen von Allendorf in ihrem Shop für einheitliche neunzehn Euro.

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