Nigl mit Köpfen

RAR & SELTEN: Ist es noch Wien? Nein, es ist die Thermenregion. Die Weine von Helene und Georg Nigl sind eine Ausnahme im österreichischen Weinbau. Das will was heißen. Aber was?

First things first: Kalk, Frische, außergewöhnliche Stilistik, die Okkupation des Begriffs Naturwein und ein falsches Etikett. Zäumen wir das Pferd von hinten auf.

Falsches Etikett: Verehrte Helene und Georg Nigl, wer heute noch ein .com auf dem Etikett stehen hat, der ist in jener Zeit hängengeblieben, als .com noch sexy war. Nachdem aber auch Menschen wie Kim Dotcom (den kann man gugeln), Kim Dotcom heißen, kann man das .com auch wieder sein lassen. Es ist dem Weingut und den Weinen abträglich. Wir bitten um ein Etikett, das den Weinen gerecht wird.

Okkupation des Begriffs Naturwein: Gratulation, den Begriff Naturwein für die eigenen Weine gekapert zu haben. Jedoch eine Irreführung, entspricht doch keiner der Nigl-Weine dem in Deutschland (und auch in Österreich) gängigen Begriff Naturwein. Das ist freilich überaus von Vorteil, denn keiner der Nigl-Naturweine ist eine jener untrinkbaren Gemüsesuppen, die geschätzte achtzig Prozent der Naturweine immer noch sind. Es ist jedoch nicht ausgemacht, dass der Begriff Naturwein die Konsumenten jetzt und zukünftig nicht auf die falsche Spur führt.

Außergewöhnliche Stilistik: Daran sind zu einem guten Teil die Böden um Perchtoldsdorf verantwortlich, die nur in wenigen Kleingebieten Europas so unterschiedlich sind, wie hier, um diesem pittoresk-alten Perchtoldsdorf, das – obwohl unmittelbar im Süden an Wien angrenzend – zum Weinbaugebiet Thermenregion gehört. Sandiger Lehm, lehmiger Ton, Mergel, Kalksteinbraunerde, Verwitterungskalk, reiner Kalk, etwas Kiesel aus Schwemmland – das reicht für außergewöhnlich Eigenes.

Doch sind die Böden zwar der wichtigste, aber nicht der ausreichende Teil des Terroirs. Dazu gehört gleichgestellt wie geerntet wird, wie der Winzer im Keller verfährt, was er in die Flaschen bringt. Nigl keltert „gerade“ – eine Instinkttat. Gemeinsam mit den Kalk – Kalk ist eine Seltenheit in der Thermenregion – entsteht die außergewöhnliche Stilistik, die auf Kühle, dem mineralischen Sein, der Grenzsuche, der Hemmungslosigkeit fußt. Nigls Weine machen die Kleinregion dieses Perchtoldsdorf in ihrem Kern fest. Und dieser Kern ist Kernigkeit.

Frische: Die Weine von Helene und Georg Nigl machen wach. Kühl getrunken ist ihr Sauvignon ein Muntermacher; eine Kaltmamsell, die weniger Frucht und mehr Mineralität nach oben rührt. Gleiches gilt auch für die Rotweine, unter jenen auch für die älteren Jahrgänge, die im Weingut lagern. Die Roten (vor allem der Pinot-Noir) sind am ehesten mit den Rotweinen des Moselwinzers Stefan Steinmetz zu vergleichen. Und das macht wundern genug.

Kalk: First things last. Noch einmal zurück zum Eigentlichen. Die Weine der Nigls sind von Kalk geprägt, wie sonst nur Weine der Burgund. Das führt zum Verwechselbaren – das im positivem Sinn. Am ehesten schmeckt man Kalk beim Sauvignon, ganz hervorragend beim Neuburger, der das Spontanvergorene als Delikatesse hinzu bringt.

Playlist:

  1. Neuburger Weißer Stein 2016. In der Nase frische Walnuss- und Kastanienschalen, Erdnuss, Ginster, Birne, gering Selchfleisch. Im Mund fruchtbetont, Birne, auch Orange, etwas Eukalyptus, € 9,50.
  1. Sauvignon Haspel 2015. In der Nase Kräuter, grüner Apfel, etwas Lauch. Im Mund dann ein auf Kühle und Präsenz ausgerichtetes Schwergewicht. Grund: 17 Monate auf der Feinhefe. Grund: die Reben stehen fast zu 100% auf Kalk. € 19,00.
  1. Gemischter Satz, Alte Reben, Weißer Stein 2015. In der Nase Marillen (Aprikosen), weißer, frischer Pfeffer, Birne, gequetschte Sämlingtrauben, nasser Kiesel. Im Mund etwas Pfirsich, gering Kräuter, mehr Nuss und viel Creme. € 22,00.
  1. Cabernet-Merlot Goldbiegel 2008. In der Nase helles Cassis, belgische Praline, gering Espresso, etwas Erdbeere. Im Mund kräftig und kühl, gut eingebundenen Gerbstoffe und eine präsente, nicht drängende Säure. Ein burgundischer Bordeaux. Ein Rebsorten-Provokation. Der Beweis, das Autochthones keine Notwendigkeit darstellt. Wie jede Religion. € 27,00.

Alle Weine direkt ab Winzer. Dieser schickt auch nach Deutschland.

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