Mein Siegfried Roy

TRAUER Roy Metzdorf ist tot. Zuletzt buk er im lauten Getöse der Weinszene nur kleine Brötchen. Aber Roy Metzdorf war es, der vor zwanzig Jahren den Teig anrührte. Für den großen Laib, von dem heute alle zehren.

Roy Metzdorf ist tot. Die Nachricht von seinem Ableben kam überraschend. Ich trauere um einen „Überlebenden“, der vor Jahren eine schwere Erkrankung überwand und als geheilt galt. Ich weiß, was das bedeutet – man bleibt immer jemand, dem Tage, Wochen und vielleicht auch Jahre geschenkt werden. Jetzt wurde Roy das geschenkte Leben entzogen. Er hat vehement und ausgiebig gelebt; er kann sich oben auf Wolke Neun nicht beschweren, ein Leben ohne Gehalt geführt zu haben. Und trotzdem war es zu früh, zu gehen.

Ich lernte Roy Metzdorf 1999 kennen, als ich nach Berlin-Mitte zog. Die kleine Weinszene Berlins war überschaubar und ich blätterte im Zitty-Gastro-Heft nach guten Adressen zum Essen, wo man auch anständige Weine bekommt. Metzdorfs Lokal Weinstein in der Lychener Strasse stand in der Zitty ganz oben gereiht. Hier soll es ein paar der besten Flaschen aus Deutschland, Frankreich und auch Kalifornien geben. In dem einzigen Berliner Lokal mit guter Weinkarte damals, das nicht zur Spitzengastronomie gehörte.

An diesem Abend war Roy im Weinstein und wusste mit meiner Forderung nach etwas „Anständigem zu trinken“ wenig anzufangen.

Alles ist anständig hier.“

Ja, klar, blöde Ansage, aber bitte bringen sie uns, was sie sie so präferieren.“

„Ah, aus Österreich! Dann vielleicht nichts aus Österreich, denn das kennen sie ja.“

Das Eis, das ohnehin dünn war, war gebrochen. Und so kamen ein paar Gläser auf den Tisch, über Gebühr gut eingeschenkt, die mich damals in eine andere Welt bugsierten. An diesem Abend lernte ich die Weine von Heymann-Löwenstein (Mosel) und Ridge (Napa-Valley) kennen. Dieses selbstverständliche, von jedem Erzähl-Schmus befreite Zusammenbringen zweier unterschiedlicher Welten war es, das mich einnahm. Das Weinstein, das wusste ich schnell, sollte eines meiner Berliner Stammlokale werden. Und wurde es. Siebzehn Jahre lang. Dann zog ich weg. Und vermisse es.

Ein Mann für jede Jahreszeit

Später trank ich Roy die Kabinette von Maximin Grünhäuser (Ruwer) weg (er hat sie aus Bestemm nie wieder nachbestellt – ich bin heute noch sauer) und auch sonst recht viel, was auf seiner Karte stand – etwa Peter Lauer (Mosel), Fürst aus Franken, Horst Hummel (ein Berliner Anwalt, der in Ungarn keltert) und Weine anderer aufstrebender Weingüter, die heute wohlbekannt und wohlgelitten sind. Roy Metzdorf war einer der ersten, der die Qualitäten vieler kleiner deutscher und österreichischer Winzer hervorhob. Und Roy war es – und auch Stuart Pigott, der zum Weinstein-Kreis zählt -, der diese Winzer einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Ganz ohne facebook, twitter und dergleichen Lautsprecher mehr. Die hat er bis gestern nicht wahrgenommen; er blieb im Gestern, in seiner eigenen Moderne.

Metzdorf kam aus Ostberlin. Gemeinsam mit seinem Bruder Marc – einem hervorragenden Koch und eine ebenso geerdete Persönlichkeit, wie sein Bruder – wuchs er in Prag auf. Das hatte ein verbindendes Element: der Wiener und der (die) Berliner trafen sich in der Mitte, in den Erinnerungen an eine Stadt (und ihre Bierlokale), die beide zur gleichen Zeit, ohne voneinander zu wissen, als prägend erfahren haben. Der eine als dort oft journalistisch Tätige, der (die) Andere(n) als dort quasi Einheimische. Wir teilten eine feine Melancholie, eine Heimat dort.

Diese Abstammung und die Liebe zu deutschem Wein war es auch, die die Deutschen (West) damals brauchten, ihre Weine en detail erklärt zu bekommen. Denn ihre „Weinpäpste“ waren ohne Ausnahme kenntnislose Mitsäufer, die sich Weinkritiker nennen durften, weil sie in den Redaktionen dafür bekannt waren, auch andere Weine als Pinot-Grigio zu trinken. Metzdorf, der DDR´ler, und Pigott, der Brite, waren jene, die zwischen 1995 und 2008, vor der Bloggerwelle, die Avantgarde der deutschen Weinkenntnis darstellten. Heute, in dieser schnell vergessenden Öffentlichkeit, ist das kaum noch jemanden bekannt.

Roy Metzdorf zeigte mir dann, mir dem Österreicher, die Weine von Roland und Heinz Velich (die ich aus privaten Gründen schon kannte) und die Weine Uwe Schiefers. Später dann auch die Weine Erich Machherndls. Als die Deutungshoheit der Naturweine begann, begann Roy Metzdorf mit der Avantgarde zu brechen – das war nicht seine Welt.

Danke!

Wenn er mir jetzt zuhört – und gewiss tut er das – dann möchte ich „Danke“ sagen. Für die Abende, Nächte und manchmal auch für den Morgen danach. Und „Danke“ auch für den Tipp, wie man ins Berghain kommt, ohne an der Tür vorbeizumüssen. Ich wünsche Dir, dass sie da oben einen Keller voll guter Weine haben. Irgendwann komm ich vorbei und besuche Dich dort. Versprochen!

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