Geht gar nicht!

KRITIK AN DER WEINKRITIK In fast allen großen Verkostungen wird der Wein nicht getrunken, sondern nur gerochen und im Mund analysiert. Geschluckt wird so gut wie nie. Das macht diese Art Weinkritiken nicht nur unvollständig, sondern eigentlich unbrauchbar.

 

Die große VDP-Verkostung in Wiesbaden. Ich kenne sie nur vom Hörensagen und inzwischen lädt mich der VDP – auch völlig richtig so – nicht mehr ein. In einem großen, sehr schönen Raum kosten dort fast an die 100 Experten viele Dutzend Weine der VDP-Winzer – darunter ein paar der besten Weine Deutschlands. Ich kann das nicht. Ich kann so viele Weine in so kurzer Zeit nicht beurteilen, denn ich muss von jedem Wein mindestens zwei Schluck machen, damit ich mich näher und „intim“ zu ihm äußere. Und weil ich dann schon nach drei Stunden heillos betrunken wäre, nehme ich an solchen Verkostungen nicht teil. Mein Pech: es gibt nur solche Verkostungen.

Spucken statt schlucken: Das ist bei dieser Art Oralverkehr die Vorgabe. Doch lässt sich ein Wein überhaupt beurteilen, wenn er nicht die Kehle hinunterrinnt, den so genannten Nachhall beim Ausatmen durch die Nase nicht preisgeben kann? Ich denke nein! Die Weine können sich bei solchen Veranstaltungen nicht zu Gänze mitteilen – und so auch nicht das Werk ihrer Winzer vermitteln. Diese Art Verkostung ist also eine Vortäuschung einer nicht herzustellenden Leistung: der Gesamtbeurteilung und Benotung von Weinen. Diese Veranstaltungen simulieren, was nicht sein kann. Dafür gibt es einen guten Grund: Es geht nicht anders.

Jede Menge bullshit

Viele Weinkritiker, die ich kenne, sagen mir, dass sie alleine über den Geruch und dem im Mund weilenden und dann wieder ausgespuckten Schluck die Wirkung des Weins am späten Gaumen und im Schlund imaginieren können. Das ist – mit Verlaub – bullshit! Den Beweis des Gegenteils habe ich einige Male selber erlebt, als hoch angesehene Professionisten (Journalisten wie Händler) in meinem Beisein Weine, die sie bei der VDP-Verkostung eher „mittelgut“ beurteilt hatten, mit dem Kommentar „Heute gefällt er mir viel besser“ versahen. Auf die Frage nach dem Warum kam immer die gleiche Antwort: „Wiesbaden ist ja schon ein paar Wochen her“. Mit Verlaub: sas ist ebenso bullshit.

Dabei könnte man damit gut umgehen. Denn jeder Konsument versteht sicher, dass ein Weinkritiker bei einer solchen Verkostung nicht alle Weine schlucken kann. Wer dann keinen „Fetzen“ (Wienerisch für Rausch) hat, der hat eine Leber, die ihrem Klienten den Dienst aufkündigte. Es wäre also ehrlicher (und zeitgemäß transparenter), in den Tests anzuführen, ob dieser Wein gespuckt oder geschluckt wurde – also ob sein Erleben allumfassend war. Am Tag XX, des Monats XX, im Jahr XXXX.

Es klingt nach Anmaßung, wenn ich sage, dass fast alle größeren Weinverkostungen ein Bild der Weine abgibt, das der Konsument wahrscheinlich nicht nachvollziehen kann. Doch wenn man sich bei Konsumenten umhört – vor allem bei jenen, die Wein in großem Maße konsumieren und Weinenthusiasten sind – dann hört man oft, dass sie manche Beschreibung und Kritik nicht nachvollziehen können. Auch viele Winzer sagen das. Freilich nur unter vier Augen, denn auch wenn die institutionelle Weinkritik (Gault-Millau, Eichelmann, WeinPlus, Parker, uvm) in Zeiten der Blogger an Relevanz verliert, übt sie immer noch eine Macht aus, die ihr eigentlich, von diesem Procedere ausgehend, nicht zusteht. Deswegen mein Schluss: Weinkritiken dieser Art können nicht vollständig vermitteln, wie ein Wein schmeckt. Und das ist eigentlich fatal.

Nächster Fehler: das Zalto-Glas

Eine „Sideorder“ noch. Auch die zunehmende Verkostung in den grandiosen Zalto-Gläsern verfälscht den Eindruck. Das alleine aus dem Grund, dass Konsumenten in 99% der Fälle keine Zalto-Gläser parat haben, sondern Ikea-Gläser, die gar nicht so übel sind. Aber eben Canon. Und keine Leica. Das alles führt zu einem weiter wachsenden Abstand zwischen Kritiker und Konsumenten. Dem Konsumenten ist das freilich zunehmend egal, denn jede Art Elite zählt dieser Tage schnell zum Establishment, das man gut „bashen“ kann. Den Weinkritikern sollte das alles aber nicht egal sein. Vor allem, wenn sich die Weinenthusiasten – wie seit Jahren der Fall – abzuwenden beginnen. Bleiben nur die Gastronomen, die sich noch (und auch weniger denn je) nach Verkostungskritiken orientieren. Sie sind aber zu wenige, der Weinkritik ökonomisch ein stabiles Rückgrat zu geben. Fazit: Mehr schlucken statt spucken. Und weniger Kritiken, keine Referenzwerke mehr, sondern genaue, dichte, individuelle Einzelbeurteilungen. Das System ist falsch. Es wird schwer sein, es zu ändern. Aber es ist notwendig, denn die Felle schwimmen der institutionellen Weinkritik längst davon.

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