Die schweren Roten

POLITIK IM BARRIQUE Martin Schulz ist der „Last-Man-Stading“ der Politgeneration „Fette Rote“. Doch so wie die Zeit der fetten Rotweine vorbei ist, so schreibt auch Schulz das letzte Kapitel der Toskana-Fraktion.

Martin Schulz also! Der Spitzenkandidat der deutschen Sozialdemokraten im Bundestagswahlkampf dieses Jahr. Und Schulz macht gleich richtig Dampf, überholt die Kanzlerin in den Umfragewerten, gibt der alten Tante SPD nochmal so richtig Schub.

Doch man reibt sich irgendwie verwundert die Augen: Ausgerechnet Schulz? Dieser Bürokrat? Überzeugter Europäer? Logisch, schon wegen der Weinregionen. Überzeugter Demokrat? Davon kann man ausgehen. Wiewohl: zu lästig sollten die Leute nicht sein, denn es gibt nur einen, der ansagt, das Alphatier – und das ist Schulz.

Tatsache auch: Schulz ist ein großer Redner. Da kann sich manch anderer Politiker was abhören – vor allem in meiner Heimat, der kuscheligen Alpenrepublik, wo der Konsens jeden härteren Diskurs schnell zur Aggression abstempelt.

Gegen Martin Schulz ist also wenig ins Felde zu führen, die SPD hat mit ihm die einzig mögliche Karte gezogen, die stechen kann; er ist ein Politprofi ersten Ranges, weiß, welche Steigeisen er nutzen muss, um am Gipfel anzukommen und überlässt auf dem Weg dorthin so manches anscheinend dem Zufall, dem Sog des Lebens. Doch Irrtum: Alles bei Schulz hat Plan, der Zufall ist eingebaut, er will nicht wie ein Karrierist wirken.

Yesterdays Man

Trotzdem ist Schulz von Gestern. Und er wird wohl auch nicht Kanzler, denn Schulz ist der letzte Mann aus der Generation „Schwere Rote.“ Und nichts ist zur Zeit weniger angesagt, als schwere, fette, marmeladige Rotweine, die Schulz und die Toskana-Sozis gerne trinken. Das mag wie ein verstiegener Vergleich wirken, doch der Abstieg fetter Rotweine ging einher mit dem Abstieg fetter Sozen. Schulz verkörpert eine überkommene Genusskultur, die beim Rotweintrinken auf SUV´s setzt.

Machen das nur die Sozen? Nö! Sicher wird es bei den Konservativen (und ganz sicher bei den Liberalen) auch ein paar Rotweintrinker geben, die am liebsten nur Weine schlürfen, die jahrelang im Barrique heranreifen und überbordend nach Cassis, Kirsche, Erdbeermarmelade, Karamell und Vanille schmecken. Doch nirgendwo wurde Aufstiegs- und Lebenskultur so stark mit schweren Rotweinen verbunden, wie bei den Sozialdemokraten – Joschka Fischer, bekannt als großer Weintrinker, muss man hier einreihen.

Tony Blair, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Peer Streinbrück und viele andere Sozenmänner mehr: sie trafen sich in Brüssel gerne beim Spitzenitaliener und leerten etliche Flaschen Markenweine. Und wenn „ihre“ Italiener gerade aus waren, so taten es auch Kalifornier und Chilenen – Hauptsache Bombenabgang. Elegante Burgunder? Fehlanzeige! Man muss den Aufstieg fett und heftig schmecken können.

Bordeaux? Keine als links verwertbare Historie

Bordeaux wich die Generation „schwere Rote“ aus – zu kompliziert und keine als links verwertbare Historie. Einzige Ausnahme: der österreichische Kanzler Alfred Gusenbauer (berät heute Diktatoren), der sicher einer der besten und profundesten Weinkenner ist. Gusenbauers Können ist legendär, er errät bei Bordelaisern nicht nur die Region, sondern auch den Jahrgang und das Weingut. Der Mann wäre der beste Sommelier der Welt geworden. Leider wurde er Politiker.

All die „schweren Roten“ pflegen alle einen ähnlichen Auftritt: gutes Tuch, polternde Manieren und die proklamierte Wertschätzung der sanften, südlichen Weinhänge. Die Toskana – und das macht die teuren Weine von dort so „anständig“ – gilt ihnen als Hort der linken Landarbeiter, die nach der Landreform von 1948 zu freien Bauern wurden, aber weiterhin links (eher linkslinks) wählten. Diese Zeiten sind zwar längst vorbei, doch die Toskanafraktion ficht das nicht an. Dass die Weine, die sie gerne trinken, von eingefleischten Neoliberalen gekeltert werden, das wissen sie gar nicht mal. Toskana? Dort muss alles links sein.

Martin Schulz ist also der „Last-Man-Standing“, dieser „Macher-Sozen“, die immer auch Genossen der Bosse waren; Fliesenleger bei Großkonzernen wie Siemens, die für die Arbeitsmarktpolitik wichtig sind. Man trifft sich beim Wein(geschmack).

Kein Diogenes

Schulz trägt das Barriquefass quasi als Kleid. Aber nicht so wie Diogenes sein Holzgebinde trug. Schulz erinnert, wie alle „schweren Roten“, an eine Zeit, in der man mit ein paar Weinvokabeln auch Weinkultur vortäuschen könnte – so wie vieles nur Vortäuschung war. Schröder-Freund Carsten Maschmeiers Weinkeller soll legendär sein. Legendär – so sagt man auch – die Etiketten-Angeberei. An so einem Ort landen viele der „schweren Roten“: als klatschende Gäste. Bei einem Angeber in einem Angeberkeller. Gierig, dass der Gastgeber endlich ein paar der begehrten Flaschen öffnet. Man kann hoffen, dass Schulz einen guten Keller findet – vor allem einen, der sehr gute alkoholfrei Getränke aufwartet, denn Schulz ist ja ein Entwöhnter. Die Politik der „schweren Roten“ aber ist vorbei. Lasst uns darauf was trinken gehen. Einen Burgunder bitte.

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