Mal ein neues Fass aufmachen!

DER MODEN UND DER WEINE WELLEN Was wird der nächste Weintrend? Orangeweine und diese Naturwinzer beginnen uns langsam zu langweilen. Es ist an der Zeit, die nächste Bewegung auszurufen. Gut Holz!

Ja, da liest man dann die Frage, die man erwartet hat – jetzt, Anfang 2017. Man liest sie in dem wohl größten öffentlichen Weinforum Deutschlands, der stark wachsenden Facebook-Gruppe „Hauptsache Wein“, wo auch dieser Beitrag von mir eingestellt und geteilt wird. Nicht auszuschließen, dass Sie auf diesen Text über „Hauptsache Wein“ gestoßen sind.

Die Frage, die ein Mitglied der Gruppe gestellt hat, war, welche Mode heuer die Weinszene erfasst. Nach den Orange-, Natur-, und (um auch eine Gegend zur Mode zu machen) Juraweinen. Ja! Stimmt! Welche Sau treiben wir heuer durchs Dorf?

Die Frage war ohne den Hintergedanken jemanden vorzuführen gestellt und der Fragende lag ja nicht falsch, die Frage gestellt zu haben: Was ist der nächste Trend? Wie gut, dass wir ihn noch nicht wissen. Vielleicht kommt das Barriquefass zurück. Für manch elendsfade weiße Burgunder aus Deutschland, oder Frankreich, wo die Fasskultur ja herkommt, wäre das nahezu ein Segen. Manche dieser Weinbau-Irrtümer würden in einem American-Oak-aufgerauht-medium-plus-plus-plus-Fass erst zum richtigen Genuss. Woher ich das weiß? Ich habe so eine Spaßversuch eines Winzers kosten dürfen. Und siehe da: der Witz (und als Witz war es gemeint) schmeckte verblüffend interessant – irgendwie auch großartig. Sicher gewöhnungsbedürftig.

Scheiß auf die Sorte!

Man schmeckte halt nur mehr Holz. Und kaum mehr die Sorte. Aber geht denn die Sortentypizität nicht auch bei 90% all dieser Natur- und Orangeweine verloren? Ja: geht sie! Und hat das jemanden groß aufgeregt? Dass Wein nicht mehr nach der Rebsorte schmeckt, sondern nach einem „Nebenprodukten der Weltraumforschung“? Nein. Hat es nicht. Nun gut, es gab ein paar konservative Spinner wie mich, die sich der Esoterik und Ethik dieses Trends einfach nicht hingeben konnten. Verklemmte Typen, die immer nur große Rieslinge, Burgunder, Veltliner und Bordelaiser trinken wollen. Saurier. Noch da. Aber im Aussterben begriffen.

Warum also nicht das Holzfass als neuer Trend? Und Toasting? Freilich muss die Herstellung ethisch korrekt sein. Aus Bio-Hölzern (Eiche, Akazie, Kastanie). Und ebenso selbstredend müssen die neuen, kleinen Hipster-Fassbinder, die sich dann neben den ganz großen Herstellern etablieren, endlos allerlei krudes Zeug über das Fassbinden schwafeln. Denn der höhere Preis dieser neuen Fässer muss ja irgendwie gerechtfertigt werden. Ich empfehle folgenden Spruch: „Ich kann nur ein Fass am Tag machen, das richtig gute Vibrations hat. Nach diesem Fass höre ich für den restlichen Tag zu arbeiten auf und geben mich den Schwingungen und Geräuschen der Eichen hin.“ So ein Schmarrn kommt sicher gut!

Viel wichtiger aber ist es, Fassbinder und Toaster zu trennen. In zwei Firmen, besser noch in zwei Gewerbe. Warum? Ist doch logisch: Da gibt es doch gleich viel mehr zu erzählen. Und auch zwei Persönlichkeiten, die ihr Denken und Machen endlos ausbreiten können. Das freut vor allem die Medien und PR-Agenturen, denn die einen haben auf einmal wieder viel zu schreiben (so eine Mode hält schon ein paar Jahre – wie man bei Orange-Natur sieht) und die anderen kriegen neue Kunden, die sie zuerst den modehungrigen Journalisten hinwerfen und danach Seminare halten lassen. Die Preise dieser neuen Fässer schnellen in die Höhe wie nichts.

Das Weinall. Unendlich Weiten, unendliche Möglichkeiten

Was es da für Möglichkeiten gibt! Wenn die Toaster die Fassmacher leid sind, dann kaufen sie einfach ein paar gebrauchte Fässer, weingrün oder ausgelaugt, und toasten sie neu. Eine „Oak-Refurbish-Remix-Bewegung“, die jungen Hipster-Weinbauern neue alte Fässer ins Haus stellt. Und freilich ist es keine Frage, dass der Rauch, der das Fass toastet (und dem Holz seit jeher auch Geschmack gibt) nicht auf die paar Nuancen beschränkt wird, die er heute hat. Denn die alten Fassmacher, die Industrie, ist ja eher dazu angehalten, ihre Fässer den Wein begleiten zu lassen. Und nicht dazu, seine Typizität zu unterdrücken.

Die neuen Weinfässer, der „Oak-Remix-Bewegung“ und der „Oak-Refurbish-Remix-Bewegung“, kommen mit viel mehr Geschmackstoastings auf den Markt als bisher. 200-300 verschiedene Variationen sind leicht möglich. Etwa „Bourbon-Vanille mit etwas Cassis und einem Hauch Muskatnuss.“ Freilich alles aus eigener Produktion, ethisch einwandfrei und irgendwie sicher bio. Fasspreis: € 690,00. Individuelles Spezialtoastig von „Toasting-Maitre“ Ferdinand: € 550,00. Diese Bewegung würde ordentlich Kasse machen.

Früher war alles…ähhh. Anders?

Und dann – um alles abzurunden – machen diese neuen Fassbinder auch Fässer für die Craft-Beer-Bewegung. Wein- und Bierfässer aus einer Hand. Endlich der lang ersehnte Schulterschluss zwischen Proleten (Bier) und Adeligen (Wein). Die Fassmode, das wird eine Mode, die länger hält als die Nordic-Cuisine.

Kann sich noch jemand an die Zeiten erinnern, als das Essen aus einem Stück Fisch oder Fleisch, zwei Beilagen und einer Sauce bestand? Das hieß “Neue Cousine“ und war sehr familiär. Oder an die Zeiten, als Wein noch einfach nur ausdrucksstark, elegant und beeindruckend war? Und von einer Winzerpersönlichkeit gemacht? Das war vor den Moden, die kommen und gehen. In der Fashion lebt seit Jahren schon das Redundante. Das Comeback der Marmeladeweine ist also auch nur eine Frage der Zeit. Schluck, du Luder!

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