Kühles vom Süden her

DOWN UNDER WEST Südafrika = aus dem Fokus. Dass das ein Fehler ist beweist ein Weltklasse-Chenin-Blanc, dessen Winzer Anleihen an der Mosel nahmen. Und diese Schluck für Schluck zurückzahlen..

Südafrikanische Weine, das ist so eine Sache. Sie sind immer Teil des Unerledigten, des Aufgeschobenen. Man hat sie auf dem Kieker, hört nur Gutes über sie, hört von famosen, von außerordentlichen Winzern, die einiges draufhaben, sollte viel mehr südafrikanische Weine trinken, doch wenn man welche trinkt, dann trinken man dann doch nur wieder den faden, marmeladigen, sicher amüsanten Chocolate-Block oder etwas vom feschen, spruchangebenden Ewig-Talent und ehemaligen Surfstar Eben Sadie – da wird wohl nie ein Sexy-Sadie draus.

Südafrikanische Weine, da war doch was. Ja richtig, der unglaublich begabte Önologe, der ein paar Saisonen lang bei Dorli Muhr im Carnuntum ausgeholfen hat und der nicht nur gutaussehend, nicht nur lustig, sondern auch der Avantgarde zugewandt war – und vermutlich immer noch ist. Von ihm erfuhr ich von einer sehr jungen, sehr lebendigen und auch sehr armen südafrikanischen Winzerszene – so arm, dass sie mit gebrauchtem Leergut arbeiten muss, also recycelten (ein Unwort) Flaschen, die sorgsam wiederverwendet werden und nicht achtlos im Glascontainer zu Bruch gehen.

Nur wo kann man diese Weine dieser erfinderischen südafrikanischen Weinszene kaufen? Wer holt sie rauf? Und warum kriegen wir alle alternativen Weine aus Frankreich vorgesetzt, aber keine aus Südafrika – eine Weinnation, so wähnt man, von außerordentlicher Größe und Wichtigkeit, die mit einer Handvoll autochthonen Rebsorten glänzen kann und deren industriell orientierten Großproduzenten tatsächlich eine beachtliche Qualität auf den Weg bringen? Wo ist dieses Südafrika, das unseren Weinkonsum zwar nie dominierte, aber zumindest mit ein paar bemerkenswerten Weinen penetrieren konnte? Wo ist es heute?

Out und vorbei

Die Antwort: Südafrika ist out. Wie die ganze Neue Welt. Ist das ungerecht? Mag sein. In Zweifelsfall aber nein.

Die originellen Weine Südafrikas werden freilich – wie alle originellen Weine – lediglich in kleiner Stückzahl gekeltert. Wobei kleine Stückzahl im Falle Südafrikas auch eine Menge zwischen 20000 und 50000 Flaschen sein kann. Und deswegen, und auch wegen der geringer werdenden Nachfrage in Europa, bleiben diese Weine dort wo sie herkommen und werden dort wo sie herkommen von einer neuen, jungen, interessierten Weinszene getrunken. Das ist alles gut und richtig so – vor allem in Sachen Co2-Gewissen, diesem lächerlichen Vorwand alles Regionalen, das es von Weltbürgern zu verteidigen gilt.

Doch dann gibt es einzelne Weine aus Südafrika, die auch ihren Weg nach Deutschland finden. Und hier einen angesehenen Weinhändler, auch einen mit gewisser Durchschlagskraft. So ein Wein ist der „Cartology“ 2014 von Suzaan und Chris Alheit einem Winzerpaar, das unter der Kategorie „jung und dynamisch“ schubladisiert werden kann. Aber am besten ist, die beiden in keine Schublade zu legen.

Denn Suzaan und Chris Alheits Weinmachen prägt eine Besonderheit: sie waren vor drei Jahren eine zeitlang bei Daniel Vollenweider an der Mosel zu Gast. Das ist der Winzer, der den Boden rausdestilliert wie wenige sonst. Wie sein Name schon sagt ist er Schweizer, ist aber mit dem weltbehübschenden Liedermacher gleichen Nachnamens weder verwandt noch verschwägert. Die Kehlenkrankheit hat er aber auch nach zehn Jahren Mosel nicht abgelegt.

Drink the Bastard!

Der Cartology jedenfalls ist eine Cuveé aus Chenin Blanc (89%) und Semilion (11% und eigentlich geschmacklich unter der Nachweisgrenze) und er hat die nicht wenig von jener Kühle und Eleganz, die man von Moselrieslingen kennt. Ein Bastard also; und das, obwohl weder der Region Walker Bay noch die Böden dort die nötigen Voraussetzungen für diese Art Weine vorweisen. Also ist es die Idee und die Kunst der Winzer, das an der Mosel Erworbene im von den Buren okkupierten Land in die Flasche zu bringen.

In der Nase etwas Aprikose, Hagebutte, nasser Kiesel vom Bachbett, etwas Aprikose, etwas gelbes Plastikspielzeug, das hier – ausnahmsweise – nicht in der Sonne gelegen hat, dann auch röstfrei gebliebene Mandeln, die noch kaum gehärteten Schalen der jungen Walnuss, etwas kalte Kohlrabi, Mandarine, ein Hauch Limette und Ginster. Im Mund auf der Zunge wie im späten Schluck nahezu gleich präsent und mehr auf Seiten der „Zusatzstoffe“ als die Frucht zu präsentieren. Das mit der Frucht ändert sich nach etwa dreißig Minuten, dann will sie nach vorne, kommt nach vorne. Ein prächtiger Saufwein mit Anspruch also. Bedauerlicherweise das Gegenteil von preiswert; glücklicherweise dieses Gegenteil mit jedem Schluck unter Beweis stellend.

Cartology 2014 (und 2015) für € 35,90 bei Lobenberg

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