Pinot? Pinot!

MOSEL / BURGUND Daniel Twardowski hat eine Vision. Und macht sie wirklich. Er keltert einen französischen Burgunder an der Mosel. Braucht man den? Ja! Denn es ist einer der besten Rotweine Deutschlands. Aber kein deutscher Wein.

Daniel Twardowski zeigt auf ein Gebäude auf einer Straße in einem Ort an der Mosel. „Schön ist es nicht“, sagt er. Da kann man beipflichten, ohne ihn zu beleidigen. Schön ist es nicht, das Gebäude. Ein bisschen Farbe vielleicht? Aber zur Teil- oder Totalsanierung fehlt Twardowski freilich die Zeit. Denn er hat sich etwas „angetan“.

Daniel Twardowski leitet den Weg durch das Grau-in-Grau-Erdgeschoß seines Gebäudes. Das hier war mal ein Weingut und ist wieder eines. Links und rechts des Weges hin zum Keller stehen hölzerne Weinkisten, teils frei, teils unter Planen. Da sieht man gerne näher hin, wohl wissend, dass Weine, die in 6er und 12er Holzkisten lagern meist zu den besseren Weinen gehören – mitunter auch zu den raren Weinen. Und genauso ist es: Twardowski hat hier einige der besten Weine der Welt gelagert – vor allem Weine aus Burgund. Und das ist auch der Grund, warum der Ort an der Mosel in dieser Geschichte keinen Namen hat.

Daniel Twardowski ist also Weinhändler. Und er hat in seinem Beruf ein sicheres Händchen für Flaschen, die eine betuchte Klientel begehrt. Aber es sind nicht nur die Betuchten, die Twardowski kontaktieren, auch Weinenthusiasten mit normalem Einkommen schicken ihre Bestellungen über eine oder zwei Flaschen. Manchem Weinhändler ist diese Klientel nicht willkommen: viel Arbeit, wenig Umsatz, noch weniger Gewinn. Doch Twardowski sagt das einzig Richtige: Aus diesen Enthusiasten werden mit den Jahren Kenner. Und sie bleiben bei der Stange, treue Kunden, auf die man ebenso zählen kann, wie auf die betuchte Klientel, die ein paar Kisten ordert.

Pinot-Noir? Will er sich unglücklich machen?

Ein kleiner, feiner Weinhändler, der mit seinem Tun ein gutes Auslangen findet. Er weiß freilich alles über die Weine, die er handelt, kennt Lagen, Parzellen, Ausrichtungen und Intentionen der Winzer. Gut aufgestellt in seinen Dreißigern. Was will so einer noch? Erraten: einen eigenen Wein keltern. An der Mosel. Das soll dann logischerweise auch ein Riesling sein, oder?. Falsch! Lieber ein Pinot-Noir. Denn diese Rebsorte ist Twardowskis liebste Sorte.

Es ist ein Satz des legendären und viel zu früh verstorbenen, burgenländischen „Starwinzers“ Alois Kracher, der mir immer aus der Erinnerung emporsteigt, wenn es um Pinot-Noir geht: „Wenn Du Dich unglücklich machen willst, dann pflanz einen roten Burgunder. Die Sorgen, die diese Sorte macht, kannst Du Dir nicht wegsaufen.“ Tatsache: Der Pinot-Noir, in Deutschland mehrheitlich (noch) unter „Spätburgunder“ bekannt, ist die Diva der gängigen Rebsorten, ihre Anfälligkeit für Schädlinge ist legendär. Und dann braucht sie auch ein einigermaßen kühles Klima, um für jene Weine zu garantieren, die Eleganz mit Frucht und Nachhall kombinieren. Diese Weine sind dann auch selten und teuer und vom Verlauf des Jahrgangs gezeichnet. Soll heißen: Ein teurer Pinot-Noir eines renommierten Winzers aus Burgund kann auch enttäuschen, wenn das Jahr ein mittelmäßiges Klima hatte. Mittelmäßiges Klima: das kann auch zu viel Sonne bedeuten. Und nicht nur zu viel Regen, wie gemeinhin angenommen wird.

Nun ist die Mosel – wie gerade angerissen – vor allem für Rieslinge bekannt; die traditionellen Pinot-Noir-Gegenden Deutschlands hingegen sind Baden, die Ahr, etwas auch Württemberg und Teile von Franken. In den letzten paar Jahren aber haben einige Winzer an der Mosel mit aufsehenerregenden roten Burgundern gekontert; mineralische Weine mit Kraft und Frucht, die so gänzlich anders schmecken, wie die geläufigen deutsche Spätburgunder. Es sind – nur um drei hervorzuheben – die Pinots von Stefan Steinmetz (Weingut Günther Steinmetz), Gernot Kollmann (Weingut Immich-Batrieberg) oder Markus Molitor, die in die oberen Ränge der Reputation vorstoßen konnten.

Daniel Twardowski aber wollte einen anderen Pinot-Noir machen. Keinen Mosel-Pinot-Noir. Daniel Twardowski wollte an der Mosel einen Burgunder keltern, der den besten französischen Burgunder ähnelt, der sich mit jenen in eine Reihe stellen kann, der die kühle Eleganz hintanstellt und sich mehr Kraft und Frucht verpflichtet sieht. Daniel Twardowski wollte an der Mosel einen Pinot-Noir keltern, den auch Experten und Enthusiasten nicht zwingend als deutschen Rotwein erkennen. Das ist ihm gelungen. Und das mag nicht jeder, denn Twardowski führt weg von der gerade gepredigten Religion des zwingend Regionalen.

Gut! Teuer! Ja!

Das Ergebnis? Kurz und bündig: der Wein ist hervorragend. Und besser, viel besser, als manch bekannte und hoch gehandelte Pinots aus Burgund. Freilich ist dieser Wein teuer. Für eine Flasche muss man etwa 70 Euro blechen. Doch jeder Cent zahlt sich aus. Klar auch, dass sich jetzt einige abwenden und sagen: Der spinnt ja, der Twardowski!

Der spinnt ja; das sagen auch Kollegen und Händler, die hören, dass Twardowski neue Weingärten mit französischen Klonen bestückt hat – einige dieser Gärten, und dann hat Twardowski trotzdem nur drei Hektar in Ertrag, liefern erst 2018 die ersten Trauben. Twardowskis Burgunder sind also Weine aus jungen Weingärten (keine ruhmreichen „alten Reben“, die sich über Jahre tief ins Erdreich gegraben haben), ihr Lesematerial entstammt Klonen einer fremden Region und sie wurden in neuen Barriquefässern ausgebaut. Solche Weine sind in den hoch angesagten Weinbars gerade hoch abgesagt. Und dennoch sind es Weine, die die Welt bedeuten und ihren Status erfolgreich verteidigen. Komme da auch die nächste, autochthone Welle: für Weine, wie sie Twardowski macht, wird eine bürgerliche Klientel auch in Zukunft gewillt sein, viel Geld zu zahlen, weil sie die Moderne des Traditionellen verkörpern und niemals modisch sind.

Im Glas der Wein aus 2013. In der Nase der Saft der Herzkirsche, etwas Mandel, auch Kohlrabi, ein wenig Zwetschke, Haselnuss und gering Karamell vom Toasting. Im Mund eine Explosion der geschmacklichen Wohltat; ein Wein, der schmeckt, wie großer Wein schmecken soll. Das hierfür wesentlichste Merkmal: Auch Minuten nach dem letzten Schluck ist der Geschmack des Weins noch im Mund präsent (so wie auch der Geruch in der Nase) und setzt dazu an, im Geschmacksgedächtnis festzumachen, sodass man ihn nie vergisst. Richtig großer Wein lässt schon beim Nennen seines Namens die Wärme guter Erinnerung aufkommen. So auch der Pinot Twardowskis.

Frankreich in Deutschland

Und so ist dieser Pinot-Noir die Entdeckung dieses Jahres. Ein nahezu gigantisch großer deutscher Rotwein, der Deutschland mit Frankreich in der Kategorie Burgunder gleichziehen lässt. Freilich ist dieses Gleichziehen nicht die Aufgabe deutscher Rotweinwinzer – sie schaffen seit Jahren schon lieber ihre eigenen Welten, fernab des Vergleichbaren. Und das ist der richtige Weg. Aber es ist wie es ist: Dieser Wein ist einer der besten Rotweine der Welt. Und er kommt aus Deutschland. Mehr gibt es nicht zu sagen, außer dass Twardowski das Etikett überdenken sollte, weil es den Wein nicht repräsentiert.

Daniel Twardowskis Pinot heißt übrigens „Pinot-Noix“. Das hat mit den Walnussbäumen zu tun, die neben den Weingärten stehen. Auch das lenkt eher vom Eigentlichen, der Größe ab.

Die Pinots von Daniel Twardowski gibt es in Deutschland bei Wein-Art und in Österreich bei der österreichischen Wein-Art. Es handelt sich um zwei verschiedenen Firmen und beide Länder werden getrennt verwaltet. In Österreich muss man nach den Weinen per Mail anfragen. 

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Die Wineparty wünscht guten Rutsch ins Jahr 2017. Nächstes Jahr sehen wir einander öfter, bis hin zu fünf Beiträgen in der Woche. Und sollte alles gut gehen und die Fahrt nach diesem Jahr der Blockaden wieder aufgenommen sein, dann gehen wir Mitte es Jahres auch die englische Version an. Denn nicht ohne Grund residiert die Wineparty seit zwei Monaten schon in England. Andere mögen Brexit rufen, wir rufen den Brexin aus.

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