Lobet den Lidl..

VON MANFRED KLIMEK ..statt wehret den Anfängen. Aber auch nur dort, wo er es verdient. Und das ist mitunter eine schlichte Filiale in der deutschen Provinz.

Frage nicht, was Du für Lidl tun kannst, frage besser, was Lidl für Dich getan hat. Also: Was hat Lidl mit seiner nun bald schon zwei Jahre alten Weinoffensive für mich getan? Darauf eine ganz einfache Antwort: Überraschend viel!

Ich war in diesem Jahr öfter in der deutschen Provinz. In Kleinstädten zwischen 10000 und 30000 Einwohnern. Verschlafene Orte. Und manche mit überraschend viel Leben beseelt. Ich war in diesen Kleinstädten öfter zum Abendessen eingeladen und kam so in die Verlegenheit eine Flasche Wein mitbringen zu müssen. Naja: auch zu wollen. Statt der Blumen. Wer braucht Blumen?

Erstaunlicherweise gibt es in deutschen Kleinstädten außerhalb (und auch innerhalb) der Weinzonen nur wenige Vinotheken, kaum Weinbars und – aber das wissen wir alle – folglich eine geringe Repräsentanz des Leitgetränks, das in Deutschland – eine der vier großen europäischen Spitzenweinnationen – eben nicht zur Leitkultur gehört. Schwamm drüber, denn darüber jammern wir wohl noch, wenn wir uns im Grabe umdrehen.

Also ging ich zum Lidl. In diesen Kleinstädten. Denn der soll ja Weine haben, die einer Billigsupermarktkette nicht zustehen. So lautet – zumindest abgekürzt und von mir sarkastisch verfremdet – die lang andauernde Stimmungslage in manchen Weinforen zu des bösen Lidls (schlechter Arbeitgeber) Griff nach besserer und bedeutungsschwangerer Weinrepräsentanz. Lidl also böse und ich trotzdem hin. Best of Böse sozusagen.

Best in Provinz (und nicht nur dort)

Und siehe da: selbst in der abgelegenen Provinz gab es einen Lidl, der in seinen Weinkompetenz vermittelnden Holzkisten zu meiner Überraschung ein paar anständige Weine aus dem Bordelais liegen hatte; genau jene Weine also, die uns allen zuletzt durch die Lappen gingen, weil sie keiner mehr nach Deutschland holte. Grund für das Fehlen dieser Weine und den unausgesprochenen Boykott des Bordelais war freilich auch das Verhalten der namhaften Chateaux der Region (und hier rede ich nicht nur von den ganz großen 50 Namen), die mit ihrer Preispolitik seit Jahren das Ihre taten, die Alltagsweintrinker zu verärgern und folglich auch die Händler zu vergraulen. Bordeaux- Nein, Danke! Das stand nicht nur in der Weinkarte des Berliner Sternerestaurants Rutz, als Billy Wagner dort noch Sommelier war. Und ganz ehrlich: Bordeaux ging keinem ab.

Der böse Discounter Lidl erfüllt mit dem Aufstocken seines Weinsortiments und der teilweisen Verfügbarkeit anständiger Weine nur das, was in Österreich seit langen Jahren die Weinfilialkette Wein&Co macht. Zwar gibt es Wein&Co nur in großen österreichischen Städten, doch für andere österreichische Menschenansiedlungen um 10000 Einwohner geht Wein&Co eine Zusammenarbeit mit einer österreichischen Supermarktkette ein – ein Shop-in-Shop-System. Anzumerken nur, dass Wein in Österreich im Alltag eine weit größere Bedeutung hat, als in der Bundesrepublik. Ist auch logisch: Beim den Ösis schaukeln sich die Stimmungslagen hoch. Einmal trinkt man vor Glück, dann wieder vor Pein. Einmal zu leben, ein andermal das Leben zu vergessen.

Zurück zu „Kennzeichen D“. Und zu Lidl. Und konkret: da liegt beispielsweise der La Tourelle de Croizet-Bages aus 2009 im dunkelbraun gepinselten Präsentationskistchen. Das ist der Zweitwein von Chateau Crozet-Bages (ein so genanntes „Fünfergewächs“, nach den inzwischen überholten Rangregeln von 1855) und einer von auffällig vielen Zweitweinen anerkannter Chateaus, die Lidl aus dem Bordelais nach Deutschland holt. Der La Tourelle kostet € 18,99 und ist genau jener Wein, den man manchmal regelrecht verzweifelt sucht: die Kelterung eines modern arbeitenden Traditionswinzers, der sich nicht komplett den Weinmoden ergeben hat und der einfach nur einen Regionswein mit Anspruch machen will – auch wenn die Region eine der drei bekanntesten der Welt ist.

Best of Zweitwein

Die Zweitweine aus dem Bordelais haben freilich so ihre Tücken. In mageren Jahren wie 2007 oder durchschnittlichen Jahren wie 2008 oder 2011 sind sie oft erheblich dünner als die Erstweine des jeweiligen Weinguts. Nur wenige Betriebe heben ihre Zweitweine auf eine höhere Stufe – schon aus der Tradition den Erstwein immer hochzuhalten. Dabei böte sich das Konzept der Zweitweine so richtig gut für Experimente an – auch um Neues auszuloten, etwa neue (alte) Fässer oder neue (nun rustikale) Kellertechnik. Neues, weil man manchmal Neues braucht. Leider fasst das Neue in Frankreich in traditionellen Betrieben nur selten Fuß.

Bei Lidl hat man jedenfalls erkannt, dass die Zweitweine aus dem Bordelais ein Schattendasein führen, das zu keiner beleuchteten Nische werden wird. Und man hat auch erkannt, dass man mit den Zweitweinen, die zu relativ günstigen Preisen zu haben sind, das alte und das neue Bürgertum wieder zum Bordeaux bewegen kann. Die Region war so gut wie weg vom Fenster und die offiziellen Verbände des Bordelais haben sehr wohl Interesse, dass die Weine der Region wieder öfter auf deutschen Esszimmertischen stehen.

Neben den Zweitweinen legen die von Lidl auch so manchen vergnüglichen St. Emilion Grand Cru Classé in die Filialen. Etwa den Chateau La Couspaude aus 2011. Das Weinjahr entspricht dem besseren Durchschnitt und folglich ist der La Couspaude (€ 25,90, 75% Merlot, 20% Cabernet-Franc, 5% Cabernet-Sauvignon) gleich gut zu trinken. In der Nase Cassis, dunkler Tabak, etwas Senfsaat, gering Espresso, auch etwas Rauch vom Fass. Im Mund überraschend üppig, der hohe Alkohol (14% – werden wohl 14,5 % sein) sticht nicht heraus, steigt aber schnell zu Kopf. Der Couspaude ist – wie der La Tourelle – ein klassischer, konservativer Bordeaux, der zwar sehr wohl die Merkmale der „Parker-Einflussjahre“ mitbringt (fett), aber auf jegliche Marmelade verzichtet und dem Trinkfluss verpflichtet ist. Geradeaus gesagt: Ein superber Saufwein ohne Kopfwehgarantie. Gut so. Danke, böser Lidl.

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