Der große Nik

VON MANFRED KLIMEK Riesling ist nicht Riesling. Und doch der Riesling, den man will. Wenn Nik Weis ihn macht – der große Erzähler der Mosel.

Ökonomierat“ Nik Weis steht in seinem Hang nahe seines Weinguts St. Urbans-Hof an der Mosel. Er steht in der Steillage, die so steil ist, dass man keine Höhenangst haben darf, wenn man das gelobte Terroir betritt – ein falscher Schritt und man rutscht und fällt.

Nik Weis ist Anfang Vierzig und hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Sigmar Gabriel. Sigmar Gabriel ist – so muss man sagen – ein sehr anständiger, zuvorkommender und kluger Mann. So wie Nik Weis. Leider ist Sigmar Gabriel in der Politik und gottseidank ist Nik Weis im Weinbau. Denn dozieren – was beide gut können – kommt dieser Tage im Weinbau sympathischer rüber.

Nik Weis doziert nicht nur; er weiß, dass er viel weiß und weiß zudem, wie er sein Wissen an die Leute bringt. Und Weis hat enormes Wissen, sein Hirn speichert wohl tausende Informationen über die Mosel, den Riesling, die Böden und die Herausforderungen dieses weltweit bekannten deutschen Weinbaugebiets. Eigentlich ist es so: Wenn man in einem Tag so gut wie alles über den Weinbau an der Mosel erfahren will, dann sollte man einen Tag bei Nik Weis buchen. Danach weiß man jedes Detail. Ernsthaft!

So kann einem Nik Weis auf eine Reise nehmen, die bei den römischen Ausgrabungen unweit seiner Lagen beginnt. Dort erklärt er gut eine Stunde lang, wie der Weinbau an die Mosel kam. Und in dieser Stunde wird es niemals langweilig. Weis erzählt von der Geschichte des Moselweinbaus, ohne bei den Römern und ihrem Tun eine Rechtfertigung oder Anleihe zu suchen, wie es viele andere „Weinfachleute“ tun. Weis beruft sich nicht auf die Vergangenheit, er erklärt, was sie für die Gegenwart bedeutet.

vom Verwaltungstechnischen unberührte Sonderzone

Nach vielen Kurven und Hängen fährt mich Weis zu einer entlegenen Stelle am Fluss, wo er vor ein paar Jahren Lagen und Rebstöcke gekauft hat. Von einem Winzer, der alt ist und dessen Kinder keine Winzer sein wollen. Das Besondere: Bei diesen Lagen hat die Flurbereinigung nicht zugeschlagen, die den Weinbau an der Mosel seit den Siebzigerjahren geradliniger, ökonomischer, verständlicher aber auch langweiliger macht. Hier – in dieser vom Verwaltungstechnischen unberührten Sonderzone – trifft man auf Hänge, wie sie früher einmal waren: Parzelle an Parzelle, manche nur ein paar Tischflächen groß; schwere Arbeit, die individuelle Weine entstehen lässt. Deswegen hat Nik Weis hier zugeschlagen. Und er nennt den Platz einen „magischen Ort“, vermeint sogar, dass man die Magie riechen kann. Und ja:man kann!

Nik Weis und sein St. Urbans-Hof zählen heute zur Elite des jüngeren Moselweinbaus. Gemeinsam mit Markus Molitor und Roman Niewodniczansky (Van Volxem) bildet er das herrschende Triumvirat jener Winzer, deren Flaschen im Handel kaum ausgehen (weil alle Genannten genügend Anbaufläche besitzen, um genügend Wein zu machen). Doch nur Weis – der mehr Pop in den Segeln hat, als der Wind um ihn diesen spüren lässt – kann so punktgenau über Wein erzählen.

Freilich macht dieser Erzähler auch ganz hervorragende Weine, wie etwa seinen einfachen und einfach hinreißenden Gutsriesling aus 2015, der jedem schmeckt, weil er einfach so gemacht ist, dass er jedem schmecken muss. Und dennoch ist dieser Gutsriesling auch wieder ganz speziell, ganz avantgardistisch fokussiert – also kein Gutsriesling, wie ihn andere produzieren. Das ist die Kunst des großen Winzers: Seine Kreativität, seinen Zugang, sein Forderndes, sein Spezielles im allgemein Gültigen zu erden. Wenn man in die Welt anderer Alltagsweine zurückkehrt, dann bemerkt man, dass man bei jenen etwas vermisst, das man bei Weis findet. Das ist der Unterschied zwischen gut und groß.

weißer Weis & schwarzer Weis

Weis Weine tragen zwei verschiedene Etiketten. Die weißen Weis-Etiketten kleben auf Faschen mit trockenen und feinherben Weinen. Die schwarzen Weis-Etiketten kleben auf Flaschen mit fruchtsüßen Weinen. Auf dem vorhin erwähnten Gutsriesling aus 2015 prangt ein weißes Etikett, doch mit 12,1 Gramm Zucker kann man den Wein nicht mehr trocken nennen. Die ausgeprägte Säure jedoch (hier sind es 9,7g/l) lässt ihn – wie viele Weine dieses Jahrgang – wesentlich trockener erscheinen. Die für einen Gutsriesling erstaunliche Saftigkeit verdankt er vor allem den Rebstöcken, die zwischen 40 und 60 Jahre alt sind und Zeit genug hatten, sich den Boden zu krallen. Die Salze der Mineralien sind zwar deutlich zu schmecken, sie treten aber wegen der Sedimentböden und das Muschelkalk weniger deutlich ins „Rampenlicht der Geschmacksbildbühne“ (endlich wieder so ein völlig verstiegener Begriff) wie sie das beim Riesling Wiltinger Alte Reben aus 2015 tun (weißes Etikett), den Weis aus seinen Weingärten an der Saar gewinnt.

Der in der Lage Wiltinger Schlangengraben vorrätige rote Devon-Schiefer schickt seine Salze in alte Reben, die man vor rund 50 Jahren auf einem fast hundertprozentigen Südhang pflanzte. Wenig Alkohol (10%), relativ viel Zucker (16,2g) und eine erneut hohe Säure (9,3g) machen auch diesen Riesling zu einem typischen Vertreter des Jahrgangs 2015, der an Mosel, Saar und Ruwer mit einer Säure einhergeht, die nicht so auffällig wird, wie sie auffällig sein müsste. In der Nase Quitte, etwas Birne, gering Aprikose, gering auch grüner Apfel, etwas frisch geschnittene Zuckerrübe, vorgekochte, kalte Maiskolben, Senfsaat und zuletzt etwas Brioche. Im Mund wieder Quitte, Aprikose, dann gering auch süßer, gelber Paprika und diese Schiefersalze, die man laut Experten nicht schmecken kann, weil sie nicht schmecken. Mir schmecken sie aber.

Wann wird´s mal endlich wieder trocken? Beim Riesling Saarfeilser Großes Gewächs 2015 beispielsweise. Aus der Lage: Schodener Saarfeiler Marienberg (logischerweise weißes Etikett). Neun Gramm Zucker und „nur“ acht Gramm Säure – das lässt diesen Wein aus diesem Jahrgang regelrecht furztrocken schmecken. Der Saarfeilser GG ist – und das mag vor allem mit 2015 zu tun haben – einer der balanciertesten und ausgewogensten Rieslinge, die ich je von der Mosel getrunken habe. Anderswo steht balanciert und ausgewogen oft für einen Gähnanfall, hier aber strahlt der Wein geradezu; sein Duft und sein Geschmack nach knapp vor der Reife stehenden Honigmelonen verführen zu schnellem Trinken. Aprikose, Quitte und Birne gibt es zusätzlich als Marschgepäck zwischen Zunge und Schlund.

Wann wird’s mal endlich richtig süß? Beim Riesling Goldtröpfchen Spätlese 2015 beispielsweise. Aus der Mosel-Weltruhm-Lage Piesporter Goldtröpfchen, die – wie Nik Weis sagt – „Sonnentankstelle“ unter den Steilhängen. 108 Gramm Zucker (!!) bei 9 Gramm Säure – da reitet die Südfrucht – gepaart mit einer Menge Exotik – ihre Attacke. Und trotzdem wirkt auch dieser Wein nie und nimmer so süß, wie sein Zucker an Wirkung verlangen dürfte. Dafür aber schmeckt man Eleganz und Noblesse, die an große, elsässische Rieslinge erinnern. Doch das ist Quatsch: große Rieslinge des Elsaß sind ein stückweit grobschlächtiger und prolliger. Den Ruf der Weine machen immer noch jene Menschen, die in den Weinregionen leben. Nik Weis ist an Mosel und Saar eine der wenigen Ausnahmen – er erzählt und keltert die größere Geschichte.

Riesling 2015 feinherb für € 9,50 bei Belvini

Riesling 2015 Wliltinger Alte Reben für € 12,50 bei Wir Winzer

Riesling 2015 Saarfeilser Großes Gewächs für € 27,50 bei Josef Schreiblehner

Riesling 2015 Piesporter Goldtröpfchen Spätlese für € 27,50 bei Kölner Weinkeller

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