Der Kultwein des schwäbischen Diktators

EXKLUSIV: Wie die Rebzüchtung eines karibischen Diktators schwäbischer Herkunft heute den portugiesischen Weinbau bereichert. Die Geschichte des Antao Vaz.

Dies ist die schier unglaubliche Geschichte von Antao Vaz, der 1908 als Georg-Anton Wasch in Geislingen (Steige) geboren wurde und im Alter von zehn Jahren – nach den verheerende Schlachten des ersten großen Krieges und vor der größten Grippewelle der europäischen Geschichte – mit seinen Eltern nach Lateinamerika auswanderte. Hätte ihn die Grippe 1918 oder 1919 dahingerafft, so wie sie etwa die junge Familie des Obszönmalers Schiele dahinraffte, so wäre einem karibischen Eiland viel Leid erspart geblieben. Und der Welt eine weitere autochthone Rebsorte.

Doch der Reihe nach: Der junge Vaz studierte in Buenos Aires Politologie und wurde später so etwas wie der außenpolitische Berater des populistischen Präsidentenpaares Peron. Er verschaffte der argentinischen Industrie Kontakte zum aufstrebenden deutschen Nachkriegs-Mittelstand und kann so als einer der ersten Lobbyisten gelten, die die Moderne dieses Namens auch verdienen. Anfang der Fünfzigerjahre soll Wasch, der seinen Namen schon 1944 auf Vaz ändern ließ, auch der Geliebte das späteren Musicalstars Evita Peron gewesen sein. Auf jeden Fall starb sie in seinen Armen. Das musste freilich der Öffentlichkeit vorenthalten werden und der damalige Mittvierziger Vaz bekam zwei Alternativen auf den Tisch geknallt. 1.): Schauprozess wegen Verrates und vor ein Erschießungskommando gestellt zu werden. Oder 2.): ein Schweizer Nummernkonto und ein Leben als Stillschweiger in einem karibischen Paradies. Es ist wohl klar, wie Vaz sich entschied.

So landete Vaz Ende der Fünfzigerjahre nach ein paar Lebemann-Jahren in Lausanne und Genf auf der Inselgruppe St. Hercule & Poriot, damals besser als „Belgische Antillen“ bekannt. Vaz bewohnte in der Hauptstadt Fernando-Poo eine präsidial zu nennende Villa und so war es kein Wunder, dass ihm – dem durchtriebenen, aber beschäftigungslosen Politstrategen – sehr bald das Präsidialamt der von etwa einer Million Einheimischen bewohnten Inselgruppe ins Auge sprang. Als die lokale Verwaltung dort während der belgischen Kongokrise gegen Brüssel revoltierte – wo man auch interne Konflikte auszutragen hatte und sich nicht um ein „paar tropische Felsen, wo Neger wohnen“ (König Leopold von Belgien) kümmern wollte – schwang sich Vaz zum Anführer des Aufstands auf. Ein deutschstämmiger Argentinier galt der Bevölkerung als vertrauenswürdig. Sie sollte es bitter bereuen.

Menschenhasser und Weinfreund

Denn Vaz paktierte sogleich unverhohlen mit den Amerikanern und errichtete eine Militärdiktatur. Er installierte einen Geheimdienst und sorgte dafür, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung für staatliche Sicherheitsorganisationen arbeitete. Das hatte von den Kommunisten Europas gelernt: diese Menge beschäftigt Abhängiger ist für ein stabiles Regime ausschlaggebend

Doch Antao Vaz hatte neben der Politik noch eine zweite große Leidenschaft. Und die war der Wein. Das Weintrinken hatte er in Argentinien am Hofe der Perons gelernt; sein Weinwissen „ertrank“ er sich in vornehmen Restaurants der französischen Schweiz. Schon als er auf St. Hercule & Poriot aufschlug, soll er mehrere tausend Flaschen bester französischer und deutscher Weine mitgebracht haben. Doch Vaz ritt mehr, als bloß die Liebe zum Trinken; ihn plagte ein auch anderer Durst: er wollte als Rebzüchter in die Geschichte eingehen.

So holte er Ende der Sechzigerjahre ein paar namhafte Rebschulbesitzer und Klonexperten auf die Insel. Doch, wie erwartet, war das Klima auf St. Hercule & Poriot zwar für den Anbau von Zuckerrohr und Tabak geeignet, aber so gut wie kaum für den Anbau von Weintrauben. Diverse Fäulniserkrankungen rafften die Experimentgärten schnell dahin.

von Castro verlacht

Einzig auf einem ostseitig gelegenen Vulkanhang der Hauptinsel St.Hercule überlebten Rebstöcke mit Ach und Krach. Hier, im kalten Lavaboden des erloschenen Feuerspeiers, konnten sie tief wurzeln. Und nur hier war das Klima so trocken, dass mehr als die Hälfte der Beeren von Fäulnis verschont blieb.

Vaz ließ sich auf seinem Eiland als großer Önologe feiern; er ließ von sich sogar schreiben, dass er der den „karibischen Wein“ erfunden habe, der der Region neben Zucker und Tabak ein drittes agrarisches Exportstandbein verschaffen solle. Doch andere Länder Lateinamerikas und der Karibik wollten den Plänen von Vaz nicht folgen und nahmen die Mühe erst gar nicht auf sich, nach idealen Anbaugebiete zu suchen. Kubas Fidel Castro verhöhnte Antonio Vaz sogar mit einem nach ihm benannten Schmäh-Rum („La-Vaz-Kiri“). Vaz erkannte erst spät, dass seine Pläne für einen karibischen Weinbau von Anfang an gescheitert waren. Verbittert und starrsinnig fiel er – noch im Amt – einem Mordanschlag zum Opfer, den ein evangelikal einzustufender Politaktivist mit einem Eispickel verübte, den er Vaz mit zwei Schlägen in den Schädel trieb. Der Mann kam – wie Vaz – aus Schwaben und erschlich sich die Freundschaft des mißtrauischen Diktators, der Zeit seines Lebens ohne Frau und ohne Kinder blieb. Evita Peron – so schreibt ihr Biograf David Hamill – blieb die einzige wirkliche Liebe im Leben dieses vergessenen schwäbischen Abenteurers.

Doch was wurde aus seinen Weinexperimenten. Nun: Antao Vaz hatte für seine Weingärten mit verschiedenen Kreuzungen experimentiert. Unter anderen auch mit autochthonen portugiesischen Weißweinsorten, die bis heute kaum jemand kennt. Aus zwei dieser Sorten, Cayetana Blanca und Joao Domingos, gebar Vaz jene Rebsorte, die das Klima der Insel als einzige überstand. Und weil der argentinische Schwabe ein Egozentriker war, wie man ihn sonst nur in Hemingway- oder Wolfe-Büchern findet, nannte er seine Kreuzung auch nach sich.

Doch es waren portugiesische Geschäftsmänner, die nach dem Tod von Vaz ein paar Rebstöcke in die portugiesische Region Alentejo zurückbrachten, um zu sehen, wie sich diese dort entwickeln. Und siehe da: die Böden im Alentejo scheinen für Antao-Vaz-Stöcke besonders gut geeignet zu sein. Das erkannten auch einige führende Winzer der Gegend und pflanzten über Jahre eine nicht unbeachtliche Menge Antao Vaz aus. Heute spricht man hier von etwa 1500 Hektar, auf der die karibische Sorte steht. Ein paar weitere Hektar soll es in Italien geben.

gerne und besser in einer Cuvée. Aber diese bestimmend

Einen der geradlinigsten Antao Vaz keltert man in der Cooperative Vidigueira. Der Wein über dem Basiswein – Jahrgang 2015, eine Cuvée mit einer anderen regionalen Rebsorte (15%), für etwa € 5,50 – wurde zu einem geringen Teil auch in neuem Holz ausgebaut, das dieser Wein aber förmlich „schluckt“, ohne dass die Aromen des Toastings sich auch nur annähernd geschmacksbildend auswirken. In der Nase Stachelbeere, Quitte, etwas nasse Kastanienschalen (wie nach einem Regenguss auf der Hauptallee), dann etwas Vinyl, auch Oregano und frisch angeschnittener Gelbwurz. Dazu noch ein Hauch Brotteig. Im Mund dann auf der Zunge sehr mächtig jedoch im späten Schluck eine Spur zu schwach. Doch für dieses Geld ein Maul von Wein.

Quasi um die Ecke der Kooperative keltert man aus rund 80% Antao-Vaz-Lesematerial gleich drei hochinteressante Vertreter dieser Rarität. Das Weingut Paulo Laureano ist ein kompletter Neubau und gerade erst seit ein paar Monaten in Betrieb. Wie alle Neubauten in Portugal oder Spanien durften sich auch hier die Architekten austoben – der helle, strahlend beleuchtete Verkostungsraum ist mit transparenten Plastik-Stapelstühlen der italienischen Möbeldesigner Kartell ausgestattet. Das zeugt von sehr viel Geschmack. Und auch von Geschmack, der auf die Laureano-Weine abfärbt, denn so wie die Stühle, so sind auch die Weine hier: klar, transparent und geschmackvoll.

Während der Laureano-Einstiegswein aus Antao-Vaz nicht so ganz überzeugen kann, ist die Mittelklasse aus 2015 (für ca. € 14,00) ein richtiger Prachtwein geworden und mit leichten oder eher mittelgewichtigen Burgundern französischer Topwinzer durchaus vergleichbar. In der Nase etwas frische, röstfreie Mandelkerne, dann Quitte, Stachelbeere, Himbeere und auch ein klein wenig Minze. Im Mund sehr opulent, gleichzeitig elegant und ungeheuer trinkfreudig. Bei Laureano macht man auch einen teuren Topwein aus Antao-Vaz; dieser braucht etwa zehn Jahre um das Stadium absoluten Trinkvergnügens zu erreichen. Doch der dann letztlich nur geringe Unterschied zum Mittelklasse-Vaz rechtfertigt den hohen Kaufpreis nicht. Als Supplement sicher eine „Gaudi“.

Wasser auf die Mühlen der Räuchergegner

Das Geheimnis des Weinguts Paulo Laureano sind seine Barriquefässer, die mittels heißem Wasser getoastet wurden. Und nicht – wie üblich – mit Feuer. So kommt zur „weingrünen“, neutralen Wirkung nur ein Hauch Toasting hinzu, das man sonst eher bei gebrauchten Fässern findet.

Dieses Toasting unterscheidet sich aber dennoch von jenem, der inzwischen allgegenwärtigen Zweit- und Drittbelegungen, denn es wirkt wie ein neuer, leichter Mantel, der keine Löcher hat. Aus einer weichen, feinen Wolle gefertigt, die fast schon feinster Zwirn sein könnte. Ich hoffe, man versteht diesen Vergleich. Verstiegen sind ja alle Vergleiche hier.

Man könnte sagen, dass es schade ist, doch ist es irgendwie auch gerechte Strafe, dass der schwäbische Argentinier Antao Vaz den späten Erfolg seiner Rebsorte nicht mehr mitbekommt. Auf St Hercule & Poriot (seit 1988 demokratisch regiert) findet man kaum noch Reben, die der deutschstämmige Diktator ins Land brachte. Mit dem Verschwinden seiner Stöcke, soll auch sein Geist verschwinden – so denken die Einheimischen, die sich nun wieder mehrheitlich dem Rum hingeben. Recht haben sie! Antonio Vaz ist im Alentejo ohnehin viel besser aufgehoben.

Kontakt Cooperative Vidigueria: danielaalmeida@adagavidigueira.pt

Kontakt Paolo Loreano: geral@paulolaureano.com

Beide wurden „vorgewarnt“.

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