Das Arschjahr

RÜCKBLICK Man sitzt im Zug und schreibt einen Text über Pinot-Noir an der Mosel. Und dann stirbt George Michael. Zu Weihnachten. Was für ein zynisches Jahr. Hoch an der Zeit, auch 2016, dem Jahr selbst, einen Nachruf zu halten.

Ein Glas noch.

Und dann auf Tauchstation.

Was war das bloß für ein Jahr?

These are the days of the open hand
They will not be the last
Look around now
These are the days of the beggars and the choosers

George Michaels Tod hätte jederzeit Bestürzung und Trauer ausgelöst – nicht nur jetzt, nicht nur und ausgerechnet zu Weihnachten, so, als würde das Jahr zynisch „Last Christmas“ geigen – ein Song, der auf einmal völlig anders gehört werden wird. Die meisten Menschen verbinden George Michael mit dem Pop-Duo Wham, das für seine eher seichten Lieder bekannt war, deren wenige echte Kompositionen aber schon das große Talent des Songschreibers Michael offenbarten und auch jene Melancholie erahnen ließen, die viele Lieder seiner Solokarriere prägten, die den Interpreten auch immer etwas genauer zugänglich machte, weniger unnahbar, als andere seines Schlages. Ein Mensch bei sich.

George Michaels Tod gestern Abend wiegt aber über die Person hinaus schwer, denn er ist auch (und hoffentlich) Finale eines hinwegraffenden, am Dunklen gierigen Jahres, das viele von uns als echtes Arschjahr begreifen. Irgendwas drehte 2016. Die Jahre davor war freilich bemerkbar, dass die Welt aus den Angeln gerät und so auch ihre Tür nicht mehr schließt. Aber 2016 toppte alles; 2016 machte uns müde, traurig und melancholisch.

This is the year of the hungry man
Whose place is in the past
Hand in hand with ignorance
And legitimate excuses

Freilich ist wahr, dass dort, wo man George Michael gar nicht kannte, heute auch aus gutem Grund keine Trauer aufkommt. Und auch kein Gefühl für das Jahr, das dort schon viele Jahre herrscht. Man hat mit sich genug zu tun, das Vermeiden des Elends, die Flucht vor dem Tod, beherrscht die täglichen Gedanken der Miserablen dieser Welt. Die mögen statistisch zwar weniger geworden sein, der Weltgeist Internet macht sie sichtbarer denn je.

In den Wüstenstädten des Nahen Ostens vollführt der Islam nicht erst seit 2016 einen Selbstmord, der uns dieses Jahr in Aleppo alle noch einmal zu jenem Archaischen zurückführt, das wir überwunden glaubten. Bei Mossul – gleichzeitig, ähnlich grausam – schauen wir gar nicht mehr hin. Der lange irgendwie verdrängte, sogar verlachte Spruch „Das Eis der Zivilisation ist dünn“, diese Na-Ja-Redewendung, hat ihren Wahrheitsgehalt 2016 zur Genüge bewiesen. 2016 lässt uns viele Fragen stellen. Und wird nicht antworten. 2016 macht uns vorsichtiger, lässt das Private greifen und stellt viele Beziehungen auf die Probe. Ob sie denn halten, wenn das Schönwetter weicht.

The rich declare themselves poor
And most of us are not sure
If we have too much
But we’ll taking our chance to say
I sang twenty years and a day
But nothing changed
The human race found some other guy
And walked into the flame

Das Sterben im Nahen Osten, der Terror in Europa, die Wahl eines selbstverliebten Narren zum US-Präsidenten: das alles fügt sich gut zu diesem eigenartigen Pop-Verglühen in 2016. Bowie, Prince, Michael – um nur die prominentesten Interpreten zu nennen. Als ginge es dem Jahr 2016 – vorrausgesetzt, es wäre ein denkendes Wesen – auch um die Beseitigung eines für Freiheit stehenden Pop-Bürgertums. Mehr nimmt diese Monate Abschied, als nur ein paar große Komponisten und Sänger. Die Fülle stirbt. Es gibt keine danach.

Am gleichen Tag wie George Michael starb auch die berühmteste Militätkapelle Russlands. Ein Kollateralschaden des Syrien-Krieges. Die Band war bekannt für ihre Interpretationen von George-Michael-Songs. Kein Witz. Und noch vor 20 Jahren jubelte man ihnen bei den Konzerten der Leningrad-Cowboys zu. Im Westen.

Und ebenfalls am gleichen Tag glaubt der pakistanische Vereidigungsminister einer falschen Nachricht und droht Israel den atomaren Erstschlag an. Viele neue Dr. Seltsams sind da am werken. Und im Januar kommt der seltsamste hinzu. 2016 scheint uns foltern zu wollen. Sodass wir in 2017 nach jemandem und viele Jemande schreien, die mit dieser Ungewissheit Schluss machen, die uns plagt. Es soll endlich Ruhe sein.

And it’s hard to love, there’s so much to hate
Hanging on to hope
When there is no hope to speak of
And the wounded skies above say it’s much too late
Well maybe we should all be praying for time

Doch wir leben mitnichten in ungewissen Zeiten. Ganz im Gegenteil leben wir mit sehr vielen Gewissheiten. Gewisser war selten in der Geschichte. Wir wissen, dass Radikalreligiöse und Rechtsextreme gemeinsam unsere Gesellschaften bedrohen. Wir wissen, dass der ausufernde Casinokapitalismus die einst mehrheitlich honorigen Kapitalmärkte übernommen hat und Parteien und Staaten erpresst. Wir wissen, dass Reiche reicher und Arme ärmer werden. Wir wissen, dass sich die Europäische-Union im Zerfall befindet. Und wir wissen, dass der Euro dran Schuld ist. Und nicht die Menschen.

Wir wissen, dass ein großer Krieg kommen kann, der auch vor Europa nicht halt macht, wenn er erst ausgebrochen ist. Wir wissen, dass sich etwas aufgemacht hat, unsere Gepflogenheiten zu zerstören, unsere Wahrheiten und Wirklichkeiten mehr denn je zu trennen, etwas auch, das die Lüge zur Regel macht. Und wir wissen, dass die Zeit dem allen zuzuschauen, vorbei ist.

Wir wissen, dass das Kommende auch in unseren eigenen Reihen Opfer kosten wird. Wir wissen, dass wir wohl für ein Überleben in Freiheit und Sicherheit sicher einen hohen Preis bezahlen müssen. Oder die Freiheit der Sicherheit opfern – was wohl die meisten dem Kampf vorziehen werden.

Do you think we have time?

Wir wissen, dass dieses Jahr das Schöne, das Kluge, das gelassen Erhabene wegräumt – auch George Michael war Teil des Schönen, Klugen, gelassen Erhabenen. Lieder, die die Welt versöhnen, soll es wohl in Zukunft nicht mehr geben. Wer komponiert sie? Welcher Künstler besitzt noch das Allgemeingültige, das Pop kurzfristig für sich reklamieren konnte? Ein Glas noch. Und dann auf Tauchstation. Was für ein Jahr!

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