Steilhanger

VON MANFRED KLIMEK Ich bin an der Mosel. Hier soll es Wein zu trinken geben. Ich werde jede Flasche trinken. Heute drei Flaschen von Matthias Meierer.

Am Boden des Kellers liegt ein Band blauer LED-Lichtpunkte, die die Wand hinter den Fässern mit einem Streifen Geisterbahnlicht bespucken – die einzige und augenscheinliche Markierung der Generation des Winzers. Die acht Fässer in Reihe sind allesamt mehr als 50 Jahre alt, gut gewartet, die Beschläge rostig. Ein Fass hat eine gewaltige Delle, mit der sie damals vom regionalen Fassbauer geliefert wurde. Die Einbuchtung hat freilich keine Auswirkung auf die Qualität des Inhalts.

Den Fässern gegenüber, durch den Gang getrennt, steht eine Anzahl an die Höhe des Kellers angepasster älterer Stahltanks: deutsche Wertarbeit, unverwüstlich. Matthias Meierer bricht die Türen auf und die Gärgase suchen ihren Weg nach draußen. Kurz den Atem anhalten und rein.

Meierers Keller steht in Kesten, einem schrumpfenden Ort unter wachsenden Brachlagen. Das Gewölbe und seine Einrichtung sind das Gegenteil der gegenwärtigen önologischen Moderne der Region Mosel, obwohl der Winzer Teil einer Moderne ist; einer anderen Moderne, gegenläufig zu jener von Molitor, Hüsgen oder Thanisch. Gegenläufig, aber ähnlich. Ähnlich ergebnisorientiert. Ähnlich in der Handschrift, die das Individuelle hervorkehrt – egal ob der Betrieb sieben oder siebzig Hektar hat.

Klein, fein, allein

Meierer hat sieben. Und sagt, das reiche für ein Familienweingut, das sei die Größe, die ein Familienverbund noch gemeinsam zu bewältigen vermag. Der Vater, der sich – wie nach Generationsablösen häufig – um die Weingärten kümmert, kommt zum Gespräch hinzu. Er trägt einen Stützverband um den Hals – ein Bruch des Halswirbels. Nein, er sei nicht Opfer seiner Steillagen am Herren- und Paulinsberg geworden, es war lediglich ein schlagartig überraschender Fehltritt auf einer alten Holztreppe. Der Teppichboden habe bei Eintreffen des Notarztwagens ausgesehen wie nach einem Blutbad in einem Hollywood-Film. Schnell wieder auf den Beinen. Und zäh bleiben.

Matthias Meierer holt seinen Bus aus der Garage und fährt uns die steilen Wege hoch. Ganz oben halten wir an einem Weingarten mit einer „Gemäldeaussicht“ auf die Flussschlange. Wir blicken auf ein Frachtschiff hinunter. Und auf das gegenüberliegende, weniger steile Ufer, das sie Spuren der Flurbereinigung von 1971 wie Wundmale trägt. Meierer geht an den Hang heran und zeigt auf die Stöcke, die allesamt noch tragen. Warum wurde hier noch nicht geerntet? Es ist doch schon Ende November!

Der Winzer tritt ein Stück in den Hang und zeigt auf die geringe Botrytis, die das Lesegut aufzuweisen hat, obwohl es schon seit Tagen regnet und die Mosel hier als Feuchtigkeitsspender ihr Zusätzliches leistet. Doch am Herrenberg und auch am Paulinsberg wehen kühle Winde, die die Trauben schneller trocknen als anderswo – the Kleinklima stupid.

Vieles darf länger

Eigentlich wollte Meierer hier Anfang der neuen Woche lesen, doch laut Wettervorhersage wird es erneut regnen. Und dazu noch wärmer werden – bis 16 Grad. Das wird der Botrytis dann wohl doch noch jenen Schub geben, den sie anderorts schon hatte. Wird das trotzdem noch ein trockener Wein? Meierer bejaht: von hier kommt so gut wie immer nur trocken. Auch dieses Jahr.

Vieles darf etwas länger dauern. So auch ein Riesling, den Meierer aus einem der alten Holzfässer holt. Er gärt jetzt schon ein Jahr und wird wohl bis April 2017 weitergären. Hätte Meierer Restsüße gewollt, wäre die Gärung längst gestoppt, der Wein am Markt und wohl auch verkauft, das Geld längst am Konto. Nachdem es auch die annähernd gleiche Geldsumme ist, die der später realisierte, trockene Riesling einbringen wird, handelt Meierer entgegen seiner monetären Interessen. Jeder im derzeitig vorherrschenden Kapitalismus ausgebildete, dem schnellen und schnell wieder einsetzbaren Profit zugetaner Betriebsberater würde die Hände über den Kopf zusammenschlagen, doch Weinbau bedingt seine eigenen Regeln und findet im Kopf des Winzers statt, der selbst nach einem Blick auf sein Konto mitunter der kreativen Unvernunft Platz lässt. Umso erstaunlicher ist es, dass der Konsument für derart oft gelobte Individualität, die ja in seinem Sinne ist, nicht mehr Geld zahlen will, als die sieben bis neun Euro, die Meierers Weine im Durchschnitt kosten. Die Steillagen der Mosel sind zwar schön anzusehen, doch richtig rentabel werden sie erst, wenn man zig Hektar von hat und ein eingespieltes Team auf die Runde schicken kann, das die Hänge täglich unter die Lupe nimmt. Langsam, zu langsam, steigen die Preise. Die Qualität steigt ihnen voraus.

Meierer schenkt seine alten Reben 2015 in die Gläser, ein Wein mit festem Kern, leicht bitter im späten Schluck, die Frucht in einem Verlies haltend, in dem man ihr ein Megaphon zum Hier-Schreien in die Hand gedrückt hat: Quitte, frische, ungeröstete Mandeln, gering Zitronenmelisse – Grenzgängertum ohne auffällig zu werden. Gradios dann die einfache, feinherbe Literware aus 2015 (für € 5,90); ein exzellent gemachter Saufwein, dessen hohe Säure (das eigenartigste Merkmal dieses sehr guten Jahrgangs) den Restzucker auf die Ränge verweist und der Mineralität das Parterre überlässt, das sie auf die Bühne steigen lässt, die sie sich mit den dort bereits wartenden Zitrus- und Steinobstfrüchten teilen muss. Nicht viel nachdenken, trinken! Obwohl?

Lass die jungen Trauben faulen

Der fruchtsüße Riesling aus jungen Reben (€ 14,90, aus einer Neupflanzung) ist jener Spaßwein, der der Mosel gemeinhin fehlt. So einen, sagt Matthias Meierer, krieg man auch nur aus Stöcken hin, die drei bis fünf Jahre alt sind. Die Trauben lässt er gerne von der Botrytis holen, „zusammenfaulen“ wie er salopp sagt. Im Schluck bleibt der Wein tänzelnd, das Schwere, der Tiefgang kommt mit dem Alter der Reben, wenn die Wurzeln der Stöcke in den Schiefer greifen, wie Dagobert Duck in seine Goldtaler.

Die Weine von Matthias Meierer gibt es ab Weingut. Der Winzer keltert auch einen Orange-Wine namens WTF, den ich kosten durfte. Über jenen folgt zur gegebenen Zeit ein eigener Artikel.

Wie auch die Monate vor dem Koma ist und bleibt die Weinparty eine ausschließlich journalistische Plattform.

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