This salty Dog

VON MANFRED KLIMEK Ich bin an der Mosel. Hier soll es Wein zu trinken geben. Ich werde jede Flasche trinken. Heute vier Flaschen von Alexandra Künstler & Konstantin Weiser.

Traben-Trarbach ist eine kleine, schöne Doppelstadt, deren beide Stadtteile von einer explizit hässlichen Brücke verbunden werden. Brücken über die Mosel scheinen das Problem an der Mosel zu sein: es gibt keine schönen – bis auf jene in Wehlen, die auf das Weingut der Familie Prüm zuläuft.

Traben & Trabach: das sind ruhige Klein- und Nebenstrassen, die vom Tourismus weit weniger heimgesucht werden, als das liebliche Bernkastel-Kues, wo die Literware-Trinker aus einem Land namens Camping auf das rauschsuchende mitteldeutsche Bürgertum stoßen.

Traben und Trarbach weisen beide zwar Weinlagen aus, die kennen aber nur wenige. Das ist ungerecht, dennoch hat es seine Richtigkeit. Traben beherbergt namhafte Winzer wie etwa Martin Müllen oder Diejenigen von Hüsgen; Traben hat zudem das schönste Hotel am Fluss, das Jugendstiljuwel Bellevue mit grandiosem Restaurant und großer Weinkarte; und dennoch steht hier alles irgendwie abseits des Wein gestellt, der das Leben schon im Nachbardorf Reil merkbar stärker bestimmt. Traben & Trarbach wirken für den Fremden folglich unentschlossen; wirken so, als hätte die Verwaltung hier kein klares Bild welche Agenda verfolgt wird. Die dramatischen Unterschiede des in den Ladenzeilen Feilgebotenen sprechen beweislastig eine deutliche Sprache.

In dem Unentschlossenen lässt es sich aber gut eintauchen, auch untertauchen. Und so mittendrin, zugleich weg vom Schuss, leben Alexandra Künstler und Konstantin Weiser, die ein altes Winzerhaus gekauft haben und abseits des Moseltrubels ganz exzellente Weine keltern. Rund 20000 Flaschen im Jahr. Peanuts also. Von 3,5 Hektar, die meisten zu Enkirch gehörig, das an Trabach anschließt – anderes Ufer.

Das Provisorische als hohes Gut

Dem Weingut und ihren Machern merkt man ihr Leben im Provisorischen an, eben jenes Provisorische, das eine klar ausgearbeitete Stilistik benötigt, um Haltegriffe zu finden. Und jenes Provisorische, das die Kreativität aus den winzernden Individuen heraushievt, wie der Spaten einen Hub Erdreich für neues Bauland. Wäre da nicht der finanziell ergänzende Nebenberuf, den Alexandra Künstler verfolgt, dann wäre das alles önologisches Prekariat.

Das Weinmachen haben die Weiser-Künstler, so sagen sie, von Daniel Vollenweider gelernt – ein Schweizer Quereinsteiger, dessen klare, mineralische und salzige Rieslinge die idealen Sparring-Partner der ebenso klaren, mineralischen und salzigen Rieslinge der Weiser-Künstler sind. Die beiden Weingüter stellen, so unterschiedlich im Detail, eine Kleingemeinschaft des Andersdenken dar. Wenn man da noch die Rieslinge der Familie Melsheimer und jene von Immich-Batterieberg (Gernot Kollmann) auf den Tisch stellt, so kann man von einer „alternativen Mittelmosel“ sprechen, die sich hier deutlich wie selten manifestiert.

Der Gutsriesling (€ 9,00), größtenteils aus Trauben anderer Winzer gekeltert, deren Heranreifen aktiv begleitet wurde (ein Mix zwischen Pacht und Kauf also), hat schon all das, was das Weingut und seine Macher auszeichnet: Schärfe, Präzision, Salz, Avantgarde, Extravaganz und Trinkfreudigkeit. In der Nase Zitronenmelisse, Limette, etwas Pfirsich, wenig Aprikose, minimal Quitte. Im Hals dann auch ein bisschen von den 13g Restzucker, die von den 9g Säure nur während der ersten Minuten in Schach gehalten werden.

Sekt as Sekt sonst nicht kann

Die extrem kantige Trockenheit des Gutsrieslings findet seine Fortsetzung im wohl schärfsten und salzigsten Rieslingsekt, den die Erde kennt, den Enkirchner Zeppwingert aus 2014 (€ 18,00), ein Schaumwein, den man aufgrund seiner brillanten Säure auch noch ein paar Jahre liegen lassen kann, bis er jenes Quentchen Morbidität bekommt, das ihm zum Speziellen noch Spezielleres hinzufügt.

Große Lagen, 2015, trocken, deren drei: Steffensberg, Gaispfad, Ellergrub. Ist der Riesling Steffensberg (€ 16,50) schon trinkbereiter, so sind die anderen beiden, vor allem die „Große Eule“ Ellergrub (Große Eule ist die Bezeichnung für den Premiumwein des Weinguts, der keiner Lage fest zugeschrieben ist), noch in einem Wartestadium, das geahnt einige Jahre dauern kann. Hier wird auf jene – seltener werdenden – Weintrinker gesetzt, die gerne Flaschen in den Keller legen und ebenso gerne auf dem Moment des Öffnens warten; die sogar in der Wartezeit Freude haben, die wartenden Flaschen im Keller zu besuchen und ihnen gut zuzureden. Solche soll es nach Hörensagen noch geben.

Der Steffensberg duftet nach frisch angeschnittener Quitte, etwas grüner Birne, dann minimal Pfirsich (oder sagen wir Steinobst) und gering Klee. Im Mund fällt die vorerst geringe Salzigkeit auf, die dann aber am Gaumen zuschlägt, als hätte sie es auf den späten Moment abgesehen. Ganz anders Gaispfad (€ 23,00) und Ellergrub (€ 28,00). Hier verliert die Quitte gegen frische Kastanienschalen und einen schwer auszudifferenzierenden Steinobstduft. Salz kann man nicht riechen, hier riecht man es. Im Mund sind die beiden Premium-Lagenweine dann jene „Maul-voll-Wein-Bomben“, die zum derzeitigen Zeitpunkt zwar Freude bereiten, jedoch unmissverständlich klar machen, dass sie zu früh zur Detonation gezwungen wurden und ihre ganze Sprengkraft in der Vermutung zurücklassen.

Bei Weiser-Künstler keltert man auch Kabinettweine. Doch diese waren bereits Wochen nach dem Abfüllen ausverkauft. Die Winzer haben vier Flaschen für den Eigenbedarf aufgehoben. Ich habe – trotz Vorschlag – gebeten, diese nicht zu öffnen.

Die Weine von Weiser-Künstler gibt es ab Weingut. Ich empfehle österreichischen Rieslingtrinker sich ein neues und wahrscheinlich unbekanntes Bild der Begriffe Salzigkeit und Mineralität zu machen.

Die Weinparty ist und bleibt eine journalistische Plattform.

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