Was tun, wenn mein Lieblingswinzer ein rechtsextremes Arschloch ist?

VON MANFRED KLIMEK Wir trinken hippe Weine hipper oder gehypter Winzer. Doch was, wenn sich dieser als Freund und Unterstützer rechtsextremer Parteien entpuppt?

In diesen Tagen wird viel von der gesellschaftlichen Spaltung gesprochen; von linken und grünen, von akademischen und universitären Eliten, die in ihren innerstädtischen Wolkenkuckucksheimen wohllebig kuschelnd die Bewohner der kulturlosen Vorstädte verachten, dies auch laut raustrompeten, und so seit Jahr und Tag zum Erstarken der populistischen und extremen Rechten beitragen. Diese Rechte ist aber nur erstarkt, weil sie gewählt wurde. Und weil Wähler da sind, die sie wählen.

Diese Wähler werden (in Österreich und Frankreich) nun schon seit 30 Jahren mit jenen Faschisten gleichgesetzt, die die Parteien der neuen Rechten seit Anbeginn dominieren. Dieser Kapitalfehler – dazu noch die unerbittliche Ignoranz aller Probleme mit der Zuwanderung – hat der neuen Rechten ein loyales Wahlvolk kreiert, das nun auf Jahre hinaus rechte Spinner und Lügner wählen wird; ein Wahlvolk von Menschen, die jedem erlogenen Mist auf Facebook mehr Glauben schenken, als einer aufwändigen Recherche, die das Gegenteil ihrer Ansichten beweist. Das Postfaktische, das richtigerweise „das Andersfaktische“ heißen müsste, dominiert die Rechtswähler, ihre linken und liberalen Gegner und die Zuwandernden aus dem Islam gleich- und gemeinsam.

wohllebige, städtische Genießer

Das Umfeld der meisten Weinenthusiasten bildet eine breite Schicht städtischer Genießer, darunter viele Freiberufler (Ärzte, Anwälte, Berater, IT- oder Medienleute), die allesamt einen Sensor für Ethik in Zusammenhang mit Sinnlichkeit haben. Liest man die wesentlichen deutschsprachigen Weinforen, so begegnet sich dort nicht zwingend ein linkes oder grünes Publikum, sicher aber ein eher linkes, sicher liberales und oft auch liberal-konservatives Bürgertum, das den Rechtspopulismus und seine Wähler entweder ablehnt, oder zumindest erbärmlich findet. Die Wähler der AfD und der FPÖ trinken Bier und Schnaps; ihr Terroir ist das Zelt und nicht die Bar; ihr Rausch ist feucht, laut und gewaltbereit.

Viele der neuen Winzer sind mit ihrer Klientel aufgestiegen. Das gilt vor allem für Österreich, wo der Weinbau und die Gesellschaft eine gleichzeitige Stunde Null hatten: die Jahre 1984 (Aufstand von Hainburg) und 1985 (Weinskandal). Danach blieb fast überall im Land kein Stein auf dem anderen. Und mit 1986 folgte mit Waldheim und Haider die Rolle rückwärts, die immer noch rollt. Die neuen Weintrinker von damals sind heute alte und tradiert trinkende Weinkonsumenten und mehrheitlich einer linksliberalen, gesellschaftskorrigierenden Elite zuzuordnen. Und die Winzer wissen das; ihr Weltbild hat sich mit ihren Klienten verbunden, hat sich über ihre Klienten geformt. Was nur logisch ist – eine Selbstverständlichkeit.

allez Front National

Doch nun ändert sich was. Nicht nur in Österreich. Neulich im Gespräch wurde von einem sehr berühmten, hochheiligen Winzer aus der Region Burgund berichtet, dessen Sohn nicht nur offen Sympathisant der Front National sein soll, sondern diese auch aktiv unterstütze. Trinke man also eine Flasche von seinem nicht gerade günstigen, heiß begehrten und streng limitierten Wein, so hieß es, fließe ein gewisser Betrag sicher auch – „sicher“ mal nach Hörensagen – in die Parteikasse der französischen Rechtsextremen. Da wurde am Tisch kurz nachgedacht. Und man konnte die Frage in den Gesichtern lesen: „Darf ich von dem überhaupt noch was kaufen?“

Doch auch der Weinmacher eines sehr gehypten, ökologisch bravourösen Weinguts an der Loire hat sich in einem Gespräch, das dann doch kein Interview wurde, eindeutig für die Verteidigung Frankreichs vor den Einwanderern ausgesprochen. Und für ein Verbot des Islam. Selbstredend wählt er, verlautbart, im Frühjahr Marine (was für ein bescheuerter Vorname) Le Pen. Denn Frankreich muss gerettet werden. Und er, der erzgrüne, lokale Bauer, leiste seinen Beitrag dazu. It´s the Heimat stupid.

Ich kann mir gut vorstellen, wie den Leuten in den schicken Öko- und Naturweinbars die Gläser aus der Hand fallen würden, wenn gerade ihr Idol, jener, dem sie so viel zu verdanken glauben, Lob und Hudelei auf ein kommendes Rechtsregime anstimmt.

Das naturnahe Arbeiten macht noch lange kein linksliberales Weltbild

Österreicher brauchen da nicht weit zu fahren: In der Südsteiermark und im Mittelburgenland gibt es einige gute und bekannte Winzer, die ein stramm nationales, sicher rechtes Weltbild verfolgen. Das naturnahe Arbeiten steht dem nicht im Wege. In Deutschland hingegen scheinen die Winzer aus Klugheit und gutem Grund mit ihren politischen Ansichten zurückzustecken. Denn richtig auch: die gehen eigentlich keinen was an. So lange aus Worten keine Taten werden, oder Worte zu Taten anstiften, stimmt das auch.

Richtig zudem: Ein Winzer, der in kleiner oder großer Runde über seine Vorliebe für rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien und ihre „Führer“ spricht, kann sich eines Shitstorm sicher sein. Und auch, dass er auf vielen seiner Flaschen sitzenbleibt.

Das ist kein Aufruf als Blockwart nachzufragen, was „meine“ Winzer so denken. Es ist ein Aufruf, Werk und Meinung zu trennen. Und Andersdenkende nicht mit Boykott zu bestrafen. Dieser Aufruf ist notwendig, denn zwischen dem Verfall der alten Elite und dem Entstehen der neuen wird sich so mancher Winzer neu orientieren. Und mit dieser neuen (oder auch alten) Orientierung nicht mehr länger hinter dem Berg halten wollen. Dann wird sich auch zeigen, dass die Gemeinschaft gesellschaftsliberaler Weinkonsumenten fälschlicherweise von einer Gemeinschaft gesellschaftsliberaler Winzer ausgegangen ist. Stadt und Land, Hand in Hand? Das war ein Irrtum. Nicht der einzige.

<>

Ad