Grand Cru statt Gran Reserva

VON BENJAMIN HERZOG Den “spanischen Rotwein” gibt es nicht mehr! Immer mehr Spitzenproduzenten lassen ihre Lagen sprechen. Das Konzept des Vino de Pago scheint Früchte zu tragen.

Die Spanier lagern ihren nationalen Feinkoststolz – den Jamón – im besten Fall bis nahe am Beginn der Verwesung. Klappt ja auch. Was beim Schinken gilt, gilt auch beim Wein: das jahrelange Heranreifen im Keller ist Kult. Zugegeben: den sich ein Winzer auch leisten können muss. Nehmen wir zum Beispiel die Weinregion Rioja. Die Weinwelt hier ist einfach, es gibt Crianza, Reserva und Gran Reserva. Die Qualität wird hauptsächlich nach der Reifezeit gemessen, das ist auch beim Schinken so. Die genaue Herkunft der Sauhaxen spielt eine eher untergeordnete Rolle. Es reicht zu wissen, aus welcher Region ungefähr etwas herkommt. Hauptsache die Sau hat Eicheln gegessen. Noch besser, wenn es biologische Eicheln waren. Auch bei manchem Gran Reserva Rioja spielt die Herkunft der Trauben eine untergeordnete Rolle.

2003 jedoch wurde in Spanien eine neue, höchste Qualitätsstufe für Wein eingeführt, die vor allem die Herkunft hervorheben soll – der Vino de Pago. “Weine, die als Vinos de Pago gekennzeichnet werden, dürfen keine weitere Qualitätsbezeichnung oder Herkunftsangabe führen. Darüber hinaus sollen die Weine einen spezifischen Charakter der jeweiligen Lage widerspiegeln. Im Gegensatz zu den anderen Klassifikationsstufen werden nur einzelne Weingüter klassifiziert. Weitere Bedingung ist die ausschließliche Verarbeitung eigener Trauben, die außerdem aus der unmittelbaren Umgebung des Weinguts stammen müssen.” (Danke Wikipedia). Ein Vino de Pago ist also so was wie ein spanisches Grosses Gewächs, ein Grand-Cru-Konzept. Während es in Wiesbaden jedes Jahr zwei Tage dauert, bis die Fachpresse alle Grossen Gewächse des VDP probiert hat, ginge dieselbe Veranstaltung in Madrid in weniger als einer Stunde über die Bühne. Denn bis heute gibt es gerade mal 13 Vinos de Pago in ganz Spanien.

Fernab der Weinfabriken

Spanien hat mehr Reben als jedes andere Land der Welt. Über eine Million Hektar sind es derzeit; da kann es doch eigentlich nicht sein, dass es gerade mal zwölf Rebberge gibt, die gut genug sind, um als grosse Einzellagen vermarktet zu werden. So ist es wohl auch nicht. Immer wieder wird Kritik an den Pagos laut: Die neue Bezeichnung (DO) sei von grossen Firmen zum Selbstzweck geschaffen worden und verschleiere den wahren Standort einer Kellerei, anstatt ihn zu spezifizieren. Hinzu kommt, dass viele Konsumenten vom Begriff Pago verwirrt werden. Neben der DO gibt es nämlich auch die private Winzervereinigung Grandes Pagos de España, die mich vor ein paar Wochen in ihr Land einlud, um mir die Vielfalt ihrer Einzellagen zu zeigen.

Diese Vereinigung zählt schon 29 Mitglieder, logisch sind die meisten davon nicht als Vino de Pago zertifiziert, aber die Grundidee ist dieselbe: die Vereinigung bringt Weingüter zusammen, die nur eigene Rebberge bewirtschaften und deren Weine eine ganz bestimmte, authentische und starke Herkunft zeigen. Natürlich zahlen die Winzer einen Mitgliederbeitrag für die Vermarktung. Und anders als der deutsche VDP hat Grandes Pagos de España bis heute kein eigenes Qualitätssystem, die Zertifizierung als Vino de Pago läuft separat und über die Behörden – das kann Verwirrung stiften, stiftet Verwirrung, ist aber einfach so.

Der Präsident von Grandes Pagos de España, Carlos Falcó, trägt den Titel Marques de Griñon – Markgraf von Griñon und besitzt das Weingut Dominio de Valdepusa in La Mancha. Falcós Weine gehörte zu den ersten, die nach der Gesetzesänderung von 2003  als Vino de Pago zertifiziert wurden. Der Marktgraf hat viel für den Qualitätsweinbau im eigenen Land getan, er führte 1973 als erster die Sorte Cabernet Sauvignon illegal nach Spanien ein. 1991 pflanzte er Syrah und 1992 Petit Verdot. Er installierte in der heissen Region La Mancha bereits 1974 eine Tröpfchenbewässerung nach kalifornischem Vorbild und setzt seit 1999 den Dendrometer ein – ein aus der Flugzeugtechnik adaptiertes Messgerät zur Ermittlung von Wasserstress. Dass heißt aber nicht, dass Carlos Falcó technische Weine kalifornischen Musters produziert. Ganz im Gegenteil.

Die Weine des Marques de Griñon sind nicht fett, sondern elegant und der oft kritisierte Einsatz von internationalen Rebsorten rückt sensorisch mehr und mehr in den Hintergrund. Die Reben scheinen sich an ihren Standort zu gewöhnen und den Standort zum bestimmenden Geschmackselement zu machen. Julio Mourelle ist der langjährige technische Leiter auf den Gütern von Carlos Falcó und er sagt, dass er mit jedem Jahr, wo er die Bedürfnisse der einzelnen Sorten und Lagen besser kennt, weniger im Keller zu machen hat. Als er 1995 dort zu arbeiten begann, musste der Syrah vom Gut el Rincón in der Nähe von Madrid noch aufgesäuert werden. Heute ist das für ihn und seinen Chef undenkbar.

Grand Cru aus dem Fassweinland

Nur um das klarzustellen: Die Frage nach der besten Lage und ihren Bedürfnissen stellen sich viele spanische Winzer, auch solche ohne Pago-Ambitionen. In den Exportländern wird dies aber kaum wahrgenommen. Ist der spanische Grand Cru also nur ein Kommunikationsproblem? Kann sein, denn Carlos Falcós zurzeit grösstes Ziel ist es, die „Grands Crus of Spain“, wie er die Pagos selber nennt, weiter zu stärken und so das ganze Land und die Vertreter in den Exportmärkten zum Umdenken zu motivieren. Eine Mammutaufgabe. Erst recht für einem Mann in Falcos Alter.

Der neueste Zugang zur Pago-Vereinigung zeigt, dass Spaniens Weinwelt an einem Punkt der Veränderung ist und die spezifische Herkunft der Trauben mehr und mehr ins Zentrum gerückt werden muss. Das Weingut Palacio Quemado liegt in Extremadura, der drittgrössten Weinregion Spaniens. Die Extremadura ist ein Teil Andalusiens, direkt an der Grenze zu Portugal gelegen und die Weine, die hier wachsen, sind meist für den Fassweinmarkt und für die Produktion von Brandy bestimmt – bis heute. Palacio Quemado hat als erstes Weingut überhaupt zwei Weine mit Lagenbezeichnung in Extremadura eingeführt. Eine kleine Revolution für den Landstrich und die Art, wie man dort gemeinhin Weine macht.

Die Familie Alvear hat das Projekt Palacio Quemado 1999 gestartet und kurz darauf beschlossen, portugiesische Sorten wie Trincadeira und Touriga Nacional anzupflanzen. Eigentlich logisch – die portugiesische Rotweinhochburg Alentejo ist gerade mal 40 Kilometer entfernt, die kalk- und sandhaltige Bodenstruktur macht vor der Landesgrenze keinen Halt. Den richtigen Dreh gefunden haben die Alvears allerdings erst, als sie 2010 die vier jungen Önologen der Firma Envinate verpflichtet haben. Die gehören zu den derzeit gefeiertsten Weinmachern des Landes und machen das, wofür man ein Önologenteam noch vor wenigen Jahren entlassen hätte: sie halten ihre Kunden dazu an, im Keller einfach mal nichts zu tun.

Als Erstes haben sie die Produktion auf Palacio Quemado auf biologischen Anbau umgestellt, alles amerikanische Holz aus dem Keller verbannt und auf schwach getoastete, französische Tonneaux umgestellt. Die Weine werden heute spontan vergoren und nur vor der Füllung leicht geschwefelt. Mittlerweile ist jedem klar, dass kompromisslose Zurückhaltung der einzige Weg ist, wenn man die Herkunft eines Weines ins Zentrum rücken will. Nicht nur Familie Alvear und der Marques de Griñon tun Jahr für Jahr weniger in ihren Kellern und reduzieren den Neuholzanteil – die Haltung hat sich bei vielen spanischen Weingütern gewandelt: Wenns nach Kokos riecht, ist es nicht gut, ist es von gestern.

Maria Alvear ist für Verkauf und das Marketing der Alvear-Güter verantwortlich (die Familie produziert etwas weiter südlich auch sherryartige Weine aus Pedro Ximenez – unbedingt kosten!) und gibt zu, dass ihre Weine vor 2010 von einem Wein aus der Rioja nur schwer zu unterscheiden waren. Der Einfluss der langen Lagerung in stark getoasteten Holzfässern war einfach zu gross. „Ich will trinkbare Weine machen, die nach jedem Schluck nach dem nächsten verlangen“, sagt sie lachend und giesst von ihrem Lagenwein La Zarcita 2014 ein. Und tatsächlich: Dieser Wein hat trotz seiner 14 Volumenprozent nichts Anstrengendes, Üppiges oder gar ein nerviges Kokosaroma. Blind würde man vielleicht auf Frankreich tippen. Oder auch auf Portugal. Maria meint, dass das wohl der ungeschminkte Ausdruck von Extremadura sei. Möglich, den hatte ich bis zu diesem Tag wohl einfach nie gekostet.

Diese vier spanischen Einzallagenweine sind mir auf der Reise besonders aufgefallen:

Valdespino, D.O. Jerez-Xeres-Sherry, Fino Inocente
Beim Text oben könnte der Eindruck entstanden sein, dass ich “verwesende” Weine nicht mag. Das ist natürlich komplett falsch. Ich liebe Sherry. Dies ist meines Wissens der einzige Fino, der aus einer Einzellage stammt, dem Pago Marcharnudo.
Gibt es zum Beispiel bei Vinexus für 20,35 Euro

Gramona, D.O.P. Cava, III Lustros 2007
Und noch ein Beweis, dass ich nichts gegen lange Reifezeiten habe, wenn sie dann Sinn machen. Gramona gehört zu den renommiertesten Cava-Häusern und auch zu den wenigen mit eigenen Reben. III Lustros ist der Spitzenpirat für Champagner-Verkostungen. Der Grundwein für diesen Brut Nature stammt aus der Lage La Plana. Die Reben stehen auf Lehmböden mit sandiger Unterlage auf Kalkgestein. 72 Monate auf der Hefe tun den Rest.
Gibt es bei vinos.de für 32,90 Euro

Marques de Griñon, Castilla-La Mancha, Caliza 2011
Caliza heisst auf spanisch Kalkstein und der Name ist hier natürlich Programm. Der Wein stammt vom Pago Dominio de Valdepusa – einer der ersten Rebflächen Spaniens, die die Auszeichnung Pago bekam. Ein überraschend zugänglicher und eleganter Rotwein aus 60 Prozent Syrah und 40 Prozent Petit Verdot. Sogar etwas Mineralik ist da mit dabei.
Gibt es bei Hispavinus und wird dort als “junger Crianza” bezeichnet. Da liegt das Problem. Kostet 11,20 Euro.

Mais Doix, Priorat, Salanqués 2012
Priorat-Bombe aus Grenache, Carignan und Syrah. Der steile Weinberg Salanques liegt auf 350 bis 450 Metern über Meer. Die Reben stehen hier auf den charakteristischen Schieferböden des Priorats. Perfekte Balance zwischen klassischem Priorat-Wein und saftiger, langanhaltender Frische.
Den 2011er gibt es bei Silke’s Weinkeller für 32,50 Euro. Den Jahrgang habe ich nicht verkostet.

Die Lagenweine von Palacio Quemado gibt es leider noch nicht in Deutschland.

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