Kai Schätzel, Andreas & Steffen Rings: Winzer des Jahres 2015

VON MANFRED KLIMEK Weil Avantgarde nicht orange sein muss. Weil die zweite Reihe in die erste tritt. Weil sie den deutschen Wein in die Breite tragen. Weil sie eisern oder mit einem Augenzwinkern grandiose Weine machen..

Winzer des Jahres. Das waren schon Horst Hummel, Angelo Gaja, Andreas Barth und andere mehr. In einem (nach meinem Abgang) gigantisch erfolgreichen Medium. Glücklicherweise hat dieser nun größte und einflussreichste Weinblog Deutschlands von der Winzer-des-Jahres-Tradition gelassen. Also darf ich sie – nach einem Jahr Pause – weiterführen.

Und weil ein Jahr verloren ging, dürfen es dieses Jahr zum Ausgleich gleich zwei Winzer des Jahres sein. Und es sind drei. Und sie kommen aus Deutschland. Das liegt nicht daran, dass dieses Medium seinen Schwerpunkt in Mitteleuropa sieht; es liegt vielmehr daran, dass es in Deutschland auch außerhalb der Orange- und Vin-Naturel-Bewegung Erneuerung gibt. Das kann man in Frankreich, Italien, Spanien, ja selbst in Österreich nicht bemerken – überall dort entsteht das Weiterdenken von Wein nur in den neuen Avantgardenischen. In Deutschland nicht. Hier bleibt das Fortschrittliche einstweilen noch vom Ideologischen getrennt.

Kai Schätzel und die Gebrüder Rings zählen zu jenen Winzern der zweiten Reihe, die am schnellsten in die erste Reihe aufgeschlossen haben. Zweite Reihe ist kein abschätzig gemeinter Begriff, sondern Bezeichnung der breiten Mitte besserer Winzer. Zu dieser breiten Mitte mag sich zählen wer will. Wird man beim Begriff „bessere Winzer“ aber etwas genauer, so bleiben wahrscheinlich gerade mal 200-300 Betriebe über, die man – neben den wahrscheinlich knapp 100 Betrieben der Winzerelite – zu jenen Weinproduzenten zählen kann, die uns Jahr für Jahr mit präzisen und individuell gekelterten Weinen versorgen. Viele tausende andere deutsche Winzer machen lediglich „Dienst nach Vorschrift“. Auch diese Weine kann man trinken, manche machen sogar Vergnügen.

Ein Hinweis aus dem VDP

Kai Schätzel und die Gebrüder Rings kamen dieses Jahr zum VDP – dem Verband Deutscher Prädikatswinzer – der damit auch ein Signal der Erneuerung setzt. So ein altes Fuhrwerk muss gelassen kutschiert werden und darf sich nicht bei jedem Zug des Luxus und der Moden in den Fahrwind hängen. Wahr ist aber, dass viele Winzer des VDP in den letzten Jahren nicht überraschen konnten, also auch „Dienst nach Vorschrift“ machen. Und dass manche Weine dieser Winzer lediglich als „banal“ durchgehen. Das mag viele Gründe haben, eben auch die Ohnmacht nach Überfrachtung neuer „Weinszenen“. Aber es bedarf einer Diskussion. Der VDP hat mit der Aufnahme von Schätzel und den Rings den Ball ins Spielfeld geschossen. Er landet dort im Mittelfeld und hat die Botschaft: „Strengt euch gefälligst mal an.“

Kai Schätzel macht großartige Weißweine. Schätzel ist kein intellektueller Weinmacher, sondern ein Stildiktator, jemand, der seine Art Önologie hart durchzieht. Das klingt militant, das ist militant. Schätzel hat eine klare Vorstellung: weniger Alkohol, weniger überbordende Frucht, mehr Mineralität, mehr geschmackliche Kante. Damit bedient er eine Minderheit der deutschen Weinkonsumenten, die wir hier für eine Mehrheit halten, weil wir ihr angehören. Dirk Würtz und Christian Ress können – so denke ich – gut erzählen, welches Wagnis es ist, das Betriebsprofil auf eine Minderheit Weinenthusiasten auszurichten, von welchen man – gerade in Deutschland – nicht weiß, ob sie es einem überhaupt danken.

Für mich – und jene, die ich zur Bestätigung der Entscheidung gefragt habe – sind es der Riesling Pettenthal 2013 und der Silvaner Querkopf 2013, die in Schätzels Kollektion herausragen. Für mich ebenso grandios: der „liebliche“ Riesling KabiNett 2013 und der einfache Riesling ReinSchiefer 2013. In all diesen Weinen, die Schätzel sehr spät auf den Markt brachte und somit der Flaschenreife den Vorrang einräumt, wirkt die gleiche Machart, die deutlich sichtbare Handschrift eines Handschrift-Fanatikers. In Schätzel schlummert ein sehr gnadenloser Dirigent, wenn es um die Durchsetzung eines Stils geht. Schätzel spielt nicht, changiert nicht, zaudert nicht. Er tut das, was ihm seine Ideologie des Weinmachens vorschreibt. Wenn man diese Art Tun vergleichen will, dann mit jenem eines Ferdinand Piech bei Volkswagen. Nein, der Vergleich ist keineswegs absurd.

Deutschlands Tignanello

Andreas und Steffen Rings sind anders. Sie spielen, sie changieren, sie stellen Lust vor Ideologie. Und manche ihrer Weine schmecken nach Melancholie. Die Rings machen hervorragende Rieslinge und einen ganz großartigen Sauvignon Reserve (2012), der Beweis einer ihrer wesentlichsten Stärken ist: der Umgang mit Holz. Die Rings leben Holz. Das ist nicht einfach so gesagt, denn Holz und Toasting zu erkennen, ist vom Instinkt geleitetes Wissen. Das kann man nicht lernen. Man muss in ein leeres Fass, neu oder gebraucht, hineinriechen und ahnen, wie sich die Sorte oder die Cuvée darin entwickeln wird. Und wie viel Zeit der Wein benötigt. Man muss die verschiedenen Tonnellierien probiert haben. Und man muss wissen, dass das Experimentieren mit Holzarten, Fassbindern und Toastings irgendwann ein Ende haben muss. Weil die Weine einen einheitlichen Stil verlangen, der das Weingut repräsentiert. Provokant gesagt: Es ist leichter, seinen Weinstil im Boden und der Mineralität zu finden, als im prägenden Veredelungswerkzeug Barriquefass. Holz ist große Kunst. Die Rings sind große Künstler.

Winzer des Jahres 2015 vor allem wegen drei Rotweinen. Das Kreuz 2013, das kleine Kreuz 2013 und der Spätburgunder Saumagen 2013; alle drei Weine sind atemberaubende Beweise, wie grandios deutscher Rotwein schmecken kann. Und für mich auch Referenzweine eines internationalen Stils, der als verpönt gilt, aber letztlich die unumgängliche Zukunft transportiert. Vor allem das kleine Kreuz 2013 ist mein „deutscher Volksrotwein“, eine mitteleuropäischer Tignanello. Wer hier die Nase rümpft ist – mit Verlaub – ein snobistischer Idiot.

Ähnlich, unterschiedlich, gleich

Kai Schätzel und die Gebrüder Rings sind zwei Winzerbetriebe, die ähnlich erscheinen, doch unterschiedlicher nicht sein können. Sie symbolisieren das Weiterkommen deutscher Winzerkultur, die zunehmend alle Klaviere spielen kann. Und ihr rascher Aufstieg in die erste Liga ist keine Medienarbeit oder Absprache von Meinungseliten, sondern einfach nur das Durchsetzen der Ahnung des eigenen Könnens bis sich dieses Können in den Weinen manifestiert. Und die Weine persönlicher sind, als die Personen, die sie machen. Ich darf, will und muss gratulieren.

Ad