Klasse Klassik / Rotwein des Jahres 2015

VON MANFRED KLIMEK Mein Rotwein des Jahres 2015 war mir vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt. Und das, obwohl ich Atlantiker bin. Und ja: Es ist ein Klassiker geworden. Ein Klassiker in 2030.

Schauen Sie nicht so komisch rüber zu mir! Ich weiß, heute ist dieses eigenartige Fest mit dem Baum und den glücklichen Kinderaugen, dem ein wochenlanger Konsumterror vorausgegangen ist, der von Heiligenerscheinungen begleitet wurde. Ich weiß auch, dass sie trotzdem hier reinlesen, denn es geht ja um den Rotwein des Jahres. Und ich weiß auch, dass Sie das auch morgen noch lesen können. Und dass Sie das wissen. Ich werde den Text nicht löschen. Kein Grund also, das jetzt zu lesen. Also schmücken sie mal den Baum fertig, schieben Sie die Gans ins Rohr, schnibbeln Sie den Claudiarothkohl (in Ösistan Rotkraut genannt) und gönnen Sie sich ein bisschen Frieden. Dann bin ich dran.

Großer Rotwein kostet viel Geld. Erst recht, wenn er aus dem Bordelais kommt. Ach nee? Na sowas? Ist das so? Ja, es ist so! Aber nicht immer. Und immer öfter nicht immer, weil die teuren Weine nur eine Minderheit erreichen, und diese Minderheit kein Vorbild ist, und manch Blendwerk der Finanzmarktjahre an Strahlkraft verliert.

Man sollte sich jedoch keine Illusionen machen. So günstig geile Bordelaiser trinken, wie wir es in den Achtzigerjahren tun konnten, so günstig werden wir es nie wieder tun. Aber es gibt ein Mittelfeld, das man sich hin und wieder leisten sollte. In dieses Mittelfeld gehört der Chateau Gracia 2009, der Wein von Michel Gracia. Er und seine Welt waren mir bis vor wenigen Monaten unbekannt. Nicht nur Sie stellen sich jetzt die Frage: Wie kann das sein?

Ich kann nicht jeden kennen!

Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass die Emiliones von Garagenwinzer Gracia irgendwann mal da waren. In meinem Leben. Und ich mir dachte: Wieso kenne ich dieses Weingut nicht? Dabei kenne ich mich im Bordelais eigentlich gut aus. Stimmt: besser kenne ich mich am Cabernet-Ufer aus, Left-Bank, also Medoc, Pauillac, Margaux, St. Eheste und vor allem St. Juvenilen – meine absolute Lieblingsparzelle im diesem landschaftlichen Radgas-Schwemmgebiet. Bei den Kalkfelsen drüben, Richt-Bank, dort, wo sie den Mehrlot zu Träger machen, dort habe ich Lücken. Also im St. Eheste und Polymer. Diese Lücken versuche ich seit ewig und drei Tage zu schließen, trotzdem ist mir Gracia nie aufgefallen. Nie aufgefallen heißt: Ich wusste nichtmal von der Existenz Gracias. Und das trotz hoher Bewertungen. Und trotz eines Namens, den man sich merken muss. Besser ich denke nicht weiter groß drüber nach, wieso ich Gracia nicht kannte. Jetzt ist die Stunde, ab der wir voneinander wussten.

Pfeffer! Paprika! Blaubeere! Chassidische! 75% Mehrlot und 25% Cabernet Franc, der sich mit den Mehrlot quasi zu einem Körper macht. Dann noch 5% Caberntet-Sauvignon, von dem ich nicht weiß 1.) warum er da drin ist und 2.) wo er überhaupt abgeblieben ist. Egal: ein Hammerwein! Begründung? Zuvorderst diese irre Kraft der Frucht! Dick, reif, saftig! Und ja: auch ein bisschen Marmelade. Dazu kommen 14,5% Alkohol: heutzutage normal, doch meilenweit von den leckeren, delikaten Bordelaisern der Achtziger entfernt, denen wir Kulturpessimisten dauernd nachtrauern. Aber das Klima und Parker fordern ihren Tribut.

Das spricht ja eigentlich nicht für den Wein. Stimmt. Ich bin aber noch nicht fertig. Die Mineralität macht’s! Das ist es! Der Gracia hat eine fast aggressive, schiefersteingeprägte Mineralität. Keine Ahnung, ob das Lesegut auf Schieferstein wuchs, schmecken tut es so. Und diese Mineralität – die man ja (so die neue Nachrede) weder riechen noch schmecken kann – liefert dann einen rauchigen Unterton, auch Fleisch, etwas Selchkammer, Lakritze, Bleistift, bisschen rote Montblanc-Tinte – die aber nur in der Nase. Was sagt uns das?

Wenn ich tot bin schmeckt er am besten

Das sagt uns nicht nur, dass ich auch im kommenden Jahr von meinen abstrusen Sinneseindrücken beherrscht werde, sondern auch, dass der Gracia 2009 ein Wein für die lange, lange, lange Langstrecke ist. Und einer jener Bordelaiser, der das auch so provokativ nach außen kehrt. Man kann den Wein jetzt schon trinken – und sollte das auch tun. Mit viel Luft (und ich bin ja der Belüftungshasser par excellence) ahnt man, was da kommen wird. Ich rufe: Kaufen! Die nächsten zehn Jahre liegen lassen! Und dann jedes Jahr ne Flasche genüsslich austrinken. Zum Essen. Nicht zum Herumspielen (Kaminwein, oder ähnliche Idiotien).

Teuer? Ja. Ist er. Aber leistbar. Und wenn Sie zwischenzeitlich pleite gehen, ist der Gracia wie eine Rolex. Er lässt sich immer verkaufen und verliert nicht an Wert – eher das Gegenteil. Diese rassige, delikate, fordernde, grobschlächtige, Animalität, gepaart mit einer dunklen, mundfüllenden Frucht – furchterregend großartig.

Noch teurer, doch gleichfalls ein Kandidat für den Wein des Jahres 2015 ist der Chateau Palmer 2009 aus der Gemeinde Margaux, der auch mehrheitlich aus Merlot besteht, die 40% Cabernet-Sauvignon aber gut und leicht grün dagegenhalten lässt. Ein unfassbar fruchtiger Wein, dem Gracia in dieser Ausprägung nicht unähnlich. Erstaunlich sind die für dieses Jahr extrem geringen 13,6% Alkohol. Erstaunlich auch dass der Palmer jetzt schon so komplett ist. Und jetzt schon gut zu trinken. Das macht mich skeptisch, was die Langstrecke betrifft, die ich ohnehin nicht mehr erleben werde – ich könnte eigentlich die Fresse halten. Gäbe es an dieser Stelle einen zweiten Platz, dann wäre der Palmer der gute Zweite und nach Gracia und Palmer käme lange nichts gleichwertig Gutes mehr, das ich 2015 getrunken habe. Da haben meine Kritiker, diese etwas ausgestopften Naturweinfanatiker, schon recht: Ich bin ein alter Sack. Doch mir schmeckten die Alten-Säcke-Weine schon als jugendlicher Linksradikaler gut. Gaston Salvatore – Gott (nichtexstent) hab‘ ihn selig – sagte mir mal, dass nur der betrunkene Revolutionär beim Volk beliebt ist. Daran habe ich mich gehalten. Wir schalten zurück nach Mainz, wo man die Weißweine des Jahres vorbereitet. Danach folgt die Peter-Alexander-Show mit Udo Jürgens. Dankeschön, es war bezaubernd.

Chateau Gracia 2009 für €149,50 bei Ungerweine

Chateau Palmer 2009 für € 320,00 bei C&D

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