FSK 18, Prädikat besonders wertvoll

VON MANFRED KLIMEK Kleiner Rundumschlag und großes Lob. Für den Riesling 18 von Christian Ress und Dirk Würtz. Solche Weine und solche Winzer braucht die wichtige Naturweinbewegung, um die zunehmend hinderliche Avantgarde und ihre selbsternannten Hohepriester zu überwinden.

Naturweine und so genannte Orange-Wines sind der letzte Schrei der Weinwelt, die – so wie die Kulinarik – seit einigen Jahren schon den Moden unterliegt. Und wenn man mal nicht weiß, welche Sau durchs westglobale Dorf getrieben werden soll, dann erinnert man sich an die klassischen Winzer und Köche und macht die eben zur neuen Mode. Doch davon – und erst recht von der Klassik – ist die Weinwelt gerade weit entfernt, denn sie hat einen neuen Winzer und Kellermeister gefunden und der heißt „Natur“. Dieser Winzer macht alles, der Mensch hingegen macht nichts, außer ein freundliches Gesicht. Er sieht der Natur beim Machen der Weine zu und sagt Aaaahh und Oohhhh, wenn die Natur den fertigen Wein dann in Flaschen füllt.

Meine skeptische Einstellung zu Orange- und Naturweinen ist kein Geheimnis, ich trompete meine Ansicht, es handle sich hier oft nur um untrinkbares Zeug bei jeder Gelegenheit heraus, als gelte es die Mauern von Jericho zum Einsturz zu bringen. Orange-Wines, die man ja auch ohne Natur einfach mit einer längeren Maischestandzeit hinkriegt, treten vermehrt in den Hintergrund – auch der Begriff verschwindet langsam aber sicher aus den Händlerlisten und Köpfen. Vin Naturel oder Naturwein wird hingegen zum Überbegriff dieser Hipsterwein-Avantgarde, dem neuen Spielzeug gelangweilter Bürgerkinder, die sich den Platz des Besonderen am Pool der Gleichgültigkeit sichern wollen. Naturwein ist das Handtuch, das diese Anhänger der gestaltenden Verwahrlosung frühmorgens über die Liege werfen.

Die Winzer, die vor Jahren schon mit Naturwein begannen, taten dies meist aus anderen Befindlichkeiten. Diese waren überwiegend individuell und nicht von Langeweile und Lebensversagen bestimmt. Viele dieser bewundernswerten Leute – bewundernswert deswegen, weil sie hohe wirtschaftliche Risiken auf sich nahmen – kamen über die Biodynamik zum Naturwein. Die besten Naturweinwinzer sind jene, die der Natur beim Weinmachen ordentlich zur Hand gehen und derart gestaltend eingreifen, dass man diese Weine nicht nur „trinken“ kann (was bei Naturweinen nicht selbstverständlich ist), dass diese Weine nicht nur „schmecken“ (was viele der gelangweilten Bürgerkinder nicht mehr können, weil sie ihre Papillen zeitlebens mit süßem Industriekot zugekleistert haben), sondern auch noch, und das Wichtigste, dass diese Weine divers und besonders sind, eine Handschrift haben und der ganzen Bewegung Zitate schreiben. Ohne diese Winzer wäre die Naturweinbewegung ein Nichts geblieben. Das sollten sich auch einige Händler hinter die Ohren schreiben, die sich mit dem Werk der Anderen, der Mutigen, erhöhen und sich zu Hohepriestern der Naturweinszene aufschwingen. Kritische Stimmen – wie die meine – werden da schnell mit dem Ausdruck „Schreiberling“ bedacht, der laut Duden bedeutet, dass da einer zu viel auch noch zu schlecht schreibt.

Ohne Winzer keine Szene, keine Händler, keine echten Fans

Doch ohne die Winzer sind diese Händler ebenso ein Nichts, wie es die ganze Bewegung wäre. Das sollten diese Flaschenwarenhänder mal „verinnerlichen“ – um den Dämlichen ein dämliches Wort in den Abgang zu werfen. Denn was die wichtige, weil besinnliche Naturweinbewegung nicht braucht, das sind die Obergescheiten, die ihre privaten Defizite in jener Avantgarde zu verstecken suchen, auf die sie gerade aufgesprungen sind. Die klugen Winzer werden diese Leute beizeiten aussortieren und sich gelassene Botschafter suchen, die ihre Finger tunlichst von der Empörungsklingel lassen.

Jede Avantgarde lebt von ihren Gegnern. Diese müssen so bescheuert, hinterwäldlerisch und reaktionär dagegenhalten wie ich es gerade tue. Denn nur in dieser Auseinandersetzung, im ewiggleichen Sturz des Alten durch das Neue, werden jene als Schwachköpfe aussortiert, die nicht gefestigt genug sind, zielführende Diskurse zu führen. Die Naturweinbewegung hat inzwischen hunderte starke Winzer, jedoch tausende, letztlich am Wein desinteressierte Claqueure, die nur Leidenschaft empfinden, wenn sie etwas Seltenes wie ein Geheimnis bewahren dürfen und mit ihrem Halbwissen auf Mission ziehen. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist sichtbar, den Ausweg pflastern jene bislang nur „konventionell“ biodynamisch arbeitenden Weinmacher, die in diesem und im vergangenen Jahr damit begannen, einen Schritt weiterzugehen und ein paar tradierte önologische Begleitmaßnahmen aus dem Entstehungsprozess strichen. Weil diese Winzer nicht unter religiösen Wahn leiden, wie einige selbsternannte Dirigenten der Szene, können sie ihre Naturweine ihren Händlern und Kunden auch ohne Wichtigtuerei erklären. Das hat zur Folge, dass Naturwein bald ein Teil des Mainstreams wird (was die gelangweilten Bürgerkinder freilich stört) und seine Position in der Avantgarde verliert. Naturwein wird eine geachtete und angesehene Nische im biodynamischen Weinbau werden. Zeitgleich wird es auch den ersten Naturwein aus der Weinindustrie geben. Wie die Dinge eben laufen, wenn ein Markt zu erkennen ist.

Ein Weingut, dass dem Naturwein sein Zitat oktroyiert, ist das Weingut Balthasar Ress aus dem Rheingau. Der Besitzer Christian Ress hat vor Jahren den Weinmacher Dirk Würtz in den Betrieb geholt, ein umtriebiger Speedy-Gonzales, der als Blogger in der Weinszene, also fast allen hier Mitlesenden bekannt ist, wie ein bunter Hund. Dennoch ist Würtz ein ernsthafter, penibel genauer Kellermeister, der Moden auffängt und sie durch seine Fleischmaschine faschiert, bis etwas bei rauskommt, mit dem keiner gerechnet hat. Außer er selbst.

Ein „ehrlicher“ Naturwein

Das Ress-Würtz-Zitat, das ich getrunken habe, heißt 18 und ist ein Riesling, der 18 Monate auf der Vollhefe gelegen hat. Er vergärte spontan, also ohne Hilfe von Zucht – oder gar Aromahefen, und wurde ohne Schönen und Filtern in die Flasche gebracht. Ein echter und ein tatsächlich ehrlicher Naturwein, der eben nicht so schmeckt, wie eine in Verwesung begriffene Gemüsebrühe.

In der Nase Mandeln, junge Walnüsse, Pfirsich, stärker noch Birne und Quitte, etwas Kokos, dann etwas Gelbwurz, Schachtelhalm, auch gelber Paprika und ein bisschen Bratensaft – der kommt von der Spontanvergärung. Im Mund sehr mollig, sehr rustikal, dahinter aber die Eleganz eines großen Riesling. So einen Wein kriegt nur einer hin, der Wein kann. Egal, welche Sau gerade durchs Dorf getrieben wird. Solche Winzer befreien diese wichtige Bewegung von den Kretins, Speichelleckern und Opportunisten, die sich nach der Gewissheit einer breiten Anerkennung eine neue Spielwiese für ihre Neurosenpflege suchen müssen. Sie können mit der Suche schon mal beginnen.

Es gibt nur wenige Flaschen (eh klar, die Verknappungsnummer). Und wo man die kriegt, weiß das Weingut.

Dieser Texte erschien in ähnlicher Form und gekürzt schon in der Welt am Sonntag.

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