Er wuchs. Er wächst

VON MANFRED KLIMEK Lesestrecke: Das war das Jahr des Markus Molitor. Noch nie hat ein deutscher Winzer in einem Jahr so viele Parker Punkte bekommen, noch keiner gleich drei Mal 100 Punkte. Kein Winzerprotrait, sondern die Aufzeichnung eines Gesamten, das Wachstum und Diversifikation sucht. Und findet.

Neun Uhr früh. Leichter Nebel verdampft unter der Pfeilern der neuen, umstrittenen, noch nicht fertiggestellten Mosel-Schnellstraßenbrücke, die zu wenig Widerstand erfuhr, um rechtzeitig verhindert zu werden. Markus Molitor lehnt an seinem schwarzen BMW, starrt auf die Brückenbaustelle, die von seinem Haus nahezu im Gesamten zu überblicken ist und raucht eine Zigarette. Bitte kein Foto! Weniger wegen der Außenwirkung, eher deswegen, weil er sich selber nicht so sehen will. Es nervt ihn zu rauchen, erst recht um diese Uhrzeit, am frühen Vormittag. Doch Molitor hat Druck. Nicht wenige sagen, er mache sich Druck. Er sagt: „Ich mache mir manchmal ordentlich Druck.“ Der Druck hat einen einfachen Grund: Molitor wächst. Dieses Wachsen war immer. Dieses Wachsen hat einen Automatismus angenommen, der den Druck verstärkt. Dieses Wachsen ist Programm. Dieses Wachsen ist, hat und bringt Qualität.

Markus Molitor wächst. Vor etwas über dreißig Jahren übernahm der damals 19jährige den elterlichen Betrieb, einen Torso, das, was vom traditionellen Moselweingut Molitor, der Weinbaufirma Molitor, noch übrig war. Das war nicht viel. Der Vater hatte einen Boom mit angefacht, im Boom viel Geld verdient und war mit Ende dieses Booms selber am Ende angelangt. Sein einziger, doch wesentlicher Fehler: Zu wenige und zu große Kunden. Fällt einer der großen Kunden um, dann gerät der ganze Betrieb ins Wanken. Markus Molitor hat sich Ursache und Folgen des väterlichen Scheiterns gut gemerkt. Wie die Leute reagierten. Wie die Banken fuhrwerkten. Wie es seinen Vater schmerzte, mehr und mehr, beinahe alles zu verlieren. Als dann nur mehr ein paar Zeilen Weinstöcke im Besitz der Familie blieben, nahm Markus Molitor das Weinmachen in seine Hände. Und baute einen Phönix aus der Asche. Als sein Vater starb, war der Name Molitor erneut ein großer Name im deutschen Weinbau – qualitativ ein größerer als je zuvor.

Masse und Klasse? Das geht. Wenn man selber im Keller steht

Die Molitors sind seit Jahrhunderten Moselwinzer. Sieben bis acht Erbfolgen ganz sicher. Doch Molitor hat gebohrt und noch vier weitere Generationen festgestellt – Ahnen, die man nicht mehr ahnen muss. Das ist ihm weniger wichtig, als man annehmen würde, weil er extrem im Hier und Jetzt lebt. Doch andererseits ist es ihm sehr wichtig, weil er der bislang Größte aller Molitors ist; er, der das Werk seines Vaters zugleich auf eine verschiedene und doch gleiche Art wiederherstellt und als sein Werk und mit seinem Namen versehen noch besser und wertvoller gestaltet; er, der jährlich viele zehntausend Flaschen füllt und darauf achtet, dass diese Masse selbstverständlich auch Klasse hat; er, der seine Lagen bis in die Tiefe vermisst und sie zum Träger seiner Botschaft kürt, der Botschaft, dass man in jeder Parzelle besonderes Lesematerial findet und manche Parzelle für einen singulären und individuellen Wein geradesteht, den man nur in idiotisch geringer Literzahl in Flaschen füllen kann; er, der auf Riesling schwört, gleichzeitig aber auch Weißburgunder und Spätburgunder keltert, die aus seiner Hand eine eigene Klasse darstellen und bei ihm deswegen auch Pinot Blanc und Pinot Noir heißen, also die internationalen und nicht die nationalen Sortennamen tragen; er, der dieses Jahr dreimal 100 Parker-Punkte (PP) für drei seiner Auslesen bekam und für seine hochwertigen Rieslinge, trocken wie fruchtsüß, kaum noch unter 98 PP einfährt; und er, der bei einer heuer noch anstehenden Nachverkostung erneut zweimal 100 PP abkassieren könnte. Dann wäre Markus Molitor jener Winzer, der innerhalb eines Jahres die meisten Parker-Punkte der Geschichte holt. Was für eine Ernte! Markus Molitor. Ein Deutscher. Der nach Parker-Punkten erfolgreichste deutsche Winzer aller Zeiten (ist er schon). Und eventuell bald nach Parker-Punkten erfolgreichste Winzer der Welt. Wenn man Erfolg nach Parker-Punkten bemisst. Die ganze Weinwelt tut das. Da soll sich keiner was vormachen. Neider? Bitte schweigen!

Neider gibt es ohnehin keine. Jeder, der dem Werk und der Person Markus Molitor mit Neid begegnet, macht sich nur lächerlich. Keine Neider also. Aber Relativierende. Keine Winzer. Aber Blogger und Journalisten, die gerne erwähnen, dass es freilich leicht sei, mit einer großen Anzahl verschiedener Weine auch eine große Anzahl hoher Parker-Punkte einzuholen. Dieser Einwurf kommt vor allem von lebensstilfernen Besserwissern, die über deutschen Wein dozieren, als handle es sich hier um eine weiteres Produkt aus dem Maschinenbau. Und so sehr einem die Personengruppe abstößt, die diesen Einwurf formuliert, so ehrlich muss man sein und sagen, dass der Einwurf nicht unbegründet ist. Ja, es stimmt: Molitor macht sehr viele verschiedene Weine. Viel mehr als viele andere Winzer. Aber es ist eben auch Molitors Verlangen, das Verschiedene seiner Parzellen detailliert auszuarbeiten. Damit kommt er jenen in die Quere, die zwar immer nach Diversifizierung schreien, aber denjenigen als unangemessen empfinden, der die verlangte Diversifizierung mit fanatisch anmutenden Exzess betreibt, ohne dabei angreifbaren Fanatismus auszustrahlen. Molitor ist ein Instinktwinzer, also keiner, dem ein Lehrer was vermitteln könnte. Molitor kann einfach so. Gelassen. Und Molitor weiß, dass er einfach so kann. Gelassen. Das macht ihn für manche schwer erträglich.

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