Hier Vier Wir – Die Weißweine des Jahres 2015

VON MANFRED KLIMEK Gleich vier Weißweine des Jahres 2014. Und alle vier kosten unter zehn Euro. Sie lesen eine Forderung nach einem massiven Preisanstieg..

Der Weißwein des Jahres sind vier Weißweine. Von drei Winzern. Und sie stehen exemplarisch für einige andere Weißweine dieser Art. Alle vier Weißweine des Jahres kommen aus Deutschland. Wie auch die diesjährigen Winzer des Jahres Kai Schätzel und die Gebrüder Rings. Das hat den Grund, dass Deutschland die derzeit aufregendste Weinszene der Welt hat. Mit Persönlichkeiten, die nicht das Auftreten etwa eines Eben Sadie oder anderer Jamie-Oliver-Winzer haben. Es gibt eben keine Popwinzer in Deutschland. Und wenn es sie geben würde, würde der deutsche Weintrinker sie nicht mögen. Nein, auch Markus Schneider ist kein Popwinzer.

Gleich vier Weißweine des Jahres? Warum? Schlummert dahinter eine politische Entscheidung, die diese Weine zum Instrument macht? Eine Entscheidung, die gar nicht die Weine meint und eine zweite, eine begleitende Botschaft transportiert? Ja! Stimmt! Und stimmt nicht. Ich habe diese vier Weine dieses Jahr getrunken – manche sogar in ungewöhnlicher Menge – und fand sie alle auf ihre Art und in ihrer Kategorie außergewöhnlich gut. Verglichen mit anderen Weißweinen dieser Kategorie aus anderen Ländern. Es geht also in erster Linie um Wein, um diese Weine. Und nur um Wein.

Jeder dieser Weine hatte Idee, Frucht, Finesse, Ausdruck und Handschrift. Jeder dieser Weine kam aus erfahrenen Betrieben. Und jeder dieser Weine ist Teil einer Anklage – und das ist der Sinn dieser Wahl und Auszeichnung -, denn jeder dieser Weine wird zumindest um zwei Euro zu billig verkauft – es ist gelinde gesagt eine Frechheit, dass diese Weine um dieses geringe Geld unter die Leute gebracht werden. Der deutsche Konsument mag preisbewusst sein, wie er will, er mag auf sein Preisbewusstsein stolz sein, wie es ihm gefällt, aber dieses Gejammere das da losgeht, wenn ein Wein über fünf Euro kostet, ist unerträglich. Doch es ist auch ein Zeichen eines mangelnden Selbstbewusstsein, dass deutscher Wein zu billig ist. Alle großen und qualitativ hochwertigen deutschen Betriebe – das sind tatsächlich 400 bis 500 Winzerfamilien – müssen die Idee verfolgen, die Preise ihrer Weine in den nächsten zwei Jahren um zumindest 20% anzuheben. Ja, das ist ein Risiko, denn viele Klienten kaufen dann eben Fabriksweine aus anderen Ländern. Und ja, es ist eine Chance, denn viele deutsche Weine sollten längst in den Weltmarkt eintauchen. So wie jene von Leitz, Prüm, Molitor und ein paar anderen jetzt schon tun. Der Erfolg deutscher Rieslinge in Österreich muss doch selbstbewusst machen. Das Zeug schmeckt! Und anderswo zahlt man gerne fünf Euro mehr dafür.

Kartellklage? Her damit, ich regle das

In keinem anderen Land der Welt, kriegt man so gute Weißweine um so wenig Geld wie in Deutschland. Und wenn die konzertierte Preiserhöhung zu einer Kartellklage führt, dann nehme ich die Verantwortung auf mich und präsentiere mich den Behörden als Anstifter zur Tat. Dem Besseren verpflichtet.

Ja, aber warum, wird sich mancher benefitierende Konsument jetzt fragen, warum soll oder muss deutscher Wein teurer werden? Ganz einfach: Damit die deutschen Winzer ruhig atmen können, wenn einmal ein Jahr schlecht läuft. Aus klimatischen Gründen. Soll ja mal vorkommen, hört man. Gesunde deutsche Winzerbetriebe verfügen nicht über das Gerüst, das gesunde Winzerbetriebe in anderen Ländern haben: Einen Jahrgang im Weingarten, einen Jahrgang im Keller und einen Jahrgang (besser zwei) auf der Bank. Nur das garantiert eine stabile Entwicklung dieses gigantischen Aufschwungs deutscher Weine. Und wenn der geizige deutsche Konsument das nicht zahlen und so seinen Obolus entrichten will, dann müssen die Weine eben in anderen Ländern landen. Wo man sie noch dazu erkennt und mehr schätzt. Dazu – zugegeben – bräuchte es ein anderes Marketing, ein besseres Zusammenstehen – einig Volk von Brüdern -, eine Agenda und eine Organisation wie die österreichische Weinmarketing. Geht leider nicht! Ich kenne die resignierende Antwort, ich habe in den letzten sieben Jahren zu diesem Thema genug Gespräche geführt. Geht leider nicht? Stimmt wohl.

Zu den Weinen. Da ist erstmal der Literflaschen-Riesling der Familie Gaul. Meine Liter des 2014er waren schnell weg. Ein einfacher, bissiger, zupackender, (Vorsicht Unwort) mineralischer (das dann gemäßigt), bäuerlicher, in Anklängen aber auch eleganter Wein, der Lust macht, andere Weine der Gauls zu trinken (Tipp: alle Weißburgunder!). In der Nase Pfirsich, etwas Gewürznelke, Quitte, frisch halbierte Avocado, ein wenig nasses Löschblatt und junge Feigen. Im Mund lässig, ohne kumpelhaft sein zu wollen, ordentlich, in Maßen fruchtig, mehr aber mineralisch, dabei immer ausgewogen, gleichgewichtig und in Summe megasüffig. So einen Wein gibt es um dieses Geld NIRGENDWO! „Die Deutschen sind heute die glücklichste Nation der Erde!“ (Walter Momper – die Bildungsfernen mögen gugeln, wenn sie nicht mehr wissen, wer das ist).

Motoröl? Diesmal nicht

Zweiter Wein des Jahres ist der Gutsriesling Brauneberger 2014 von Stefan Steinmetz. Was fällt diesem Narren ein, ein solches Meisterwerk populistischer Vinifikation um rund sieben Euro herzuschenken? Ungeheuerlich! Ja, ja, im Hintergrund greint jetzt der deutsche Oberstudienrat und gelegentlicher Weinkonsument, der mir zuraunt: „Wissen sie eigentlich, was der durchschnittliche Deutsche im Monat verdient?“. Ja, weiß ich. Aber ich weiß auch, welches Auto er fährt. Das ist genauso daneben, wie diese Weinpreise. Ach was! Dieses Fass (Motoröl und so) mache ich nicht nochmal auf. Sollen sie ihre Autos doch wichtiger als ihre Verdauungsorgane einstufen. Scheiß drauf. Zurück zum Steinmetz.

Ein süchtig machender Gutsriesling. Leicht, beschwingt, supersüffig, mit Idee, Handschrift, Ausdruck, Prägung und dem Wollen, Handschrift und Haltung zu beweisen. In der Nase Birne, Pfirsich, etwas Apfel, wieder Quitte, der frisch ausgespülte Wirtshausaschenbecher, gering Aprikose (Marille), Skiwachs, Senfsaat, Ringlote (sehr gering) und ein bisschen alter Zeitschriftendruck – von jenem die süßliche Komponente. Jeder, der vor zwanzig Jahren in ein Geo roch, weiß, was ich meine. Im Mund schlicht verführend (Trottelwort – stimmt hier hundertpro). Enorm rund und gleichwichtig; eine einnehmende, niemals belästigende Säure. Und dann eben der Akzent: die Mineralität. Steinmetz ist ein Instinktwinzer. Einfach wunderbar.

Die beiden letzten Weißweine kommen von einem Winzer, zu dem man nicht mehr viel sagen muss: Markus Molitor. Man kann ihm aber sagen, dass auch er zwei hervorragende Weine um mindestens zwei Euro zu gering in die Landschaft fährt. Der erste dieser Weine ist sein Pinot Blanc Haus Klosterberg, einer der besten Weißburgunder des Landes und in dieser einfachen Kategorie kaum (nicht) zu schlagen. Der Wein stellt – wie die Weißburgunder der Gauls – die Frage, ob diese Sorte gemeinsam mit Riesling und Silvaner in Deutschland die prägende Heimat gefunden hat. Lasst den Chardonnay ruhig den Franzosen und krallt euch den Weißburgunder! Diese Müller-Thurgau-Romantik (Pigott möge mir verzeihen) ist doch für den Hugo!

Einschleimer? In den Mund lassen

Molitors Pinot Blanc ist wieder ein kräftiger, fruchtiger und charaktervoller Wein für wenig Geld. In der Nase etwas Apfel, mehr rosa Grapefruit, etwas Aprikose, auch Birne, etwas Mandeln, auch frische Kastanien, ein bisschen irgendwelche Wiesenkräuter, sonst aber die Neutralität, die allen weißen Burgundersorten eigen ist; eine Neutralität, der Molitor eben mit einem aussagestarken Mundgefühl begegnet.

Ebenso konzipiert und komponiert ist Molitors fruchtsüßer Riesling Haus Klosterberg (goldene Kapsel), ein wunderbar nach Pfirsich und Mandarine duftender Einschleimer, den man literweise trinken will. Diese einfachen Weißweine – das will ich sagen und zum hundertsten Male festhalten – sind die besten „einfachen“ Weißweine der Welt. DER WELT!Und keine Flasche kostet mehr als zehn Euro. Das kann nicht so bleiben! Es mag den Konsumenten zwar freuen, aber er muss wissen, dass die großartige Entwicklung deutscher Weine – von der er oft nicht mal eine Ahnung hat und auch nichts wissen will – keine stabile Fortsetzung findet, wenn die Weine nicht teurer werden. Und den Winzern muss man sagen, dass sie ihr Glück mehr noch im Ausland suchen (und finden) müssen. Der deutsche Konsument – und das kann ich nach all den Jahren sagen – erkennt zu langsam, wie großartig viele deutsche Weine sind. Und selbst wenn er es erkennt, ist es nur eine Minderheit der Seinen, die dafür auch mehr Geld zahlen will. Das Bittere ist, dass viele deutsche Weintrinker – und ich habe das selbst erlebt – auf einen ihnen gerade bekanntgemachten Wein wie folgt reagieren: : „Klar schmeckt dieser Wein besser, aber das ist mir die vier Euro mehr nun ehrlich nicht wert.“

Noch bitterer, jedoch auch klarer und mit einer Perspektive verhaftet gesagt: Deutsche Weine müssen ihre Heimat dort suchen (und finden), wo man von Essen und Trinken mehr oder viel versteht. Denn an diesen Tischen sollten sie schon länger Platz nehmen. Ob der Konsument im eigenen Lande dann mitzieht, sollte den guten Weinmachern fürderhin egal sein, sie finden aufmerksame und dankbare Trinker inzwischen überall auf der Welt.

+) Liter Riesling 2014 direkt bei den Gauls holen. Kostet wahrscheinlich um die sieben Euro

+) Steinmetz (Günther Steinmetz) Riesling trocken Brauneberger 2014 für € 7,50 bei 225 Liter

+) Molitor Pinot Blanc Haus Klosterberg 2014 für € 9,90 beim Weinförster (oder so)

+) Molitor Riesling fruchtsüß Haus Klosterberg 2014 für € 9,80 ebenda

Keiner dieser Links wurde oder wird verkauft. Das nur erneut. Weil Fragen kamen.

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