Der Selfie

Von CHRIS T. GAMPE Der Pfälzer Winzer Christoph Hammel hat eine facebook-Präsenz wie sonst nur Dschungelcamp-Darsteller. Das bringt Aufmerksamkeit und sogar eine gewisse Prominenz. Doch was taugen die Weine dieses trompetenden Önologen? Sind sie wie er?

Christoph Hammel. Pfälzer Winzer mit Salafistenbart. Eitel und ehrgeizig. Laut und gefühlvoll. Hart und sensibel. Und Wien-Fan, weil er dort mal eine zeitlang gelebt hat. Ein Typ! Und was für einer!

Ob wir uns persönlich kennen? Natürlich nicht! Woher ich dann das alles wissen kann? Von facebook natürlich. Dort ist Hammel – außerhalb seines 63 ha großen Betriebes, den er mit seinem Bruder Martin führt – fast immer anzutreffen. Kein anderer Winzer – so scheint es, so wird es sein, – ist derart pausenfüllend online wie Hammel. Ein Typ! Und was für einer!

Was macht so einer für einen Wein? Der Hammel, der vor allem für seine mitunter verqueren, stets aber authentischen Statements bekannt ist, die nur sehr selten Rückschlüsse auf seine „Weinphilosophie“ geben. Hat er denn eine? Doch, hat er. Und die braucht keine Gebote zum herunterbeten. Sie braucht nur Hammels eruptiven Ausstöße, die sich dann wie folgt lesen:

“ Es wird eine Flasche Superkuschelsissiundfranzhellomisskittypuschel Rosé drin sein, der ist der T O T A L E Christoph Hammel !!!! So’n ganz gnadenloser Kracher für alle Nagelstudiomädels und Helene Fischer Fans . Mein absolutes Ideal ….ja…ja…etliche Kollegen würden sich schämen….ICH NICHT ….da fühle ich mich im Colloseum der oenologischen Eitelkeiten wie die ersten Christen , die zum amusement der Massen von Löwen gefressen wurden ! Für den Glauben sterben…unerschütterlich !“

Das ist Hammel. Und für mich hat er damit auch gleichzeitig die perfekte Verkostungsnotiz seines Rosé geschrieben, den ich vor wenigen Stunden vor mir im Glas stehen hatte. Was soll ich da noch sagen?

Hammel weiß natürlich, dass jeder, der länger Wein verkostet, seine Weine schon aufgrund seiner Art anders einstufen muss. Hammels Arbeit erscheint wenig ernstzunehmend, weil Hammel selbst den Anschein erweckt, es wäre eine Art Fingerübung, eine Petitesse, ein Spaß. Er stellt sich selber an den Rand. Das scheint ihm nicht zu schaden, denn Hammel weiß, dass Nerds wie ich ein lächerlicher wirtschaftlicher Faktor für Winzer seiner Größe sind. Er weiß, dass er sich vorsorglich ausschließt, weil er sich ausschließen kann. Doch das will ich ihm so nicht durchgehen lassen und trinke alle Weine, die er mir auf meine Bitte hin zugeschickt hat. Es wird Zeit, den omnipräsenten Zeitlauf-Kommentator Hammel auf sein Können abzuklopfen. Auf jenes andere Können, das ihn von anderen Winzern unterscheidet. Ist das da? Trinken wir mal. Ruckzuck, wie Hammel es mag.

Eins: Weißburgunderchardonnay mit Gaga-Namen

Ich beginne mit der Cuvée aus Weißburgunder und Chardonnay 2014 – von Hammel etwas kitschige Cuvée Mariage genannt. In der Nase etwas Banane, weiße Schokolade, Neskaffee, etwas reife Birne und Ananas. Am Gaumen dann süß/salzig wie gute Lakritze (ohne das Süßholz), die weiße Schokolade trifft nun auf einen Butterkeks. Das klingt üppiger als es wirklich ist, da die Säure die etwas molligen Aromen sehr gut kontert, sie aufhebt und eine zeitlang schweben lässt. Für lediglich € 6,75 ab Hof.

Zwei: Der teuer hergestellte, billige Riesling

Weiter geht es mit dem Riesling Gegen Gerade aus 2013. Der Name ist eine Anspielung auf den geradlinigen 08/15 Ausbau mancher Rieslinge. Bei Hammels Riesling wurden der Saft der Trauben seiner ältesten Rieslinganlage im 100 jährigen Holzfass spontan vergoren. In der Nase reife gelbrote Apfelschalen, etwas Gewürznelke und zerstoßene Koriandersamen, sowie der Geruch von jungen Erbsen, die man direkt vom Strauch gepflückt hat.

Am Gaumen dann ein sanftes Mundgefühl, wie bei leicht im Zergehen begriffenem Vanilleeis, das immer cremigen Finesse besitzt. Dieses Cremige und Saftige findet man auch in fast allen anderen Weißweinen Hammels. Trotz dieser teils recht üppigen Aromen wirken die Weine niemals überladen oder schwer. Das ist das Wesentliche des Könnens, das Hammel von anderen Winzern unterscheidet. Seine Handschrift, wenn man will. Das gefällige Zuckerschwänzchen hat sich auch wieder eingeschlichen. Ich mag das nicht so, aber es ist gnadenlos populistisch. Wie der Winzer. Auch hier ist der Preis gefühlt zu gering: € 8,50.

Drei: Der This-is-not-New-Zealand-Sauvignon

Als dritten Wein habe ich den Sauvignon Blanc Collage 2013 geöffnet. Mein Verhältnis zur Rebsorte ist in etwa so, wie jenes zu meiner Verwandtschaft. Wenn man sich alle 5 Jahre sieht ist es eigentlich einmal zuviel.

Das war früher anders. Also beim Sauvignon Blanc. Da konnte es für mich aromenmäßig nicht laut genug sein und ich liebte den Geruch von frisch gemähten Gras im Glas. Aber diese Zeit ist vorbei. Richtig aber: Vorurteile sind an der Garderobe abzugeben. Für diese wird nicht gehaftet. Ab Hof für € 8,75.

In der Nase gelbes Curry, Erbsen, leicht gebutterter Maiskolben und frisch ausgeschnittene Artischockenherzen. Dann Maracuja, Erdbeere und Rhabarber. Am Gaumen setzten sich die Maracuja- und Rhabarbernoten durch. Ich bin mir sicher, dass Christoph diesen Wein liebt. Ich werde ihn in 5 Jahren noch mal probieren. Zum Familienfest.

Vier: Mein Liebling, der Veltliner

Nun zum Höhepunkt meines Hammel-Trinkens, zum Grünen Veltliner Halbstück aus 2014. Für mich der bis dato beste deutsche Veltliner. Endlich sind wir bei den Superlativen. In der Nase Kardamom, Sternanis und frisch gepresste Blutorange. Am Gaumen dann saftig und cremig (der erwähnte rote Faden Hammel´scher Weißweine) und trotz Jugend erstaunlich rund. Ich will mich da unter das Fass legen und den Hahn aufdrehen. Das ist Trinkvergnügen für jedermann. Ein Wein der die Papillen mit Eindrücken flutet wie sonst nur die bösen Geschmacksverstärker. Der Umamiwein aus Kirchheim. Für € 12,50 ab Hof.

Fünf: Ein Fazit

Christoph Hammel schafft gekonnt und leichtfüßig den Weg vom Supermarktregal zum Wochenmarkt und über Bistro und Restaurant hin zum engagierten Fachhandel. Und er schafft das, ohne an Authentizität und individueller Aussagekraft einzubüßen. Hammels Weine sind Tausendsassa und Querbeet-Statement zugleich. Das hat eine ironische Komponente. Man wünscht sich aber mitunter mehr Genauigkeit statt Witz, doch dazu müsste der fast Fünfzigjährige seinen Charakter grundlegend ändern. Und das soll er bitte nicht tun. Auf keinen Fall! Deutschland braucht zunehmend Winzer, die sich nicht ausschließlich der Ernsthaftigkeit verschreiben. Lukas Kraus und Christoph Hammel sind zwei. Und zwanzig zu wenig.

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