Kannes Hannes

VON MANFRED KLIMEK Suchtwein ist selten. Doch Selten hat Urlaub und Hannes Sabathi macht aus mir einen Abhängigen. Dafür lade ich mich bei ihm zum Abhängen ein. Und trinke ein Fass seines Jägerberg 2013..

Alarm! Ausnahmeware! Ausnahmestoff! Die Rede ist von einem Wein, der süchtig macht. So einen gibt es selten, für mich noch seltener, und wenn, dann leider nur in der Bevor-Verarmungs-Region – also Mersault von Coche-Dury oder Chateau Lynch-Bages 1990 aus der Magnum. Beides weder oräntsch noch bio; beides aber sowas von megalecker, dass dieses vereinfachende Wort berechtigte Anwendung beanspruchen kann. Wer gegen megalecker etwas vorzubringen hat, soll das bei der Kommission zum Entscheid über das Verbot vereinfachender Wörter tun (KEVVW – Sitz der Verwaltung ist Bonn. Tel: 0228/631858).

In renommierten Autozeitschriften, deren Tester (wer Trester gelesen hat ist Alkoholiker und braucht Hilfe) völlig einflusslos und neutral z.B. über einen neuen Porsche berichten, wird ein Auto schon mal ein Jahr für einen Dauertest herumgekurvt. Meistens rund um einen oberitalienischen See, wo irgendwas mit Alpen ist (kurvig), die Sonne scheint (wegen der Fotos) und man auf Kosten anderer gut essen, trinken und wohnen kann. Damit kann ich leider nicht dienen, dieser Dauertest heute wurde von mir selber bezahlt. Wovon? Keine Ahnung, denn obwohl ich ich in den Wochen meines Vergehens keine Rechnungen schrieb, ist trotzdem Geld am Konto. Es geht außerdem um kein Auto, sondern um Wein. Der ganze Absatz müsste eigentlich gelöscht werden, er trägt zu der Geschichte nichts bei.

Ich trank vier Tage lang nur den Grauburgunder Jägerberg 2014 von Hannes Sabathi aus der südlichen St.Eiermark. Die Rebstöcke (nicht nur) für diesen Wein wurzeln unweit jenes Grenzübergangs, an dem gerade ca. 1000-3000 Menschen darauf warten in die Bundesrepublik gebracht zu werden. Was man mit dieser Information anfangen kann? Das zerbrechende Europa wird für einen kurzen Moment engmaschiger.

Grauburgunder? Naja! Keine Sorte, die mich aus den Latschen kippt. Die schwächste der Burgundersorten – immer etwas bitter, rustikal, eindimensional. Und wenn sie Kraft durch Holz bekommt, dann wird sie gleich wie Arnold Schwarzenegger: muskulös, männlich, dämlich und plump. Für lange Jahre gab es nur einen trinkbaren Grauburgunder, den von Josef Lentsch aus Podersdorf im Burgenland. Der hat auch das Wirtshaus Zur Dankbarkeit und wer kein richtiges Wirtshaus kennt, lernt es da kennen.

Uninteressante Sorte? Falsch!

Grauburgunder? Hatte ich abgeschrieben. Bis Mittwoch vor drei Wochen. Da trank ich mein erstes Glas Jägerberg. In einem Restaurant in Wien, das Gaumenspiel heißt, aber nicht so altvatrisch ist, wie der altvatrische Name vermuten lässt. Dieses Glas löste ein mir bis dato nur von Coche-Dury bekanntes Suchtverhalten aus, das ich am zweiten Tag der Rauschgiftbehörde melden wollte. Mein Jägerberg-Rausch dauerte vier Tage, dann musste ich fahren und der ungarische Speisewagen nach Berlin hatte keinen Jägerberg auf der Karte. Der Entzug schmerzte derart, dass ich erst heute über meine Sucht schreiben kann.

Obacht: Einen Grauburgunder Jägerberg gibt es auch vom famosen Erwin Sabathi, der ein paar tausend Flaschen mehr abfüllt als der Hannes. Auch der Jägerberg vom Erwin ist ein großer Wein, der Jägerberg vom Hannes ist aber ein anderer. Und das liegt am Holzeinsatz. Der ist perfekt wie nur was. Und diese Perfektion ist selten.

Meine Annahme war, dass der Hannes 70% gebrauchte und 30% neue Barriques mit Medium-Minus-Toasting verwendet hat. Von Francois Freres. Ja, das sind Insider! Nicht gugeln bitte, denn die Annahme war ohnehin komplett falsch: Hannes Sabathi verwendete 1500-Liter Fässer vom Fassbinder Pauscha aus Österreich. Wie er selber sagt: „haselnussbraunes Toasting.“ Das angekokelte Holz ist Allier (gugeln).

Großartig! Gigantisch! Ein Maul voll Wein! Hoppla, das steht eh da unten..

Großartig! Gigantisch! Ein Maul voll Wein! Jetzt kommen gleich wieder die Holzhasser und sagen, das Toasting vernichte die Authentizität. Stimmt! So soll es sein! Denn nichts schmeckt fader, als ein authentischer weißer Burgunder (Weißburgunder, Grauburgunder, Chardonnay, Auxerrois). Ohne dem leichten Geschmack des aristokratischen Toastings sind diese Weine etwa so langweilig, wie der langhaarige GrünInnenvorstand, dessen Name ich mir nicht merken will. Und wer einmal seinen Wein in ein Barriquefass gepumpt hat, der weiß, dass nichts schwerer ist, als den Wohlfühl-Aromen der Räucherung zu widerstehen und dem Wein ein wenig mehr vom Terroir zu lassen. Doch weiße Burgunder ohne Holz sind halt nur seelenlose Zombies, das Ding mit dem Terroir kann der Riesing besser. Irgendwas muss formen, die Frucht alleine reicht bei weißen Burgundern kaum. Quatsch: reicht nie. Für diese Aussage lasse ich mich gerne prügeln.

Grauburgunder Jägerberg 2013. Vier Tage lang. Schon ab mittag. Warum? Weil der Geruch und der Geschmack wie selten bei einem Wein übereinstimmen und das Gesamte aus Nase und Mund im Kurzzeitgedächtnis Anker wirft, sodass es einem ständig nach dem Wein verlangt, wie Katholiken einst nach Kreuzzügen. In der Nase Haselnuss (ja!), Karamell, Lindenblüten, Wermuth, Earl-Grey (nur wenig), gering auch Vanille, Birne, Brot, Quitte, Koriandersamen, Eidotter, ein wenig Mango. Im Mund dann ungefähr dasselbe. Dazu ein mittlerer Druck am Gaumen und ein langer Nachhall. Hannes Sabathi gelingt es noch dazu geradezu spielerisch, den Wein vor der ins Brutale gleitenden Breite abzufangen und ihn trinkig (was für ein Trottelwort – passt aber gut) zu gestalten. Süffig, saufig, literweisig – super.

Am vierten Tag – zugegeben – stellte sich eine Überfütterung ein. Keine Langweile, sondern ein Zuviel des Guten. Das Verlangen nach Geringerem stillte ich mit mehreren Flaschen Industriechardonnay aus dem ungarischen Speisewagen. Zuletzt dann noch mit einem Tokajer, der mir die Empfindung für Eleganz bis zum Jahresende aus den Papillen brannte. Das macht mir aber nichts aus, denn ich hatte vier Tage viel von jenem Weißwein, der mich glücklich machte, wie das Kind reicher und spendabler Eltern unterm Weihnachtsbaum. Das sind die Momente, die bleiben. Egal, was kommt.

Grauburgunder Erste Lage Jägerberg 2013 für D hier

Grauburgunder Erste Lage Jägerberg 2013 für A hier

Für die Verlinkung habe ich von beiden Händlern Glasperlen und Kaurimuscheln in noch nie dagewesenem Umfang erhalten.

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