Mein blaues Wunder

VON ANDREAS DURST Ich glaubte mich trifft der Schlag. Doch ich musste nicht lange nachschlagen, um zu wissen, was Blaufränkisch ist: Österreichs Nationalstolz. Und eine Bereicherung für den deutschen Weinbau..

Vor einem Jahr traf mich der Schlag. Ein deutscher Österreicher der mir von der Zunge her ein dickes Grinsen ins Gesicht zauberte. Sie verstehen nicht, was ich sagen will? Na, das wäre nicht das erste mal, dass hier Unklarheit herrscht. Doch beginnen wir mal, wo man beginnt. Am Beginn.

Zehn Jahre ist es her, dass mich ein Blaufränkisch (in Österreich sagt man „Blaufränkischer“) aus dem Burgenland begeisterte – ich verfiel der Sorte. Das war ein Wein von Uwe Schiefer und ich trank ihn auch bei Uwe Schiefer, in seinem schicken Kellergebäude in der südburgenländischen Region Eisenberg. Der Eisenberg und die Hügel um Deutsch Schützen ist stehen seit einigen Jahren für ein paar der besten Blaufränkischen Österreichs Parade, etwa für die Weine von Wachter-Wiesler, Krutzler, Kopfenstieiner und noch drei, vier weitere Granatenwinzern.

Uwe Schiefer stellte uns am Ende der Verkostung seinen Topwein auf die Theke, den Einzellagen-Blaufränkisch Reihburg – noch dazu in einer kleinen Vertikale von 2000 bis 2005.
Tja, da war es geschehen. Das war ein Wein, wie ich ihn bis dato aus Österreich nicht kannte, aus Österreich noch nie getrunken hatte. Kühle Frucht, straff, mineralisch und  – ja – mit burgundischer Anmutung. Der ehemalige Sommelier Schiefer (kann man „ehemaliger“ Sommelier sein, oder bleibt man das sein Leben lang?) und Quereinsteiger Schiefer war damals Teil einer neuen, heute etablierten Winzergeneration, die den Blaufränkischen den Vorrang vor internationalen Sorten wie etwa Cabernet oder Merlot gab.

Das klingt logisch, war es damals aber nicht, denn viele österreichische Winzer blieben lange auf dem Trip, mit internationalen Sorten zu experimentieren. Daran hatte auch der Weinskandal von 1985 schuld – man wollte vom Heimischen, vom Regionalen nichts mehr wissen.

Alles andere als Marmelade

Dieser Fehler wurden rasant rückgängig gemacht. Was nicht heißt, dass internationale Sorten im Burgenland nicht für große Weine geradestehen könnten. Aber Blaufränkisch wurde nach dem großen Turnaround zum Botschafter österreichischer Weine. Dafür sorgten nicht nur die Kreationen Uwe Schiefers, sondern auch die Blaufränkischen von Roland Velich, der für sein Projekt Moric elegante Weine aus uralten Rebbeständen in Neckenmarkt und Lutzmannsburg kreierte. Ernst Triebaumer, der mit seinem aufsehenerregenden Blaufränkisch Ried Marienthal völlig überraschend schon 1986 einen roten Kultwein gekeltert hatte, wusste früh vom Potential der Sorte. Nur war die Zeit noch nicht reif, der Markt verlangte marmeladige und fette Weine. Damals war alles fett und Fass.

Junge Winzer griffen sich dem Blaufränkisch – etwa Claus Preisinger, Gernot Heinrich oder Bernhard Ernst – und setzten ihre Kommentare unter die anhaltend spannende Geschichte. Und der Blaufränkisch-Boom könnte nicht nur auf Österreich beschränkt bleiben, sondern nach und nach auch Deutschland erreichen, wo der Blaufränkische Lemberger heißt und vor allem in Württemberg zu Hause ist.

Aber es gibt ihn auch anderswo als nur in Württemberg. Und dort ist er vielleicht spannender, als um Stuttgart herum. Felix Peters ist der Mann für diese Weine. Der Weinmacher im Weingut St. Antony im rheinhessischen Nierstein lernte sein Handwerk bei Schloss Halbturn im Burgenland. Seither hat ihn der Blaufränkische nicht mehr losgelassen. Überzeugt davon, das die Sorte auf den Schieferböden des Roten Hangs hervorragende Weine möglich macht, pflanzte er in 2008 ein paar Reben in besten Niersteiner Lagen. Ein Jahr später veredelte er zusätzlich eine alte Riesling Rebanlage im prominenten Pettenthal mit Edelreisern, die er von alten Reben der Kollegen Uwe Schiefer und Franz Reinhard Weniniger aus Österreich schnitt.

Die daraus entstandenen, sehr singulären, rheinhessischen Blaufränkischen waren es, die mir letztes Jahr den eingangs erwähnten Schlag versetzten. Noch auf der Mainzer Weinbörse – der jährlichen Leistungsschau des VDP – wo ich die Weine probierte, verabredeten Peters und ich eine Vergleichsprobe der Anthony-Blaufränkischen mit jenen österreichischer Kollegen.

Nicht herumerzählt, denn herumerzählt wird hier

Das haben wir dann auch gemacht. Diesen Sommer. Und wir haben nicht groß herumerzählt, was dabei rauskam. Denn wir wollen es ja hier erzählen. Gleich vorweg: Wir haben keine Rangliste gemacht, wie man es sonst bei solchen Vergleichen verlangt. Also: Erster Platz der Soundso von Demunddem. Das wollten wir nicht.

Nein: Wir tranken zuerst die Blaufränkischen von St. Antony, also die Ortsweine und den Lagenwein Rotenberg (früher Reserve genannt) aus 2010, 2011 und 2012, um sie dann mit einigen Klassikern aus Österreich zu vergleichen, also Weinen von Roland Velich, Wachter-Wiesler, Umathum und Weninger.

Der Reihburg 2010 von Uwe Schiefer überzeugte mich mit delikater Frucht, mineralischem Extrakt und einer Finesse, die auf seine burgundischen Vorbilder hinweist. Dem Blaufränkisch Bühl 2006 von Claus Preisinger (ein Traumjahr im österreichischen Weinbau) hielt dann keiner der probierten Weine stand. Wir konnten kaum glauben, wie jugendlich sich dieser Blaufränkisch präsentierte. Mit einer schier endlosen Länge ausgestattet fegte der Bühl – bildlich gesprochen – alles vom Tisch. Ein grandioser Wein eines Winzers, der knapp über zwanzig Jahre alt war als diesen Wein in Flaschen füllte.

Fazit: Noch haben die österreichischen Winzer in Sachen Blaufränkisch die Nase vorn. Das wird wohl auch so bleben. Doch Blaufränkisch aus Deutschland kommt. Und wie. Die Blaufränkisch Weine von St. Antony sind eine eigene Klasse. Belgeitend die Lemberger von Andi Knauß, der wieder einen andern Stil verfolgt, den das Remstal bei Stuttgart bedingt – anderes Klima, andere Böden. Wie auch immer: Der Spätburgunder sollte Konkurrenz bekommen.

+) Die Weine von St. Antony gibt es z.B. im weingutseigenen Onlineshop  
+) Uwe Schiefers Reihburg 2010 hier
+) Claus Preisingers Bühl 2009 (der besprochene 2006 ist nicht mehr im Handel erhältlich) hier

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