Zwei Engel für Angelo

VON MANFRED KLIMEK Lesestrecke: Angelo Gaja ist die populärste Winzerpersönlichkeit Italiens und keltert die beiden berühmtesten Lagenweine des Piemont. Jetzt hat er sein Weingut seinen beiden, schönen Töchtern übergeben. Die Rolle des Patriarchen lässt er sich freilich nicht nehmen. Ein Lokalaugenschein.

Erfolg manifestiert sich am Großen im Kleinen. Der Ort Barbaresco zum Beispiel hat lediglich 669 Einwohner – ein Fliegenschiss auf der Landkarte. Trotzdem sprechen weltweit hunderttausende Weintrinker ehrfürchtig von Barbaresco, denn auf den Hügeln rund um den Ort wachsen die Trauben für den gleichnamigen Rotwein, der aus der Sorte Nebbiolo gekeltert wird.

In Barbaresco gibt es gleich drei ausgesucht gute Restaurants. Die verpflegen vornehmlich Touristen, die tagsüber hier flanieren. Doch abends, wenn es ruhiger wird, gehen auch die Einheimischen hinaus essen und holen sich den Ort zurück. Barbaresco, von seinem Wesen her ein Dorf, lebt das Leben einer kleinen Metropole. Hier trifft das Bäuerliche auf das Mondäne, zwei Lebensweisen, zwei Welten. Und es funktioniert. Das ist auch das Werk von Angelo Gaja.

Angelo Gaja lebt und arbeitet in Barbaresco. Angelo Gaja ist Winzer. Aber nicht irgendein Winzer, sondern der erste Winzer aus der Reihe der vor dreißig Jahren so genannten „neuen italienischen Weinmacher“, der erkannt hat, dass ein Weingut nicht nur eine grafisch leicht erkennbaren Marke haben muss, sondern die besten seiner Weine auch den eigenen Lagen zuordnen sollte. Nur das macht sie einzigartig. Diese Eingebung, die letztlich nur das Erkennen des Selbstverständlichen war, kam Gaja vor vierzig Jahren, ungefähr zehn Jahre nachdem er das Weingut sehr jung und sehr unerfahren übernehmen musste. Gaja hat Geschichte, Gaja lebt Geschichte, Gaja macht Geschichte. Und Gaja ist Geschichte, denn er hat sein Weingut gerade seinen beiden Töchtern Gaia und Rosanna übergeben und hat sich zum Rentner erklärt. Sein jüngstes Kind aus der langjährigen Ehe mit Lucia Gaja, der einzige Sohn Giovanni, ist noch in Ausbildung. Nicht zum Winzer, Giovanni lernt Ökonomie. Angelo Gaja will ihn bald in den Betrieb holen, denn einer vom Nachwuchs muss sich alsbald um die Zahlen kümmern. Und um deren Farbe. Besser schwarz als rot.

Trittbrettfahrer der Tignanellos

Der italienische Weinbau machte in den siebziger Jahren einen großen Sprung nach vorne. Die Söhne der alten Traditionswinzer Antinori, Frescobaldi und Mazzei saßen in Sardinien am Strand (die „Costa-Smeralda-Gang“) und erkannten, dass die Tradition auch ein Hindernis sein kann. Italien versank gerade im politischen Chaos, unruhige Zeiten sind die besten Zeiten, die Dinge schnell und nachhaltig zu ändern. So gründeten die Jungs im Schwemmkiesel rund um das Städtchen Bolgheri ihr eigenes Entwicklungsland und kreierten dort die Kultweine Orenllaia, Tignanello, Brancaia, Solaia und dutzende andere mehr; Rebsäfte, die lange Zeit als minderwertig eingestufte Landweine abgefüllt wurden, nur um den strengen Regionalverordnungen zu entsprechen. In Wirklichkeit waren es jedoch hochpreisige Kreationen, die vorbehaltlose Weinkonsumenten und einen modernen Weinzugang aufriefen. Die Bewegung eroberte ganz Italien. Und eigentlich die ganze Welt. Sie eroberte auch das Piemont, die wohl traditionellste Weinregion Italiens.

Angelo Gaja sprang auf den neuen, schicken und glänzenden Express nicht auf, sondern löste am Fahrkartenschalter für die dieselbe Fahrt in einem langsameren Zug einen Fahrschein erster Klasse und sah zu, wie ihm die anderen, die längst weiter waren und die Lokomotive befeuerten, den Markt aufbereiteten. Er wusste, dass er dazugehörte und dass er moderne Weine keltern würde. Doch er wollte ihnen keine Phantasienamen geben. Seine Weinhänge heißen phantasievoll genug. Auf dem sehr schlichten Etikett der Gaja-Flaschen steht immer nur sein Nachname, die Gemeinde, der Jahrgang und meistens die Lage. Ab und zu gibt es noch eine seltsam biedere Illustration. Mitte der Achtziger Jahre hat er mit der Regel kurz gebrochen und die beiden Weißweine Gaia & Rey (nach Tochter & Großmutter) und Rossj & Bass (nach zweiter Tochter und der Höhe der Lage) kreiert. Er hat es sich verziehen.

Tochter der Gegend

Lagennamen werden freilich auch im Piemont, wenngleich etwas versteckt, auf die Etiketten geschrieben. Gaja aber machte seine Lagen zu den Botschaftern seine Weine ; er sorgte dafür, dass über Sori San Tildin, Sori San Lorenzo, Sperrs oder Darmaghi Artikel und sogar Bücher geschrieben wurden; er holte seine Hänge und Böden vor den Vorhang, weil er wusste, dass diese auf längere Sicht das größere Kapital sind, wertvoller als all die kreativ kreierten Weine, die- so gut sie auch sind – immer von einer gewissen ungewissen Herkunft bleiben. Trotz seiner anfangs abwartenden Taktik wurde Gaja ein Revolutionär des piemonteser und italienischen Weinbaus. Doch ist der Mann viel zu viel Weltbürger, um nur in Region und Land zu ankern. Manchmal, in den Jahren seines Aufstiegs zur Ikone, bekam der Beobachter das Gefühl, dass Angelo Gaja sein Weingut, seine Vision, ideell ein Stück weit von der Scholle abgekoppelt hat. Mit der Übernahme seiner beiden Töchter kehrt die Verbundenheit zur Gegend zurück – vor allem Gaia Gaja, die ältere Tochter, fühlt sich in Barbaresco sehr wohl.

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