Nach der RAW: Ein Nachruf auf Naturweine

VON MANFRED KLIMEK Naturwein verschlankt, Orange ist Ethik. Die Bewegung ist der Veganismus der Alkoholtrinker. Wie jede austauschbare Hysterie findet sie ein Ende. Doch sie wird Spuren hinterlassen, einen Nachhall, für den wir dankbar sind.

Die RAW war da. In Berlin. Die RAW ist die erste und mir auch einzig bekannte Naturweinmesse der Welt. Die RAW wohnt und versteuert in England (wo man wenig Steuern zahlt) und zieht durch Europa (wo man viel Steuern zahlt). Sie war auch schon in Wien. Da war sie kleiner. Gestern war sie in Berlin. Zwischen Wien und Berlin (ein Jahr) ist die RAW gewachsen. Ich wollte hin, hatte mich auch akkreditiert, habe aber am Vorabend und in der darauffolgenden Nacht bei Otto Rink in Kreuzberg so viel weggekippt, dass ich den Rausch in einem Gespräch auflösen musste, das bis 8h früh gedauert hat. Ich habe die RAW also verschlafen. Habe ich was versäumt? Nein. Das sage ich nicht, weil ich der Ignorant bin, der ich bin, sondern weil viele meiner Bekannten, vor allem jene, welchen ich in Sachen Weingeschmack und Weinschmecken vertraue, auf der RAW waren. Hätten die was versäumt, wenn sie nicht hingegangen wären? Ja!

Naturwein schnell mal gugeln… Ah, ja: Naturwein und so genannter Orange-Wine machen inzwischen schon 1,24% der Weltweinproduktion aus. Baaam! Wenn es nach der Medienberichterstattung geht, müssten es über 50% sein. Denn Naturweine werden gehypt, wie einst die Molekularküche in der Kochkurspresse. Was ist von der Molekularküche geblieben? Viele Anregungen und ein erweitertes Geschmacksbild. Was wird von der Naturweinbewegung bleiben? Viele Anregungen und ein erweitertes Geschmacksbild. Halt! He? Sagst du etwa, dass es Natur- und Orangeweine in zehn Jahren nicht mehr geben wird? Exakt! Genau das sage ich. In zehn Jahren kräht kein Hahn mehr nach Orange- und Naturweinen. Denn viele gute Winzer haben mit ihren hervorragenden biodynamischen Weinen die Naturweinwelt mit Zitaten bereichert, sind also in diese eingetreten und brauchen kein Hinweisschild mehr. Sie (Kühn, Ress-Würtz, Enderle-Moll, Horizon, uvm.) haben die Naturweinwelt gekapert. Weil sie bessere Naturweine machen. Weil sie bessere Weinmacher sind. Die schlechten Winzer – das sind jene, die untrinkbare, bereits in der Verwesung begriffenen Gemüsesuppen in ihre Flaschen füllen – wird es dann nicht mehr geben. Nur Masochisten trinken so’nen Scheiß.

Schnell mal ein Nachruf!

Ja, dann machen wir es doch gleich richtig! Machen wir das hier zum Nachruf auf die Naturweinbewegung. Das Ende ist nah und auch den Leuten von der RAW wird ein anderes Pferd zum Aufsatteln über den Weg laufen. Wie wär’s mit Craft-Beer? Diese Bewegung hat sicher eine längere Lebenserwartung.

Orange- und Naturweine, das waren immer die „Ich-bin-dagegen-Weine“, die Weine der Skeptiker, die Weine der Impfgegner, die Weine der Besserwisser, die Weine, der von Schuld geplagten Bürgerlichen, die Weine jener, die dringend ein Distinktionsmerkmal suchen, weil sie nichts Besonderes haben, und sich besonders sehen wollen, und das Besondere in dieser Art Wein gefunden haben. Ja, das ist polemisch. Nein, ich meine nicht alle. Jeder kennt die Ausnahme. Sie heißt Billy Wagner.

Wir haben der Bewegung viel zu verdanken

Orange- und Naturweine konnte man (ich spreche schon von Vergangenem) mit zwei Punkten beschreiben. 1.) 90%, später dann „nur“ mehr 60-70% der Weine waren schlicht untrinkbar. Daraus resultierte auch, dass erfahrene und weltoffene Winzer nach kurzer Schockphase auf den bereits rasend fahrenden Zug aufsprangen, die Lokomotive übernahmen, die Waggone abhängten und dem Zug davonfuhren. 2.) Waren es eben diese erfahrenen und weltoffenen Winzer, wie schon oben erwähnt, die die Naturweinbewegung auch in der biodynamische Bewegung erdeten. Naturwein ist heute (Zukunft) ein Wein der weltweit zu einer beachtlichen Größe angewachsenen Bioweinbewegung. Und die Bioweinbewegung hat der Naturweinbewegung, die sie inhalierte, viel zu verdanken.

Die Naturweinbewegung entsprang dem Schoß der Schuld, eine Geburt des Schämens und der Empörung. Und nicht zu unrecht wuchs sie in Frankreich auf, wo man im sorglosen Vertrauen und mit entnommenen Hirnen europaweit die größten Mengen chemischer Hilfsmittel in Weingärten hineinkotet. Französische Winzer, selbst namhafte Chateaus, verwechseln Pflanzenschutz immer noch mit Ausrotten allen Unkrauts und dem Eliminieren jedes Schädlings. Deswegen wurde Naturwein in Frankreich groß. Und er wuchs zur richtigen Zeit und aus den richtigen Gründen.

Es gibt keine „gute“ Natur

Nicht wahr aber ist die von Naturweinjüngern viel verbreitete Mär, dass die „gute“ Natur den Wein wie von selbst macht. Das, was da bei rauskommt, eignet sich lediglich zum Trinkwasservergiften. Naturwein bedarf einer helfenden, korrigierend eingreifenden Hand. Und schon ist es kein Naturwein mehr. Sondern ein Menschwein. Ja sind denn die Menschen kein Teil der Natur? Doch sind sie. Aber wie jedes andere Lebewesen auch, will die Natur die Menschen Tag für Tag umbringen. Deswegen erfindet die Natur Bazillen, Viren und ähnlichen Kleinkram, der uns den Garaus machen soll. Wir haben die Natur nur mit Hygiene und Medizin einigermaßen in den Griff bekommen. Auf jeden Fall so weit, dass heute nicht jeder zweite Mensch vor seinem vierzigsten Geburtstag stirbt – wie es in Europa noch vor 150 Jahren der Fall war. Ich habe mir schon lange überlegt, ob ich nicht mal eine besonders trübe Cornelissen-Brühe in die Anstalt für Lebensmittelhygiene bringe und untersuchen lasse, was da drin alles so rumschwimmt. Doch das werden gegebenenfalls andere machen. Nach dem ersten Naturwein-Krankheitsfall. Bislang – das muss man festhalten – ist noch keiner an einem Glas Naturwein gestorben. Per se gesund muss Naturwein aber nicht sein.

Natur- und Orangweine, das war einmal eine wichtige Bewegung im Weinbau, der, so wie die Kulinarik, seit etwa vierzig Jahren den Moden unterworfen ist. Das liegt am Wohlstand des Westens. Und seiner Lust mehr aus dem zu machen, was er kulinarisch vorfindet. Nordic-Cuisine und Naturwein machen aus dem Mehr aber ein Weniger; sie sind Signale, dass viele Menschen zurück zum Regionalen wollen und zurück zum Einfachen und Simplen, zur Reduktion, die aber speziell sein muss – mitunter luxuriös. Dieses neue Regionale kennt keine Nation. Das macht es sympathisch. Doch es ist auch Flucht vor dem drohenden Überregionalen. Vor dem Fraß und Trank der Großkonzerne genauso, wie vor dem Terror des Islamischen Staat. Die Naturweinbewegung ist also eine Biedermeierbewegung. Und ihr Hang, dem Einfachen etwas Besonderes zu geben, macht diese Bewegung unsympathisch.

Recht fesch, der Nestarec

Zurück zur RAW, auf der ich nicht war. Dort stand auch Milan Nestarec mit seinen Weinen, ein bemerkenswerter Winzer aus der Tschechischen Republik. Er keltert in Moravsky Zizkov, einem Kaff in Mähren, wo die Weingärten ähnlich gelangweilt herumstehen, wie im benachbarten österreichischen Weinviertel. Während der K&K-Monarchie, die jeder Österreicher genetisch in sich trägt, war das alles eine große Weinregion. Und die interessanteste Gegend – damals wie heute – ist die Gegend um die Berge von Mikulov. Also nicht Moravsky Zizkov, wo Nestarec sein Weingut hat. Trotzdem ist er der interessanteste Winzer Tschechiens. Und würdiger Nachfolger der alten Familie Glosova – die Avantgardisten zu Zeiten des Spätkommunismus. Nur zu Orientierung: Prag ist von Nestarecs Haus ca. 300 km entfernt, Wien ca. 70 km.

Der – meiner Meinung nach interessanteste Wein von Nestarec – ist der 2009er Neuburger seiner „Antik“-Serie. Getrunken 2014 in Wien. In der Nase Kohl, Mandeln, Senfsaat, ein aufgeklappter Hamburger von Burger-King (saftiger auch im Geruch als jener von McDonalds), Sellerie, Aprikose, etwas Birne, auch Quitte. Im Mund von einer bisweilen überbordenden Fülle. Und kleinen, schmackhaften Alterstönen. Das Holz – und hier muss Holz sein – hat sein Toasting verloren, wenn es je eines hatte. Schmeckt eigenartig. Und saugut. Ähnlich wie der Burgunder von Enderle & Moll (Weiß- und Grauburgunder), ähnlich wie das Zeug von Christian Ress und Dirk Würtz, das ich neulich koste konnte (mehr darüber demnächst). Ähnlich wie….

Ja. Es werden mehr!

Den Wein bitte bei Nestarec direkt anfragen, mir ist kein Importeur bekannt.

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Kommentare

  1. […] etwas in der Größe der Frutarier-Bewegung. Schätze ich. Der Weinpublizist Manfred Klimek sagt: „Die Bewegung ist der Veganismus der Alkoholtrinker.“ Wir sind uns einig. Die Bewegung ist winzig und überschätzt […]