Dolcetto: Tischwein mit Tiefe

VON BENJAMIN HERZOG Die Rebsorte Dolcetto steht im Schatten des Nebbiolo. Und dort wird ihr immer kälter. Anna Maria Abbona erwärmt sich für Dolcetto-Weine von ganz anderem Kaliber. Schade, dass das so wenige interessiert. Vielleicht werden es jetzt ja ein paar Leute mehr.

Dogliani ist nicht besonders schön. Anders als Barolo, Alba oder La Morra liegt der Ort nicht auf einem Hügel, sondern in einer Senke. Es gibt zwar den grossen Dom mit auffälliger Kuppel, doch neben historischen Gebäuden auch viele neue Häuserblocks mit gleichgültiger Architektur und Industrie. Von der Produktionszone des Barolo sind es gerade mal 20 Minuten Autofahrt nach Dogliani, doch die Einstellung unter den Winzerinnen und Winzern hier ist komplett anders. Sie sind nicht annähernd so stark von ihrer Arbeit überzeugt wie die Kolleginnen und Kollegen in den Barolo- oder Barbaresco-Gebieten. Und folglich auch nicht vom gleichen Erfolg verwöhnt.

Guter Dolcetto ist selten. Sehr selten

Dogliani ist die Hochburg des Dolcetto. Damit – und mit der Vorstellung des Ortes in den Zeilen zuvor – ist viel gesagt. Doch nicht alles. Dolcetto ist im Piemont weit verbreitet und wird oft in den schattigeren Lagen neben dem im Piemont bevorzugten Nebbiolo angebaut. Tatschae aber: gute Dolcetto-Weine sind rar. Meist reicht es bloß zu einem simplen Tischwein und nicht selten zeigt der dann auch noch unausstehliche Reduktionsnoten. Damit will sich nicht jeder Winzer abfinden. Vor allem in Dogliani nicht. Dolcetto hat Besseres verdient.

Zum Beispiel Anna Maria Abbona. Sie gehört zu jener geringen Zahl Winzerinnen und Winzer, die dem Dolcetto mehr abgewinnen wollen und mehr abgewinnen können, als die meisten Betriebe der Region. Wenige Dolcetto sind so klar, tief, elegant und machen so viel Spass wie die Abbona-Weine. Ich treffe sie im Verkostungs- und Verkaufsraum der Winzervereinigung von Dogliani, unmittelbar beim Dom mitten im Ort gelegen. Jetzt, in der Nebensaison, hat es hier nur wenige Gäste und ich will mit ihr ein paar Dutzend Dolcettos verkosten. Auch um die kritische Stimme einer Ansässigen zu hören.

Anna Maria Abbona ist eine feurige Kämpferin für Dolcetto aber genauso eine kritische Verkosterin. Sie öffnet die erste Flasche, gießt sich ein Glas ein, riecht daran und rümpft gleich die Nase. „Ich verstehe jeden, der nie mehr einen Dolcetto trinken will, wenn er so einen Wein probiert hat.“ Und sie hat recht: Der Wein riecht unsauber, animalisch, ist völlig reduziert und macht auch am Gaumen wenig Spass. Wir werden an diesem Nachmittag noch einige solche Exemplare kosten. „Einen guten Dolcetto zu machen, ist aufwändig, die Sorte ist weitaus sensibler als etwa der Nebbiolo“, erklärt Abbona, „es ist also kein Wunder, dass die meisten Menschen noch nie einen guten Dolcetto getrunken haben.“ Das gilt auch für mich, doch an diesem Nachmittag ändert sich das, denn Weine wie der Vigna Tecc der Poderi Luigi Einaudi, der bereits etwas gereift verkaufte Dolcetto von San Fereolo, der Pecchenino von Bricco Botti oder der Pianezzo von Francesco Boschis dürfen mir neben den Weinen von Anna Maria Abbona jederzeit wieder ins Glas kommen. Es gibt sie also. Die anderen, die guten Dolcettos.

Der Nebbiolo ist des Dolcettos Tod

Dolcetto wird zunehmend unbeliebt. Bei den Gastronomen genauso wie bei den Gästen und nicht zuletzt bei den Winzern. Mancher piemontesische Produzent möchte die Sorte gerne los werden – wird der Nebbiolo heute doch auch in schwächeren Jahren und in schattigen Lagen gut reif. Und gerade die einfacheren, trinkigen Nebbiolo-Typen haben schliesslich eine wachsende Fangemeinde. Das Imageproblem des Dolcetto ist auch Anna Maria Abbonas grösste Sorge. Auf Publikumsverkostungen sei es besonders schlimm. „Es gibt wenige Menschen, die einen Dolcetto di Dogliani kosten wollen, wenn es am Stand nebenan Barolo und Barbaresco gibt“, sagt Abbona wehmütig. Und so hat sie das gemacht, was viele andere Winzer aus Dogliani längst gemacht haben. Abbona hat vor wenigen Jahren ein Haus in Castiglione Falletto in der Barolozone gekauft, dazu gehört auch eine kleine Rebfläche. Und so produziert die Winzerin heute auch 3000 Flaschen Barolo und lockt damit Käufer an. „Wenn sie dann schon mal bei mir auf dem Weingut oder am Stand sind, probieren sie auch meine Dolcetto.“ Wir sind uns sicher – bereut hat das noch keiner. Und nachdem er die Preisliste gesehen hat, hat manch einer womöglich sogar gejubelt – Dolcetto ist noch immer einer der preisgünstigsten Rotweine Italiens.

Anna Maria Abbona, Dolcetto di Dogliani DOCG „Maioli“ 2011
Maioli ist der älteste Weinberg im Besitz von Familie Abbona. Er wurde 1936 bepflanzt und liefert einen überaus komplexen Lagen-Dolcetto mit hoher Mineralität und Fruchttiefe. Abbona experimentiert seit 1998 an ihren Methoden für qualitativ hochwertigen Dolcetto. Dieser Wein macht eine Maischegärung von knapp einer Woche und reift danach mehr als ein Jahr im Holz.
Erhältlich bei www.bonvino.de für 14,50 Euro

Poderi Luigi Einaudi, Dolcetto di Dogliani DOCG „Vigna Tecc“ 2012
Das Weingut ist international bekannt für seine Barolos „Cannubi“ und „Costa Grimaldi“. Der Dolcetto di Dogliani ist und bleibt ein Geheimtipp. Reifes Obst und dunkle Beeren in der Nase. Am Gaumen reich und voll mit Noten von Unterholz. Einer der ersten Spitzendolcettos, die es in Dogliani gab.
Erhältlich bei www.vinothek-online.de für 14,95 Euro

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