Mosel mächtig mineralisch

VON MANFRED KLIMEK Irgendwann muss man neu anfangen. Warum nicht mit Stefan Steinmetz, der mir eine Kollektion gezeigt hat, die ihresgleichen sucht. Erneuerung aus der Mitte. Nur die ist von Dauer.

Einfach wieder anfangen. Nach einer langen Pause, die private und nicht zuletzt auch gesundheitliche Gründe hatte. Das bedarf keiner großen Erklärung, wichtiger ist, dass weitergemacht wird. Und zwar so, als sei nichts gewesen (stimmt nicht ganz, denn es ward zwischenzeitlich ein Kindlein geboren und das Kindlein heißt „Schluck„).

Gehen wir also zum Alltag über. Und damit zur Ernte des Jahrgangs, die nun voll eingesetzt hat. Das Daumenhalten hat geholfen. Zwar ist noch nicht alles in trockenen Tüchern, doch der Jahrgang 2015 scheint ein guter bis sehr guter Jahrgang zu werden – wenngleich kein außergewöhnlicher, wie oft verheißungsvoll spekuliert wurde. Warten wir nun die Zielgerade ab, denn nach den Trauben der Basisweine, die gerade von den Stöcken geholt werden, folgen gleich jene der Großen Gewächse. Und die brauchen nun sicher keinen zusätzlichen Regenschauer um noch besser zu gedeihen. Herr, lass die Schleusen bitte zu!

Ein gutes Jahr mit fetten Erträgen ist ein erholsames Jahr für Winzer und Händler. Vor allem dann, wenn die Ernten der Vorjahre nicht von überdurchschnittlichen Mengen gekennzeichnet waren. Der deutsche Weinkonsument zudem – so höre ich immer – ist ziemlich gnadenlos: Fällt ein Jahr ins Wasser und stehen nicht genügend „seiner“ Flaschen im Regal, dann greift er schnell zu Produkten aus anderen Ländern. Dagegen ist wenig zu sagen, doch kehrt der deutsche Weinkonsument – so wird mir oft versichert – nach Ende der Durststrecke selten zum deutschen Wein zurück. Das unterscheidet ihn von anderen europäischen Weintrinkern, die in ertragsarmen Jahren stärker mit den Weinen der Region und des Landes verbunden bleiben.

Ein Jahr mit ausreichend vielen Flaschen wünscht sich auch Stefan Steinmetz (Weingut Günther Steinmetz) aus Brauneberg an der Mosel. Er kann das Mehr an Gebinden gut gebrauchen, zählt er doch zu den Vorreitern jener neuen Avantgarde am alten Fluss, die in den letzten Jahren aus der Mitte der Winzer erstand. Es handelt sich dabei um keine Betriebe finanziell gut ausgestatteter Investoren, sondern um traditionelle Weingüter, in welchen die gerade ans Ruder kommende Generation mit relativ geringen Mitteln große Sprünge vorführt. Im Keller wird einfallsreich improvisiert und am Weinberg mit einer Akribie gearbeitet, die selten mit Geld aufzuwiegen ist. Schon gar nicht an der Mosel, wo kompliziert zu bewirtschaftende Steillagen den Kostendruck vervielfachen.

Schiefer rulez. Aber sowas von..

Stefan Steinmetz ist ein Meister mineralischer Rieslinge. Und so wie der am selben Fluss kelternde nur ungleich berühmtere Markus Molitor schwört auch er auf die Diversifizierung seiner Lagen bis hin zur Singularisierung des Leseguts aus der kleinsten Parzelle. Am Ende dieser Entwicklung steht eine Kollektion vieler individueller Weine, die oft nur in Kleinstmengen abgefüllt werden – das Gegenteil der Massenproduktion großer Kellereien.

Einer dieser Weine ist der Riesling Brauneberger Juffer HL aus 2014 (€ 14,50). HL steht für die Parzelle Hasenläufer, die Steinmetz die beste Parzelle des Juffer heißt. Sie liegt am Fuß des langen Hangs und der dort keineswegs kleinteilige Schiefer sorgt für eine kühle, rauchige Note, die in der Nase erstaunlicherweise von einem dezenten Geruch nach Safran begleitet wird. Weiters rieche ich auch Quitte, Stachelbeere, etwas feuchtes Leder, ein wenig Weingartenpfirsich, Majoran und junge, unreife, frisch geschnittene grüne Birne. Im Mund ist Steinmetz Hasenläufer ein eleganter Saft, den man am besten zu Makrele, Fasan und Kalbsfilet trinken sollte. Wenn diese nicht zur Hand sind, dann rinnt die Flasche auch gut zu einer Tüte Artisan-Chips die Kehle runter. Oder zu einem frischen Weißbrot mit einer dünner Schicht gesalzener Butter.

Vau De Peh Verballhorner

Noch einen Tick mineralischer ist Steinmetz Riesling Drohner Hofberg GD (€ 18,50). GD steht Großer Drohner, eine Verballhornung der VDP-Großen-Gewächs-Weine. Der Hofberg hat 13,5 Zucker und gilt somit als feinherb. Das Prädikat kann man aber sofort wieder vergessen, denn die 7g Säure und das völlige Fehlen der Edelfäule Botrytis im Lesegut lassen diesen im Stahltank ausgebauten Wein so trocken wirken, als ob man an mit Wasser beträufeltem Löschpapier saugt – zugegeben ein ungewöhnlicher Vergleich.

In der Nase trockener Rauch, nasser Stahl nach einem warmen Regen, etwas Avocado, der Torf eines italienischen Reisfelds im April, etwas Rindsuppe, Quitte, Birne, Himbeere, Senfsaat, ein wenig Maracuja und zuletzt auch Ananas. Im Mund dicht, kräftig, großartig – ein Trinkvergnügen, das einem zu einer weiteren und einer weiteren weiteren Flasche zwingt. Und zum Daheimbleiben und Rausch ausschlafen.

Wo kriegt man die hier erwähnten und anderen großartigen Weine von Stefan Steinmetz? Hier hilft LMGTFY. Oder man quält den Winzer selber.

Dieser Text erschien in leicht abgeänderter Form auch in der Welt am Sonntag.

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