Die Ehre der Erben

VON MANFRED KLIMEK Generation Nachkommen. Was die kann beweisen Johannes Jülg und Marius Meyer. Die schneidern den beiden deutschen Referenzrebsorten ein neues Korsett.

„Sie schreiben in letzter Zeit fast nur noch über deutsche Weine“, schreibt mir ein Leser, „haben denn andere Länder keine guten Weine zu bieten?“ Doch, doch! Keine Frage! Haben sie! Und es kommt noch besser: In jedem Weinbauland Europas gibt es Jahr für Jahr bessere Weine. Mag in Europa fast alles schief laufen, im Weinbau rückt man gerade gerade.

Das hat vor allem mit der nachrückenden Winzergeneration zu tun, die zunehmend auf kleine und nachhaltig fabrizierte Abfüllungen setzt und zudem nicht mehr gegen die Natur Krieg führen, sondern mit der Natur im Einklang leben will. Es hat auch mit einem erhöhten Qualitätsbewusstsein zu tun, mit der vermehrten Vorteilsverwertung von Rebsorten und Lagen. Und es hat mit der Bereitschaft der Konsumenten zu tun, für guten Wein ein paar Cent mehr auszugeben – auch wenn das in Deutschland immer noch ein kompliziertes Thema ist.

Ich schreibe so oft über deutschen Wein, weil ich jede Woche neue deutsche Weine entdecke, die teilweise sensationell gut schmecken und mir zeigen, dass im deutschen Weinbau eine Entwicklung im Gange ist, die man aktiv unterstützen und stärken muss. Denn das Eis, auf dem sich die meisten jungen (und alten) Winzer bewegen, ist nach wie vor sehr dünn – die finanzielle Decke kann die meisten nicht ausreichend wärmen. Viele deutsche Weinbauern trotzen Jahr für Jahr dem knechtenden Staat und den gschaftelhuberischen Verbänden, beweisen ungebrochenen Wagemut und stellen sich einer Menge Herausforderungen, welchen sich französische, italienische und selbst ein österreichische Winzer nicht stellen müssen. Ich möchte hier stellvertretend Daniel Aßmuth, Enderle & Moll oder Lukas Krauß nennen. Und weil auch ältere Aussteiger noch viel wagen, nicht zuletzt das wunderbare Projekt von Robert Boudier und Elmar Köller in Stetten in der Pfalz, die das alte Dorf mit qualitativen Weinbau wiederbelebt haben. Über diese beiden demnächst.

Jung & Jülg

Heute will ich von zwei jungen Winzern erzählen, die nicht ganz zu den oben aufgezählten Beispielen passen, weil sie nicht Neues gründeten, sondern die Betriebe ihrer Eltern übernahmen. Das soll nichts schmälern, denn es kann oft viel einfacher sein, komplett neu zu starten, als mit alten Verantwortungen jonglieren zu müssen. Die Rede ist von Johannes Jülg und Marius Meyer, beide aus der Pfalz. Jülg keltert in Schweigen, dem letzten Weinort vor Frankreich. Sein Nachbar Fritz Becker beweist dort seit Jahren, dass dieses Kleinparzelle am Rande Deutschlands für einige der besten Rotweine Europas verantwortlich ist. Auch Johannes Jülg hat das erkannt, entzieht jedoch seinem besten Spätburgunder den Namen und die Lagen – er nenn ihn schlicht „Pinot Noir“, wie die Franzosen im Burgund ihre einfachsten Weine nennen. Augenzwinkern und Mut zugleich.

Jülgs Pinot Noir 2013 ist ein großer, komplexer und herausragend eleganter Wein, ein deutscher Rotwein – kühl, fruchtig und auf den Punkt gekeltert. Wucht, ohne Wuchtigkeit. Kraft ohne Holzhammer. In der Nase Kirsche, Himbeere, junge Pflaume, Rauch von Zigarrenholz, folglich auch etwas feuchter Tabak, Pfeffer und einen Tick morgendlicher Nadelwaldboden. Im Mund wie auf Schiene in Richtung Delikatesse; im Schluck ist Vermögen genug, um zu wissen, dass dieser Wein auch in zehn Jahren noch beglücken wird. Das interessiert einem zwar in meinem fortgeschrittenen Alter nur mehr gering, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich nie.

Flotter Dreier mit dem Meyer (sind dann doch fünf)

Marius Meyer keltert auf dem Weingut seines Vaters Klaus Meyer eine Serie interessanter Terroir-Rieslinge, die man im Set kaufen sollte. Ich würde – wenn man ihn noch bekommt – derzeit den Jahrgang 2013 bevorzugen. Es sind die Rieslinge vom Buntsandstein, Kalkstein, Schiefer, Granit und Rotliegendem. Und ich würde diese Weine alle an einem Abend mit Freunden trinken. Denn so erfahren Sie und ihre Freunde, was der deutsche Riesling kann. Wie sehr er vom Terroir geprägt ist, von der Erde und dem Stein, in welche die Wurzeln der Stöcke bohren. Meyers Rieslinge sind eine Ereignis, das nicht nur schmeckt, sondern auch die Erkenntnis der Einzigartigkeit vermittelt. Sie sind Kulturgut. Und Beweis, warum sich Mut auszahlt.

Pinot Noir 2013 von Jülg gibt es hier (kostaquanta: 36,00)

Meyers Rieslinge gibt es hier (kostaquanta: nicht die Welt)

Dieser Text erschien leicht geändert auch in der Welt am Sonntag

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