Wachauer Sonnenbrand

VON BENJAMIN HERZOG Grüner Veltliner gilt gemeinhin als hochwertig, wenn er besonders füllig und damit auch alkoholreich ist. Unser Autor aber findet, dass das der Sorte gar nicht gut bekommt. Die meisten Weine mit Bezeichnungen wie Smaragd oder Reserve schießen auf ein falsches Ziel. Und meilenweit daneben.

Am 31. Mai und am 1. Juni letzten Jahres holte ich mir den bisher stärksten Sonnenbrand des Jahrhunderts. Am ersten Tag unterschätzte ich die Sonne am Käferberg in Langenlois im Kamptal. Am Tag drauf verbrutzelte meine Haut in der Lage Klaus in Weissenkirchen in der Wachau. Dieser Sonnenbrand hat mir schmerzhaft vor Augen geführt, dass es nunmal auch zu viel des Guten gibt. Zu viel Sonne bekommt den Menschen nicht und ich finde ehrlich gesagt, dass das auch auf die Trauben zutrifft, insbesondere wenn sie von weisser Farbe sind. Das Weinjahr 2014 wurde trotz des Sonne dieser Tage dann ein anderes. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine damalige Reise wurde von der ÖWM (Österreich Weinmarketing) organisiert und gipfelte Anfang Juni in einer grossen Grüner-Veltliner-Verkostung im Wiener Palais Coburg. Zur Degustation standen mehr als 100 Weine: junge und elegante Veltliner, kraftvolle Reserven, reifere Gewächse und dann noch innovative und wilde Exemplare im Orange- und Naturweinbereich. Die Organisatoren dieser Verkostung wollten also die Vielfalt zur Schau stellen, die diese Sorte in Österreich an den Tag legt. Das ist ihnen auch gelungen, doch erhärtete die Verkostung meine These, dass zu viel Sonne  – oder besser gesagt eine zu hohe Reife – der Sorte Grüner Veltliner nicht gut tut. Insbesondere wenn daraus trockene, lange lagerfähige Weine  produziert werden sollen.

Die meisten Winzer dieser Erde haben zum Glück längst kapiert, dass ein hoher Zuckergehalt der Trauben und der damit verbundene höhere Alkoholgehalt keine Qualitätsmerkmale sind. Doch es gibt noch immer viele Gegenden, in welchen sich die Qualitätspyramiden genau an diesen Merkmalen orientieren – auch in Österreich. Die „Gewichtsklassen“ der Vinea Wachau funktionieren so, das Österreichische Konzept der Reserve-Weine ebenfalls. Smaragd-Weine – die schwersten und laut eigener Aussage auch hochwertigsten Weine der Vinea Wachau – müssen mindestens 12,5 Volumenprozent aufweisen, Österreichische Reserveweine allgemein deren 13. Das klingt moderat, ist es auch, doch die Realität zeigt, dass die meisten Smaragd- oder Reserve-Veltliner heute mit 14 Volumenprozent und mehr daherkommen. Für mich ist das zu viel des Guten.

Alkohol – die Butter des Weines

Die Alkoholdiskussion ist eigentlich genauso müßig wie etwa die Diskussion um alternative
Flaschenverschlüsse. Es gibt wenig, das nicht schon gesagt wurde. Allgemein gilt die Überzeugung, dass ein Wein so stark sein darf wie er will, so lange der Alkohol sensorisch gut eingebunden ist. Ich bin da anderer Meinung. Alkohol ist ein wichtiger Geschmacksträger und Strukturbildner im Wein. Mit ihm verhält es sich so ähnlich wie mit der Butter beim Kochen. Bei einigen Gerichten darf es etwas mehr sein, doch es gibt immer den Punkt, ab dem es einfach zu viel ist, ab dem das Gericht plump wirkt ob der überladenen Fettigkeit.

Und dennoch: Köche, die viel Butter verwenden, haben durchaus ihr Publikum. Genau wie die Winzer, die Jahr für Jahr das Ziel verfolgen, vermeintlich große Grüne Veltliner zu produzieren – für mich sind diese Weine vor allem breit und sättigend.

Hohe Reife schlägt sich aber nicht alleine in hohem Alkohol nieder, sondern auch in der Säurestruktur und  – noch viel wichtiger – im Aroma. Grundsätzlich müsste mal die Frage geklärt werden, ob Honig zu den Sortenaromen von trockenem Grüner Veltiner zählt. Mich schrecken diese Noten bei jungen Weinen eher ab als dass sie mich anziehen.

Es ist die Frische, stupid!

Es ist die Frische, die diese Sorte für mich ausmacht, ihre leichte, unaufdringliche Art und vor allem ihre leichtfüßige Trinkbarkeit. Warum begleitet Grüner Veltliner ein dünnes, dunkelbraun gebratenes Wiener Schnitzel so gut? Weil er mit seiner Frische und dem würzigen Pfefferl dem aus dem Butterschmalz gehievten Schnitzel Gegensteuer geben kann. Eigentlich gut, dass dafür die leichteren, vermeintlich minderwertigen Exemplare weitaus besser geeignet sind als die teuren Reservekraftbomben.

Gerade nach einigen Jahren auf der Flasche machen mir jene Weineweitaus mehr Spass, deren Trauben mit weniger Reife und Zucker geerntet wurden, als diejenigen, die sich schon jung reif zeigten und mit Komponenten wie Honig- oder gedörrten Fruchtaromen aufwarten konnten. Und diese gibt es freilich auch in Österreich in großer Menge. Folgende Weine sind mir bei dem kurzen Österreichaufenthalt besonders positiv in Erinnerung geblieben:

+) Lesehof Stagård, Grüner Veltliner „d.u.“ 2005, 12,5 Vol-%
Der erste Wein, den Dominique und Urban Stagård im Alleingang produzierten. Er wirkt weitaus jünger, als er eigentlich ist. Urban Stagård führt das auf ein Gerbstoff-Problem zurück, das der Wein im Jungstadium hatte, da er aus einer Lage kommt, die wenig gepflegt wurde. Ein Wein, der zeigt, dass es für eine gute Reife keine hohen Alkoholgradationen braucht. Feine Reifenote mit erdigen Elementen und Gewürzen. Im Mund sehr elegant mit stimmigem Verhältnis von Schmelz und Säure. Feiner Salzeindruck im Finale.
Erhältlich bei www.stagard.at für 17,70 Euro

+) Weingut Jäger, Grüner Veltliner Federspiel Ried Klaus 2013, 12,5 Vol-%
Als Federspiel bezeichnen die Mitglieder der Vinea Wachau Weine der zweithöchsten Qualitäts- und auch Gewichtsklasse. Roman Jägers Federspiel aus der Ried Klaus ist für mich der Inbegriff eines Wachauer Grüner Veltliners, der sich in perfekter Reife und Eleganz bewegt. Hier gibt es von nichts zu viel. Unaufdringlich, trocken, saftig.
Erhältlich bei www.geiselsweingalerie.de für 12,90 Euro

+) Weingut Bründlmayer, Grüner Veltliner Berg Vogelsang 2013, 12,5 Vol-%
Die Lage Berg Vogelsang gehört zu den kühleren Rebbergen im Kamptal. Für einen eigentlich frischen und jung schon trinkbaren Weintypus wird er sehr spät gelesen. Man merkt hier deutlich, dass die Trauben perfekt reif und in keinster Weise überreif geerntet wurden. In der Nase klassisch mit Zitrusaromen und feiner Mineralität. Am Gaumen elegant mit Grip und von grosser Frische. Ältere Jahrgänge offenbaren, dass dieser Wein überaus gut reift und sich vor den fetteren Geschwistern wie Ried Lamm oder Käferberg nicht verstecken muss.
Erhältlich bei www.rotweissrot.de, 14,90 Euro

Weingut Nikolaihof, „Vinothek“ 1993, 12,5 Vol-%
Nach 15 Jahren im Fass wurde der Wein erst 2008 gefüllt. Leider ist er ab Weingut vergriffen, dennoch gab es ihn an der ÖWM-Verkostung in Wien zu probieren. Ich notierte: Alles scheint hier perfekt zu sein. In der Nase Holz, getrocknete Früchte wie Aprikose und Dattel. Am Gaumen absolut ausbalanciert. Die Säure ist perfekt integriert in die Reststruktur und vor allem in das reife, einnehmende Aroma. Kann man schwer ausspucken.
Ausverkauft

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