Die Verkalkten

VON MANFRD KLIMEK Schwedhelm und Huber. Zwei Winzer, zwei Länder, zwei Regionen, zwei Leben, ein Gedanke: kühl, elegant, schlank und als Sahnehäubchen suchtmachend süffig. It´s the Kalk stupid..

Während das Europa der Vielfalt und Solidarität in diesen Stunden an Flüchtlingsströmen und bankrotten Ländern zu zerbrechen droht, machen wir uns auf die Suche nach einem Gleichklang, einem einheitlichen Charakter, der zwei Weine derselben Rebsorte prägt, die in zwei Ländern wachsen. Geht’s noch umständlicher? Freilich! Doch wer hat noch Zeit für noch mehr Zeit?

Nicht weiter nachdenken. Bringt nichts. Gestern war Sommer, heute ist Herbst, morgen ist wieder Sommer. Und der bleibt dann hoffentlich auch, denn nichts können deutsche und österreichische Winzer weniger brauchen als ein weiteres 2014. Le petit Arschjahr.

Vierzig Grad, neue Hitzerekorde. Gewöhnen wir uns mal dran. „Und gehet hin, die Weine suchen, die den Durst dieser Hitze lindern“ (Buch des Saufus, Kapitel IV, dritter Vers). Klar: Einen wuchtigen Weißen will man jetzt nicht trinken. Lieber was, das runterläuft wie ein kühler, klarer, frischer Riesling. Also einen kühlen, klaren, frischen Riesling. Aus Deutschland. Aus Österreich.

Beim Suchen und Finden sind wir auf zwei Winzer gestoßen, die sich nicht kennen, aber ähnliche Weine machen, als hätten sie sich vor der Arbeit abgesprochen. Sie entstammen gerade noch einer Generation; der eine, 29, am Anfang stehend, der andere, 35, schon Jahre im Betrieb am Ruder und seit diesem Jahr in der Oberliga verankert. Der eine im Zellertal, das klingt, als ob es in Tirol sein könnte, ist jedoch in der Pfalz und Rheinhessen als Hochplateau für etwas individuellere Weine bekannt; der andere im Traisental, eine eher unbekannte Region an der Donau, die im Schatten der prominenten Gebiete Wachau, Kremstal und Kamptal steht, die sich am anderen Ufer wichtigmachen.

Brothers in Arms

Georg Schwedhelm heißt der Winzer im Zellertal. Genauer gesagt, die zwei Winzer Georg & Stephan Schwedhelm, der eine im Kaufmännischen, der andere im Önologischen ausgebildet, beide fähig beides zu tun. Eine Idealkombi. Markus Huber heißt der andere, er hat vor 15 Jahren mit 20(!!) den Betrieb seiner Eltern übernommen. Huber und sein jüngerer Bruder bauten das 4 Hektar Nebenerwerbsweingut auf ein 40 Hektar Haupterwerbsweingut um. Mit neuem Betriebsgebäude und neuem Image. Die Eltern dachten, der Himmel falle den Hubers bald auf den Kopf. Soviel Expansion in relativ kurzer Zeit. Dabei wuchs das Weingut Huber rückwirkend betrachtet eher schonend zu einem großen Weingut heran. Heute füllt die Familie knapp 500.000 Flaschen im Jahr, eine Riesenmenge. Größer will Huber auch nicht mehr werden, danach, so sagt er, wird es unübersichtlich. Die Sicht auf die Dinge verlieren andere Winzer schon bei 50.000 Flaschen. „Aber geh“, sagt Huber und lacht.

Schwedhelm und Huber keltern Riesling. Vor allem Riesling. Nicht nur Riesling. Schwedhelms zweite Lieblingssorte ist der Weißburgunder. Den hat Huber auch, doch bei ihm macht der Veltliner das Geschäft, und dementsprechend muss er sowohl für Brot und Butter als auch für den Kaviaraufstrich herhalten. Riesling verliert in Österreich zunehmend an Wichtigkeit. „Na ja, den machen die Deutschen einfach fokussierter“, sagt Huber. „Ich aber auch.“

Schwedhelm und Huber haben eine große Gemeinsamkeit, die die Ähnlichkeit ihrer Weine ausmacht: Die Wurzeln ihrer meisten Reben ankern in Kalkgestein. Entweder Kalkkonglomerat oder richtig weißer Kalkfelsen. Kalk macht kühle, schlanke und elegante Weine; das, was man jetzt (Hitze) will. Schwedhelm und Huber haben neben der gemeinsamen Verkalkung auch noch zwei Rieslinge, die gleich heißen – na ja, fast gleich. Und der eine ist gar kein richtiger Riesling. Trotzdem vor den Vorhang bitte. Weil beide Weine sehr speziell sind.

X-Berg ist ein Charlottenburger

Der Wein der Schwedhelms ist der günstigere, das untere Ende der Fahnenstange. Er heißt Berg. Wie der von Huber, den wir uns danach ins Glas gießen. Schaut man genau hin, dann erkennt man auf dem Etikett das X vor dem Berg, das auf der Flasche nicht gleich zu sehen ist. X-Berg also, so nennen Berlin-Touristen, die besonders cool sein wollen, den Stadtteil Kreuzberg, ein Soziallabor, geöffnet seit den späten Sechzigerjahren. Niemand in Kreuzberg sagt X-Berg zu seinem Bezirk.

Der Wein hat nichts von Kreuzberg. Eher ist er Charlottenburg oder Friedrichshain. Sicher aber ist er total unkompliziert, was keine Herabwürdigung ist, sondern gegenteilig das höchste Lob. Wir haben schon lange keinen solch süffigen Wein im Glas gehabt. Wobei die Betonung auf „gehabt“ liegt, denn er bleibt nicht lange in Glas.

Der X-Berg 2014 ist eine Cuvée aus 60% Riesling, 30% Chardonnay und 10% Scheurebe, und es ist die Scheurebe, die den X-Berg geschmacklich komplettiert. Diese oft so unnötige Sorte, hier wirkt sie wie ein Gleitmittel beim Intercourse – der Wein flutscht nur so. In der Nase etwas Pfirsich, Apfel, grüne Birne, kurz Quitte, danach ein wenig Brioche und auch ein wenig nasser Kieselstein. Im Mund frisch, säurebetont, fruchtig (aber nicht übertrieben fruchtig), ein bisschen herb, ein wenig süß (obwohl trocken) und ganz wunderbar animierend. Ein Glas reicht kaum. Der Sommerwein schlechthin.

Fader Name, guter Wein

Markus Hubers Riesling Berg trägt kein X vor dem Lagennamen. Er heißt Berg. So fad, wie die Lage eben heißt. Und dieser Berg, Erste Lage übrigens, wird aus dem besten Lesematerial der besten Parzellen gekeltert. Totale Selektion. Wenn man den Wein mal gekostet hat, dann weiß man warum.

Das ist einer der besten Rieslinge Österreichs. Wegen solcher Weine ist Huber heuer zum Winzer des Jahres gewählt worden. So einen Titel kann man immer brauchen. Vor allem später im Leben. Noch dazu war der Jahrgang 2013 der bisher beste für die Lage Berg, so ist der Berg 2013 auch der bisher beste dieser seit jeher schon großartigen Rieslinge – eine schon monströs erscheinende Ausnahme. In der Nase Quitte, Stachelbeere, Kieselsteine am Bachbett, junge Marillen, Ringlotte, weiße Johannisbeeren, wenig Pfirsich, auch wenig Kräuter. Die kühle, auch sauerfruchtige Eleganz setzt sich im Mund nicht hundertprozentig fort, denn hier merkt man dem Wein auch die 8,2 Gramm Restzucker an, die von 8,0 Gramm Säure in Schach gehalten werden. Und genau dieses Gleichgewicht macht – wie so oft – einen sehr guten Wein zu einem echt großen Wein.

Schwedhelm und Huber, zwei große Talente, beide in jungen Jahren bereits totalverkalkt, beide mit Weinen am Start, die manch intellektuellen Weinphilosophen wohl zu wenig vielschichtig sind, die aber eine enorme, fast obszöne, eine ungeheuerliche Süffigkeit mitbringen – was im Modestrom der Denkweine mitunter untergeht. Diese Süffigkeit findet sich auch in fast allen anderen Weinen der beiden. Brüder im Geiste zur Sonne, Brüder zur Freiheit blabla. Oder so ähnlich. Wann wird es wieder heiß? Samstag? Aha. Danke.

Der X-Berg 2014 von Schwedhelm bekommt von uns 6,5/10 Punkten, und es gibt ihn für € 9,80 nirgendwo. Wir haben jedenfalls keinen Händler gefunden.

Den Riesling Berg 2013 Erste Lage von Markus Huber bekommt von uns 7,5/10 Punkten, und es gibt ihn für € 26,50 hier. Und der Händler schickt auch nach Deutschland.

Ad