Blauburgunder aus Blocherland

VON BENJAMIN HERZOG Die Nordschweiz hat mehr zu bieten als guten Landwein allein. Das weiß der Winzer Markus Ruch und setzt daher kompromisslos auf Herkunft. Und weil das alle merken sollen, exportiert er seine Weine auch.

Ich kann Markus Ruch nicht genug danken. Er ist der Winzer, der mit seinen Pinot Noir meine Heimat Schweiz für mich weinmässig rehabilitiert hat. Ruch arbeitet im Klettgau, im Kanton Schaffhausen, ganz im Norden der Schweiz, an der Grenze zu Baden. Ich bin nur wenige Kilometer von dieser Anbauregion entfernt aufgewachsen. Den Grossteil der Weine, die hier gedeihen, will ich nicht trinken. Gäbe es Wettbewerbe für den teuersten maischeerhitzten Rotwein und den laschesten Müller-Thurgau – irgendein Winzer im Klettgau würde den ganz sicher gewinnen. Ganz zu schweigen von der 3-Gramm-Restzucker -Rotwein-Trophy. Liegt es an den Lagen, oder den Reben hier? Nein! Es liegt an den Winzern. Seit ich Markus Ruchs Weine kenne, bin ich mir da ganz sicher.

Wein aus dem Blocherland

Markus Ruch kam erst 2007 in den Klettgau – eine Region, deren Weinbranche von Hobbywinzern, Genossenschaften und Grosskellereien dominiert wird. Politisch steht man hier scharf rechts. Der Bruder des Rechtspopulisten Christoph Blocher war Jahrzehnte als Dorfpfarrer in Hallau, dem grössten Ort der Region, tätig. Was die Weinbetriebe angeht, so erklärt schon deren  Bezahlsystem, das sich meist an Öchsle und Gewicht und nicht an der Traubenqualität orientiert, dass man hier vor allem an Zuckergehalt und Erntemenge interessiert ist. Ganz sicher nicht am Ausdruck der Gegend, an so etwas wie Terroir oder etwa an grossem Wein von internationalem Ruhm. Was für hartgesottene Nationalisten und Regionalisten wiederum seltsam ist.

Natürlich gibt es Winzer, die nach Spitzenqualität streben, das Weingut Baumann beispielsweise oder Michael Meyer vom Bad Osterfingen. Doch sie scheinen in den letzten Jahren irgendwie stehengeblieben zu sein. Niemand schafft es bis heute, das Terroir des Klettgau so kompromisslos auf die Flasche zu bringen wie Ruch. Der hat nämlich nur eines im Kopf, das „Einfangen von Information“, wie er es selber nennt. Damit ist er nicht nur allein auf weiter Flur, er wird auch heute noch von einigen Alteingesessenen als Fantast belächelt.

Allein ist man stark!

Gerade mal 2,5 Hektar bewirtschaftet Markus Ruch, seine Produktion ist also verschwindend klein. Doch Ruchs Konzept funktioniert nur auf diesem kleinen Niveau, denn er macht alles im Alleingang. Dafür verzichtet er auf einen fetten Verkostungsraum oder ein schickes Auto. Seine Reben, die er heute pflanzt – meist Burgunderklone der Sorte Pinot Noir – sollen alt werden. „Da lasse ich doch nicht irgendeinen dran rumschnippeln“, sagt er bestimmt. Der Rebschnitt gehört für ihn zu den wichtigsten Aufgaben.

Ruch gehört zu den Freeclimbern unter den Winzern, er bewegt sich immer auf dem schmalen Grat des Möglichen, kennt die Grenzen aber ganz genau. Man sieht dem gross gewachsenen, hageren Mann an, dass er täglich in den Reben steht. „Es muss dort geschehen“, sagt er. „Von Kellertechnik habe ich nämlich nicht sehr viel Ahnung.“ Ruch ist ein Mann der leisen Töne, keiner, der unüberlegt lospoltert. Doch er hat klare Ansichten. Von der Biodynamie oder dem Ziel schwefelfreien Wein zu erzeugen, hat er sich schon vor einigen Jahren verabschiedet. Er will sich in kein Korsett zwängen. Ruch arbeitet naturnah, benutzt biodynamische Methoden nach Rudolf Steiner, schwefelt seine Weine nur minimal und ist stets an neuen Techniken interessiert, die es ihm ermöglichen, noch mehr mit der Natur zu arbeiten. „Es gibt so viele gute Sachen“, sagt er. Frutogard beispielsweise, dessen Verwendung als Pflanzenstärkungsmittel die Schweizer Bio-Richtlinien verbieten. Ruch wollte es dennoch einsetzen und verzichtete kurzerhand auf die bereits vorhandene Bio-Zertifizierung. „Umso älter ich werde, desto gemässigter bin ich. Letztlich geht es mir um Menschenverstand.“

Und genau da liegt der Hund begraben. Beim Menschenverstand. Bevor Ruch nämlich ins Klettgau kam, um hier seinen Traum von Pinot-Noir-Weinen mit klarem Ausdruck zu verwirklichen, verbrachte er einige Jahre auf Lehrbetrieben wie dem von Christian Zündel im Tessin oder von Marie-Thérèse Chappaz im Wallis. Da hat er viel verkostet. Dass in den Lagen im Klettgau Potenzial schlummerte, habe er von Anfang an gewusst. Dass er aber nach wenigen Jahren an der Spitze der Region und auf der Weinkarte des Noma in Kopenhagen oder bei renommierten Händlern im Regal stehen würde, das hatte sich der bescheidene Ruch dann doch nicht erträumt. Und irgendwie scheint ihm auch nicht ganz wohl dabei zu sein. Er sieht sich mitten auf dem Weg und noch lange nicht am Ziel.

Bise und Föhn – die Winde des Glücks

Das Geheimnis des Klettgaus ist das Randengebirge. Ich erinnere mich gut, wie wir als Kinder dort wandernd Unmengen Versteinerungen im Kalkstein gefunden haben. Der letzte Ausläufer des Jura-Gebirges ist für den Kalk verantwortlich – in den sonst lehmigen Böden. Das Klima im Klettgau ist mild, es gibt warme Föhnwinde, wie in Graubünden, doch die kalte Brise im Herbst erlaubt es, die Ernte hinauszuzögern. Markus Ruch gefällt die Brise besser als der Föhn, den Kollegen, die den Öchsle hinterherjagen, geht es genau umgekehrt.

Die Region hat sich vor einigen Jahren selbstbewusst den Namen Blauburgunderland gegeben. Pinot Noir macht denn auch den Löwenanteil der Produktion aus. Im Weißweinbereich ist der Müller-Thurgau vorherrschend, hier noch meist Riesling-Sylvaner genannt.

Auch Ruch macht Müller-Thurgau, einen zum Wegsaufen und einen zum Innehalten. Den keltert er aus mehr als 50-jährigen Reben, die auf der Maische in einer Amphore vergoren werde. Dass dieses Gebinde gerade gehyped wird nervt ihn mehr als dass es ihn freut. „Auch Müller-Thurgau enthält Informationen, die Frage ist, wie man sie am besten im Wein behält.“ Und tatsächlich – Markus Ruchs Müller-Thurgau aus der Amphore ist wohl einer der am aufwändigsten produzierten Weine seiner Art; ein komplexer Wein, mit ganz klarem Profil, Ausdruck und keiner Spur von Oxidation. Für mich der grösste Müller, den ich je gekostet habe.

Nichtsdestotrotz: Müller-Thurgau ist keine Sorte, die Markus Ruch besonders bewegt. Einzig beim Pinot Noir seien die Prozesse für ihn langsam schlüssig. Ruch hat auch Riesling gepflanzt und obwohl das Resultat für einen Schweizer Rheinriesling aus jungen Reben mehr als vielversprechend ist, stellt ihn der Wein nicht zufrieden. „Mir hat der Riesling aber viel für meine Pinots erzählt“, sagt Ruch und spricht über die Faszination für die Sorte, über die Methoden seiner deutschen Freunde und darüber, dass er heute auch beim Pinot viel spielerischer rangehe als zu Beginn.

Neben dem einfacheren Ortswein produziert Ruch drei Pinots aus Einzellagen: Chölle, Haalde und Schlemmweg. Die Diskussion, welche davon die beste Lage ist oder welche ihm am besten gefalle, vermeidet Markus Ruch. Ganz wie ein Vater, der vor seinen Kindern auch nicht seinen Liebling nennt.
Es war ein Wein aus der Lage Haalde, die meine Heimat bei mir rehabilitierte. Im Gespräch merkte ich bald, dass das wohl auch Markus Ruchs liebste Lage ist. Ein eleganter Pinot Noir, ja gar karg und klar kalksteingeprägt. Ein Wein, auf den man sich einlassen muss, den man so schnell nicht erfassen kann und den man vor allem einige Jahre lagern muss, bevor er sein wahres Gesicht zeigt. Ganz wie ein grosser Burgunder eben. Der aktuelle 2013er war ab Weingut wie alle anderen Weine nach wenigen Wochen ausverkauft. Ruch nimmt das gelassen. Es geht ihm nicht um schnellen Erfolg oder das Abverkaufen, sondern einzig darum, den Ausdruck seiner Lagen zu finden und darum, dass seine Weine zu den Leuten gelangen, die sie auch zu schätzen wissen.

Die Pinot Noir von Markus Ruch gibt es zum Beispiel in Wagners Weinshop
www.wagners-weinshop.com

Den Amphorenwein hingegen nur hier
www.cultivino.ch

Und ab Ende 2015 (nach der nächsten Füllung) gibt es auch hier seine Weine auch in Deutschland bei
www.weinundglas.com

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