Europa, Du biste……auch in dieser Kiste

VON MANFRD KLIMEK Ich habe eine Kiste Wein bekommen. Aus Sizilien. Und diese Kiste ist Europa. Und die Vielfalt Europas. Ich hasse diese Kiste. Ich will mehr solche Kisten bekommen.

Bevor wir nach einer etwas lang geratenen Arbeitsüberlastungs-Pause wieder in den Alltag zurückkehren und mit den Weinen von Markus Huber ein neues Kapitel des österreichischen Rieslings aufschlagen, möchte ich hier anhand der auf dem Bild gezeigten und inzwischen im Müll versenkten Kiste die Probleme Europas verdeutlichen.

Europa, Du biste
auch in dieser Kiste

Die Kiste kommt vom Weingut Cusumano. In ihr drin waren vier Flaschen Wein. Cusumano ist keine kleine Firma, und diese Kiste kommt von ihrer Dependance am Ätna – auch dort zählt Cusumano zu den größeren Winzern. Die Weine – Alta Morra bianco und Alta Morra rosso – bespreche ich gesondert. Sie sind es wert. Wie auch die ganze Region um den Vulkan einmal eine gesonderte Besprechung wert ist, denn sie ist inzwischen eines der interessantesten Weinbaugebiete Italiens. Heute aber soll nur die Kiste besprochen werden.

Die Kiste ist aus Styropor. Kein Karton, keine Verpackung einer bekannten Weinspedition. Nur Styropor. Im Styropor lagen die vier Flaschen gut eingebettet, ihr eventuelles Verrutschen wurde mit ausgleichenden Einlagen verhindert. Sehr durchdacht. Jede Flasche wurde zudem ausreichend mit Klarsichtfolie eingewickelt. Man wollte verhindern, dass das schöne Etikett zerstört wird. Als die Styroporhälften zusammengefügt waren (je 2 Weine) hat man das Behältnis mit einem gefühlten Kilometer durchsichtigem Klebeband überzogen, den Adresskleber draufgetackert und einer Spedition übergeben. Keine Ahnung welcher, das ließ sich nicht feststellen. Klar aber, dass das Paket sehr schnell in Berlin war. Ohne Expresszuschläge innerhalb von 48 Stunden. Da kann sich DHL mal ein Beispiel nehmen.

Die Kiste wird ein Gebilde

Das Paket wurde mit einigem Aufwand gemacht. Alleine den Kilometer durchsichtiger Klebefolie herumzuwickeln, muss zwei Personen mindestens fünf Minuten gekostet haben. Genützt hat es wenig, aber es hat die zerbrochenen Teile des Styropors innerhalb des Klebebandgebildes gelassen. „Gebilde“ deswegen, weil die Kiste, als sie in Berlin ankam, an mehreren Stellen nicht mehr als Kiste zu erkennen war. Und sie wurde auch mit keinem Zerbrechlich-Warnaufkleber versehen. So wurden sie herumgeschmissen wie Bücher oder Katzenstreu. Und zum Gebilde. Die Flaschen blieben alle heil.

Ich habe das Gebilde fotografiert, nachdem ich auf meinem Balkon schon gestoppte vier Minuten an ihm herumgeschnitten hatte und immer noch nicht durch das Klebeband gedrungen war. Da habe ich meinen dritten Schimpf- und Schreianfall bekommen, die Schere zu Boden geworfen und laut gebrüllt: „WELCHER IDIOT MACHT DAS? ICH FASSE ES NICHT! WAS SIND DAS FÜR VOLLTROTTEL?“

Die Weine, wie gesagt, waren sehr gut. Und das hat mich dann auch wieder runtergeholt. Ich war kurz davor, den ganzen Scheiß vom Balkon zu werfen, damit er aus meinem Gesichtsfeld kommt. Wäre der zuständige Verpacker bei meiner Türe hereingeschneit, hätte ich ihm, wie man in Wien-Leopoldstadt (Aufwuchsort) sagt: „aane ungschaut in de Goschn ghaut, dass er saane Zähnt aufsammln geh kaun.“ Aber es kam keiner, und ich blieb mit meiner Wut alleine.

Mit Liebe gemacht

Ich habe mir dann die Kiste und die Weine nochmal angesehen. Dieser Aufwand? Und dann diese kleinen Zeitungsschnippel und Styroporteile, die das Verrutschen sichern sollten, die Klarsichtfolie, das Klebeband – alles sehr sorgfältig gemacht. Durchaus liebevoll. Und wahrscheinlich von jemandem – das zeigt das Detail – der wollte, dass das alles gut bei mir ankommt. Dass ich mich an den Weinen freue. Dass die Weine und das Weingut gut dastehen. Und da habe ich mich ein bisschen geschämt und laut ins Nichts gerufen: „JA, IST EH ALLES IN ORDNUNG.“ Gehört haben das nur die Nachbarn, die am Webergrill standen. Die halten mich ohnehin für total plemplem (gugeln). Und ich sie auch. Ich halte Grillen generell für daneben. Andere Geschichte. Wird hier nie erscheinen.

Diese Kiste ist ein Teil Europas. Mit Sorgfalt gemacht. Aber von Beginn an eine Fehlkonstruktion. Der Macher der Kiste kann sich nicht vorstellen, wie ich da auf dem Balkon stehe und vorsichtig versuche, das Klebeband durchzuschneiden. Mit etwas weniger Vorsicht wäre es schneller gegangen, nur hätte ich dann den Sauger holen müssen, die 4538 Styroporkrümel einzufangen. Das alles war nicht auf dem Schirm des Machers. Und das ist gut so.

Europa ist nicht Deutschland, Österreich und ein paar andere Länder, die wissen, wie man richtige Kisten macht. Europa ist die Summe vieler Denkschulen, die ihre Lehre aus dem Leben des Orts schöpfen. Das kann toll, aber auch ganz nervig sein. Aber es ist.

Vielfalt? Bei Wein gerne. Bei den Denkschulen des Lebens bitte nicht

Und es ist jene Vielfalt, die wir bei Weinen suchen. Im Politischen, im Wirtschaftlichen, im Wirtschaftspolitischen soll diese Vielfalt aber einer verständlichen Logik und Logistik unterworfen werden. Und wird unterworfen. Mir schwant, dass wir die Vielfalt nicht ohne das begleitende Chaos haben können. Dem Chaos, das diese Kiste ausgelöst hat, als ich sie am liebsten mit einer Ladung Semtex (gugeln) in die Luft gesprengt hätte.

Aber diese Kiste ist Europa. Und ich werde mich hüten, jede weitere solche Kiste mit einem Wutanfall zu kommentieren. Ein Europa ohne solche Kisten will ich nicht haben. Und keine Union des Genormten, das schon in das Denken intelligenter Menschen vordringt. I would prefer not to.. Wer noch?

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