Der Wein zum Koks

VON MANFRED KLIMEK Deutschland sucht den Anlasswein. Was passt zu angebranntem Fleisch? Selbstverständlich Aromasorten. Und danach viel Bier.

„Grillen ist der deutsche Umgang mit Nahrungsmittel.“ Das sagt mein liebster Wiener Wirt, der es sich nicht verkneifen kann, das Fleisch-auf-die-heiße-Kohle-werfen als barbarische Tradition abzuqualifizieren. Ich kontere immer, dass die österreichische Küche ja auch nur vorschlägt, jede erdenkliche Art Fleisch, Innereien und Gemüse (z.B. Blumenkohl) in einer Panier zu versenken, um die von Mehl, Ei und Brösel zur Unkenntlichkeit ummantelten Stücke danach in einer Pfanne braunzurösten. Als ob das viel besser wäre?

Vor ein paar Monaten hat mein liebster Wiener Wirt so ein Ding in seinen Gastgarten gerollt, das ich in Österreich und Deutschland schon öfter gesehen habe. Das Teil ähnelt einer Dampfmaschine bevor sie von Stevenson Räder bekam und auf Schienen gestellt wurde. Aber es ist keine Lokomotive, sondern ein amerikanischen Grillofen, der mit Rauch grillt. Das schmeckt tatsächlich besser, feiner, gourmetgerechter, wird aber sicher bald verboten werden, weil irgendein Querulant Passivrauch einatmet, die Luft anhält und diese erst in Karlsruhe wieder ausatmet. Mein Wiener Wirt aber ist jetzt mit dem Grillen versöhnt. Denn der Ofen macht was her. Wie ein Porsche. Auch große Männer brauchen Spielzeuge.

Der Deutsche ist Grillweltmeister. Und wie es der Brauch will, trinkt er zum Steak oder den Würsten viel Bier. Wein zu Grillfleisch ist ein Novum. Ich wage das zu behaupten, nachdem ich mich über zwei Stunden lang mit der deutschen Grilltradition beschäftigt habe. Auf keinem der alten Fotos aus den siebziger und achtziger Jahren hält einer der Typen ein schickes, dünnwandiges Weinglas in der Hand, in dem ein reifer Lemberger gegen die Ränder schwappt. Nein: Es ist Bier!

Grillwein = Anlasswein

Und das ist auch verständlich, denn es gibt wenige Weine, die einem gut gewürzten Grillsteak oder einer scharfen Wurst Paroli bieten können. Doch da es in Deutschland die besondere Tradition des Anlassweins gibt (Spargelwein, Terrassenwein, Kaminwein), sucht man hierzulande zur Hebung der Lebenskultur auch den richtigen Grillwein. Da muss man nicht viel suchen, den findet man gleich. Er kann nur aus einer Aromasorte gekeltert sein.

Am besten gleich aus der hinreißend einsilbigsten aller Aromasorten, dem Gewürztraminer, aus dem man belanglosen Sprudel oder hochwertigsten Spitzenwein machen kann. Einen der besten Gewürztraminer Deutschlands keltert Heinrich Vollmer in der Pfalz. Der 2013er, höre ich, soll ganz besonders gut gelungen sein, ich habe aber nur einen 2012er namens 50HL im Keller (Spätlese trocken). In der Nase der erwartete Rosenduft, danach auch Kamille, Brioche, Himbeere, Limette, etwas exotische Früchte, auch Mandarine und Kohlrabi. Im Mund kernig und kräftig, die Frucht sucht keinen Auslauf und lässt dem Wein seine Eleganz. Meiner Meinung nach ideal zu jeder Art Grillwurst. Wie fast alle trockenen Gewürztraminer.

Überrascheng geignet dann die Scheurebe trocken 2013 vom Mettenheimer Schlossberg in Rheinhessen, abgefüllt vom Weingut Becker – der Sohn des Hauses trägt den schönen Namen Amadeus. Scheurebe ist eine Sorte, mit der ich mich nie richtig anfreunden konnte – außer sie finalisiert eine Cuvée in der viel Riesling vorkommt. Diese Scheurebe hier ist aber ein richtiger Winzerwein, also eine Kreation von jemandem, der sich dachte: „Na, da mache ich mal was Anständiges draus.“ Gut gemacht!

besser flach halten

In der Nase würde ich Beckers Scheurebe mit verbundenen Augen zuerst für einen Rotwein halten. Viel Cassis, Himbeere, selbst ein bisschen Zwetschke ist zu riechen. Dann folgen aber deutlich hellere Eindrücke: grüner Apfel, Birne und auch eine Zitrusnote, die ein klein wenig ordinär wirkt. Ja, ja, nicht aufregen! Ich ziehe ordinär zurück und sage rustikal. Klingt gleich besser.

Im Mund ist Beckers Scheurebe vor allem herb, leicht bitter, dabei auch kräftig und im positiven Sinne flach – also nicht vielschichtig. Das bedeutet, dass der Wein den Geschmack des angebrannten Fleisch nicht zu stören vermag. Das macht diese Scheurebe zum erstklassigen Grillwein.

Nicht jeder mag Aromasorten. Deswegen folgt nun auch kein Sauvignon, sondern ein Grüner Veltliner 2014 namens Urknall von Toni Zöhrer aus dem Kremstal in Niederösterreich. Dieser Wein macht einfach nur Spaß. Aufmachen, austrinken, nächste Flasche. In der Nase etwas Kirsche, Paprika, Apfel, feuchte Aprikosenkerne und der gut gespülte Stammtisch-Aschenbecher eines Dorfwirtshauses – das Geruch erhöhter Mineralität. Im Mund saftig, würzig und schlicht und einfach so, dass ich um das fürchterliche Wort „trinkig“ nicht herumkomme. Oder lecker. Lecker passt am besten.

Fleisch und Würste, so kann ich jetzt die Gedanken lesen, da sind doch Rotweine angesagt, oder? Ja. Aber bitte nicht Feines, keine lange gelagerten, besonderen Flaschen. Die sind am Grill fehl am Platz, denn sie können ihre Nuancen gegen das leicht angekokelte Fleisch genauso wenig durchsetzen, wie die Griechen den Schuldenschnitt bei Mutti. Also muss es ein leichter, fruchtiger Rotwein sein. Etwa der 2013er Merlot QbA von Andi Knauß aus dem Remstal. Dieser Wein ist neben seiner unbeschwert-einfachen Fruchtigkeit auch würzig, kräftig und hat Druck bis zu den ersten Millimeitern der Speiseröhre. Das alles ist ein weiterer Beweis, dass Deutschlands Rotweine extrem von der Klimaerwärmung profitieren und Deutschland sehr bald zu den großen Rotweinländern Europas zählen wird. Nach dieser politischen Erklärung folgt bloß noch ein simpler Zuruf: Den Merlot bitte gekühlt trinken! Etwa 16 Grad! Noch besser 14! So klappt das auch zu Fleisch und Wurst. Wer will noch ein Bier?

Jewürzdraminer fuffzich Ha El 2012 gibt es für Zehneunzig hier

Die Scheu 2013 vom Becker gibts vielleicht noch bei Becker selber

Den grandios süfigen Veltliner Urknall 2014 schickt Herr Zöhrer selber in die Welt 

Und den Merlot 2013 von Knauß mag es im Weingut eventuell auch noch geben

Dieser Text erschien auch in der Welt am Sonntag

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Kommentare

  1. […] wie es der Zufall will: Ein Anlasswein in der Art, wie es Manfred Klimek heute Morgen schon auf seiner Seite geschrieben hat. Das mag mir jetzt den Ruf des Trittbrettfahrers einbringen, mein Text war aber […]