Big Bang aus dem Jammertal

VON MANFRED KLIMEK Ein Etikett des Grauens liefert den Beweis, dass Wein in Deutschland vor allem technisch betrachtet wird. Und nicht sinnlich..

Bevor es richtig Dresche gibt, gibt es richtig Lob. Aufrichtiges, ehrliches Lob, das Ansporn sein soll, das ein Sparbuch eröffnen soll, das eines Tages viel auszahlen soll. Alles richtig gemacht, das Entscheidende aber falsch. Was?

Die Bayrische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim (von nun an kurz nur LWG) hat eine Abschlussklasse, die zum Abschluss ihrer schulischen Lernens eine Abschlussarbeit vorlegt, eine Weinkreation namens Big Bang, die drei verschiedene Weine unter einem Dach vereint. 1.) Einen Silvaner, der im Halbstück ausgebaut wurde. 2.) Einen Rotling aus Merlot und Scheurebe. 3.) Eine Cuvée aus Frühburgunder und Spätburgunder mit Anteilen von Cabernet Sauvignon und Merlot. Vollendet in burgundischen Barriques.

Ich habe diese Weine nicht getrunken und kann über diese Weine keine Auskunft geben. Was mir aber sofort gefällt, ist der unorthodoxe Zugang, der sich offensichtlich gegen die neuen Orthodoxien wendet. Es ist gewagt und groß, die Provokation Rotling zu wagen – verpönter ist kaum eine Cuvée. Es ist wunderbar zu sehen, dass man das Holzfass wieder auf die Bühne hebt – entgegen dem derzeit önologisch Korrekten. Und die rote Cuvée zeigt auch erfrischend tabuloses Denken. Alles in allem ist das Mut. Gut!

Schmieröl statt Wein

Doch dann die Ausstattung. Die raubt jedes Interesse. Neue Flaschengrößen? Ja, ok, wenn man will. Vor allem die kleine 0,2l-Flasche hätte gewisse Marktchancen. Aber eben nur gewisse. Die Literflasche gibt es schon.

Die Etiketten aber sind eine völlig Katastrophe – ein Desaster. Selten gab es ein grauenhafteres Papier auf einer Weinflasche. Es ist so daneben, so weit von Schönheit und Sinnlichkeit entfernt, dass das Etikett paar wesentliche Fragen aufwirft. Die wesentlichste Frage: Wie kann es sein, dass eine Weinflasche aussieht wie eine Flasche Motoröl? Die Antwort: Weil es eine deutsche Weinflasche ist.

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Dieses völlig misslungene Etikett ist Beweis, dass Wein in Deutschland als technische Sache wahrgenommen wird. Und nicht als die geilste Möglichkeit, einen von einem großartigen Kulturgut entfachten Rausch abzuholen. Big Bang – das an Selbstlob nicht geringe, lobenswerte Projekt der LWG – lässt einen ratlos zurück. Denn man kann die Ausstattung nicht erklären.

Sieht aus wie ’ne Flasche Roundup

Ist keinem in der Gruppe aufgefallen, dass die Flaschen das Gegenteil der Inhalts vermitteln? Wird der Inhalt eventuell sogar als gut und gerecht transportiert gesehen? Brüche sind immer notwendig, verqueres Denken stets ratsam. Aber wieso stattet man einen Wein mit einem Etikett aus, das ihn herabwürdigt und als Motoröl, Pflanzenschutzmittel oder Energydrink dastehen lässt? Die Antwort wohl: Weil man es geil findet, dem Wein diesen Mantel umzuhängen. Das fiele in Italien, Frankreich oder Österreich keinem ein. In Deutschland schon. Weil die Beziehung zum Kulturgut Wein immer noch beschädigt ist; weil man glaubt, Schwellenangst beseitigen zu müssen. Auch deswegen ist deutscher Wein (off topic) auch viel zu billig. Weil man ihn als Kulturgut herabstuft.

Der Wein, den die Abschlussklasse abgefüllt hat, mag gut sein. Das Etikett jedoch raubt jede Freude, eine solche Flasche aufzuschrauben. Zusätzliches Versagen ist beim Lehrpersonal festzumachen, das wahrscheinlich ebenso eine rein technische Beziehung zum Wein pflegt.

Big Bang ist eine Petitesse – etwas, das einmalig bleibt und wohl keine Marke wird. Big Bang ist aber – egal ob groß oder klein – der definitive Beweis, dass Sinnlichkeit beim deutschen Wein die zweite Geige spielt. Obwohl hunderte Abfüllungen inzwischen den gegenteiligen Beweis liefern – selbst der Pornfelder von Lukas Krauß. Big Bang ist das Echo aus dem Jammertal. Eine solche Flasche mache ich nicht auf, um mich mit meinem Gegenüber gepflegt zu betrinken und danach die primären Geschlechtsmerkmale in erregtem Zustand zusammen zur Erleichterung zu führen. Rausch, Sinnlichkeit und Sex sehen anders aus.

Bitte, bitte ficken

Und Rausch, Sinnlichkeit und Sex sind die primären Botschaften von Wein. Dem deutschen Weinmathematiker – gerne in diversen, verstaubten Foren anzutreffen – ist die exakte Zusammensetzung der Cuvée freilich wichtiger. Big Bang ist die Verdichtung der deutschen Schraubverschlussdiskussion. Und Big Bang symbolisiert die deutschen Empörung, wenn ein französischer Spitzensommelier einen Korkfehler als Terroir umschreibt. Denn er erkennt im Wein das Ficken. Und kein önologisch-technisches Gewäsch. Der Deutsche erkennt im Wein hingegen die Möglichkeit, anzugeben oder mit dem Aufdröseln der Bestandteile zu glänzen.

Big Bang ist Symbol eines Irrtums. Und die Niederlage des Kulturguts Wein, das seine Botschaft nicht vermitteln kann. Big Bang ist auch meine Niederlage, denn meine Big-Band konnte gegen so etwas wie Big Bang nicht antrompeten. Ein irgendwie trauriger Tag. Wer hat den Kellerschlüssel? Ach du? Kann ich ihn bitte haben? Ich brauche jetzt eine Flasche. Oder zwei.

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