Schweißweine, Saufweine, Sparweine

VON FLORIAN SEVERIN Endlich auch mal Hitze. Unser Autor schwitzt und reguliert seinen Feuchtigkeitshaushalt mit drei frischen Sommerweinen. Ob das dem Onkel Doktor gefällt?

Wahnsinn, ist das heiß hier. Vor allem so plötzlich. Gegen ein wenig Sonne nach diesem „elenden Versuch eines Frühlings“ (Peter Handke) kann man eigentlich nichts haben. Allein, der Kreislauf hätte das gerne etwas gemächlicher erlebt. Sei’s drum, so sitze ich und schwitze. Und trinke Schweißwein. Schweißwein ist, anders als sein ähnlich lautender Cousin, absolut genießbar. Was er aber noch können muss: laufen, reinlaufen. Der Flüssigkeitsverlust bei 30 Grad im Schatten will kompensiert werden.

„Riesling! Leichtwein!! Kabinett!!!“ brüllt jetzt einig die Deutschweinfront. Und liegt damit nicht falsch. Doch heute trinken wir ganz andere Weine. Fifty Shades of Regionen einerseits: Regionen, die bei allen Unterschieden eines verbindet – eine Idee von kühl und frisch. Fifty Shades of Stile andererseits: Stile, die zeigen, dass nicht leicht sein muss, was leicht schmeckt – und dass in Sachen heiß und tauglich eben nichts gesetzt ist. Und schließlich: Fifty Shades of Farben: naja, drei Shades, immerhin. Ich schwöre, es ist das letzte mal, dass diese Shades-Metapher vorkommt. Das nächste Mal tanzt wieder einer mit dem Wolf.

Genug gequasselt! Hier kommen drei Weine, die die derzeitigen und kommenden Temperaturen erträglich machen; drei Weine, die erfrischen, beleben und niemals anstrengen. Drei Empfehlungen, die man (nicht nur) bei großer Hitze runterkippen kann. Und die – nebenbei bemerkt – allesamt nicht die Welt kosten. Schweißweine, Saufweine, Sparweine.

Nummer 1: NV Champagne Marguet Rosé Grand Cru Extra Brut

Vorhersehbar. Denn Champagner geht immer, schmeckt immer, läuft immer. Und dieser hier ganz besonders. Ich habe den Rosé Grand Cru Brut (12,5% vol.) von Marguet zum ersten Mal in der neuen Natural Winebar getrunken, die zum kleinen Imperium der Münchner Gastro-Legende Tantris gehört. Dort gibt es ihn, wenn ich das richtig verstanden habe, vor allem deshalb, weil Sommelier Justin Leone so drauf abfährt. Das mag anderen ein Grund zu wenig sein. Mir ist es Grund genug.

In der Nase zunächst Walderdbeeren und Heu, dann viel nasse Kreide, etwas Sellerie und Blumenerde. Die Breitseite kommt erst später, dafür aber umso eindringlicher mit gerösteter Brioche, Holunderblüte und Zitronenthymian.

Benoît Marguet arbeitet biodynamisch (immer noch eine Seltenheit in der Region) und scheut den großzügigen Einsatz von Barriques nicht. Das schmeckt man auch, schmeckt man deutlich, doch empfindet es nie als störend. Viel Holz ist in Ordnung, wenn es gut gemacht ist. Das können aber nur wenige.

Ein Champagner, der seine Grundweine in den Mittelpunkt rückt, wie es jetzt modern ist. Und deren Ausbau. Trotzdem kein fettes Baby. Die präsente Säure und die mittelkräftige Perlage verleihen ihm die nötige Eleganz, ohne an seiner Direktheit zweifeln zu lassen. Wer ihn nicht beim Tantris-Line-Out in der Brienner Straße in München trinken will (wozu an dieser Stelle schon wegen des herrlichen Schinkens geraten sei), bekommt ihn zum Beispiel für etwas über 40 Euro bei Vinaturel.

Nummer 2: 2014 Pecorino, Umani Ronchi

Klappe, Schluss und Schwenk. Raus aus der Spitzengastro und rein in den Supermarkt. Dort gibt es den 2014er Pecorino (12,5% vol.) von Umani Ronchi, kinderleicht zu erkennen am comicartigen Etikett mit dem Schaf vorne drauf. Der kindliche Kram endet aber zum Glück direkt im Glas, denn der Inhalt ist absolut respektabel. In der Nase etwas weiße Gummibärchen, Minze, Zitronengras und ein Bund Suppengrün. Pecorino ist übrigens nicht nur Käse, sondern auch eine autochthone Weißweinsorte aus der Basilikata, wurde dort aber lange Jahre wegen ihres wechselhaften Ertrags nur gering geschätzt. Schade, denn ihre prägnante Säurestruktur macht die Sorte vergnüglich, verträglich und vielseitig.

Am Gaumen ist die wunderbar erfrischende Säure sofort bemerkbar und verleiht dem ansonsten eher cremigen Eindruck die konternde Frische. Eine ordentlich druckvolle Mitte gibt genug Stütze, um den Wein auch zu einem leichten Essen funktionieren zu lassen. Insgesamt ist der Pecorino von Umani Ronchi kein Wahnsinnswein, kein Umwerfer. Er zieht da die Reißleine, wo teurere Weine des Hauses übernehmen sollen. Als Einstiegswein für einen Witz von Preis ist er aber mehr als nur in Ordnung. Zu beziehen unter anderem für knapp acht Euro bei Vineola.

Nummer 3: 2011 Galea Vernatsch, KG Nals-Margreid

Nochmal Italien. Und auch nicht. Südtirol. Und Vernatsch. Ein alter Bekannter, der mir zuverlässig die ersten Sommertage versüßt, ist der Galea (13% vol.) der Kellereigenossenschaft Nals-Margreid – ein Wein aus der so genannten Selektionslinie. Dort keltert die Genossenschaft auch ihren Gambero-Rosso-Drei-Gläser-Weißburgunder. Und den besten Chardonnay der Region. Aber dazu an ein andermal. Vom Galea liegen hier noch ein paar Flaschen aus 2011 herum, die langsam weg müssen. Nicht dringend, aber allmählich.

In der Nase gleich die typische Mischung aus Sauerkirsche, Veilchen, Mandeln und feuchter Blumenerde, dazu leicht herbe Kräuternoten und etwas Lorbeer – kein Kitsch, sehr geradlinig und durchdacht. Am Gaumen dann ebenfalls konsequent und vehement, gnadenlos auf Frische und Trinkfluss getrimmt. Hier stört kein Zuckerschwänzchen. 2011 ist natürlich schon längst weg, den aktuellen Jahrgang 2013 bekommt man aber für etwas unter zehn Euro zum Beispiel bei Genuss7. Ganz wichtig: Lieber zu kalt als zu warm trinken. Und gerade im Sommer ruhig auch mal ne Viertelstunde in den Eiskübel stellen. Sofern die Flasche dann nicht schon leer ist.

Anm.: Die Links in diesem Artikel sind Empfehlungen. Keiner dieser Links ist verkauft. Die wineparty bekommt kein Geld von Händlern, diese Weine an dieser Stelle zu empfehlen. 

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