Kein Lack ab

VON MANFRED KLIMEK Die Rieslinge von Schloss Johannisberg sind deutsche Weinlegende. Der Parteigründer durfte an einer außerordentlichen Verkostung teilhaben, von der er ein paar Tipps mitnehmen konnte. Der Text wurde jedoch unter Einwirkung von Medikamenten geschrieben. Der Autor ist sicher in seiner Gummizelle angekommen.

Ein Termin wie gemacht für ein Hochglanz-Zeitschrift. Und ein Hochglanz-Zeitschrift war auch Initiator, als ich gestern auf Schloss Johannisberg ein paar Rieslinge kosten durfte. Die Zeitschrift heißt Fine und gehört dem umtriebigen Verleger Ralf Frenzel, der sich bei mir gleich mit dem Abspielen eines Österreicher-Verarschungsvideos (auf JuTub, nix gugeln) beliebt machte. Das kenne ich ja schon aus den Ferienregionen meiner Alpenfestung, die meinen Landsleuten den liebevollen Kosenamen Schluchtenscheißer eingebracht hat. Der Deutsche hat eben Ahnung, wie man sich einen Österreicher zum Freund macht.

Halt! Stopp! Nein!! Dorthin soll die Geschichte gar nicht abdriften, denn Frenzel ist ein sehr aufmerksamer und umsichtiger, strategischer Verleger, ein Koch-Kellner-Lehrling, der sich nach oben gearbeitet hat. Auch das könnte verächtlich klingen, doch auch ich war vor meiner Fotografenlehre 18 Monate lang Kellnerlehrling. In Wien. Im Interconti. Eine Scheißzeit. Mit mir in der Berufsschule saß auch der Kellnerlehrling Thomas Gratzer, heute Direktor des Rabenhof (gugeln), einer nicht unbedeutenden Volksbühne in Wien, und immer wieder für größere Positionen im Kulturleben gehandelt. Wenn er halt irgendwie zu fassen wäre. Doch er ist ’ne unguided missile. Kenn ich von irgendwoher. Gut so.

Frenzel, Gratzer und ich sind drei der lebendigsten Beweise des möglichen Sozialschichten-Upgrades: drei ehemalige Kellnerlehrlinge, die heute Verleger, Theaterdirektor und AutorFotograf sind. Und jeder auf seinem Weg erfolgreich (wobei Erfolg nicht mit Geld aufzuwiegen ist). Und alle drei sind wir Ergebnisse eines inzwischen abgewrackten Experiments namens Sozialdemokratie. Da kann ich dem Verleger Frenzel für das Ösi-Brüll-Haha-Schluchtenscheißer-JuTub-Video nie und nimmer böse sein. Für das nicht. Aber schon für die grottenschlechten Titel und Vorspänne in Fine. Das hat diese schönste aller Weinzeitschriften nicht verdient. Wer Frenzel frei reden hört, muss sich fragen, warum er das nicht selber in die Hand nimmt – jeder Satz nahezu druckreif. MANN, GESCHICHTEN MIT DIESEN ÜBERSCHRIFTEN GEH’N GAR NICHT!

War das off-topic genug? Ich bin sicher, das war die off-topicste-Einleitung, die eine Geschichte je hatte. Außer die von Maxim Biller in der Tempo (gugeln) vor 27 Jahren. Die über Ernst Jünger. Da ging es eine ganze Seite lang nur über…

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Christian Witte, Domänenverwalter auf Schloss Johannisberg, hatte mich geladen, mit ihm und mit ihm Bekannten den Riesling Grünlack durchzuprobieren. Und zwar zurück bis 1945, damit man sieht, was deutscher Riesling ist: ein Weltklassewein! Das ist inzwischen zwar einigen klar. Aber längst nicht allen, denn sonst würde man in meiner Heimatstadt, dem nun zum Langeweilerparadies verkommenden Berlin, nicht dauernd in meiner Gegenwart „lecker Pinogritscho“ saufen. Blödes Pack! Kulturignoranten, vermaledeite! Die Masernimpfungsnadel soll euch beim..

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(Aus der hinteren linken Ecke winkend: „Wisst ihr, wie der neue Bürgermeister von Berlin heißt? Na? Ich auch nicht! In der Welt stand der passende Vergleich, er hab den Sex-Appeal eines Glas Mineralwassers.“)

Security bitte! Wir haben ein Problem in der hinteren linken Ecke. Könntet ihr das mal klären? Mit der zweiten Stimme im Kopf? Danke!

Schloss Johannisberg liegt oberhalb der Gemeinde Oestrich-Winkel im Rheingau. Und oberhalb von Schloss Johannisberg liegt das Luxushotel Burg Schwarzenstein. Beide Liegenschaften bilden eine Grand-Cru-Festung, von der man spöttisch auf jene Kellnerlehrlinge hinabsehen kann, die ihren Aufstieg noch vor sich haben.

Schloss Johannisberg ist grandios. Und hat eine grandiose Geschichte. Solche Weingüter gibt es sonst nur noch im Burgund, an der Loire und, wenn ich jetzt kurz nachdenke, nur mehr nirgendwo. Ein wunderbares Gebäude, das auf einem Weinberg thront, auf den Lagen hockt wie ein Steinadler auf seinem Horst (1. Preis im Wettbewerb der mit der Nazizeit spielenden Vergleiche / Frühjahr 2015).

Johannisberg hat eine lange Geschichte, die man gugeln kann. Eine bewegte Geschichte war es auch. Und für die Ösis hier: Ein Metternich machte mal den Grüßaugust. Nach Metternich nennt Oetker heute einen Sekt.

Oetker? Der Backpulver-Oetker?

Moment mal!

Ja?

Doktor Oetker, bitte! So viel Zeit muss sein!

Ach ja, sorry, also dieser bekannte Backpulver-Doktor-Oetker?

Ja, der. Dem gehört das Ensemble aus Reben und Stein. Und die unternehmerfeindlichen Gesellschaftspessimisten hier können sich gleich ins Stammbuch schreiben, dass der Backpulver-Oetker hier so gut wie alles richtig gemacht hat.

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Johannisberg ist nicht nur wegen des Hügels, des Schlosses, der Weingärten, der wunderbaren Gesamtheit das besonderste Weingut der Region; auf Johannisberg werden die Weine in ihrem Können und Rang seit Ewigkeiten schon einem sehr originellen Farbleitsystem unterworfen – und das lange bevor U-Bahnen ihre Linien einfärbten. Die verschiedenen Johannisberg-Rieslinge tragen als Erkennungsmerkmal alle eine Farbe, einen Lack. Die Farbe änderte sich vielleicht, der Lack jedoch nie. Johannisberg erinnert mich immer an die kleine Metallkiste mit Jolly-Buntstiften drin, die ich als Kind in die Schule und zurück scheppernd schleppte. Die große Metallkiste mit den richtig vielen Stiften drin konnte sich meine Oma nicht leisten (bisschen Sozialkitsch, zwischendurch). Ich mochte meine Buntstifte. Vor allem Zinnoberrot und Preußischblau. Und habe sie nie zerbissen. Deswegen mochte ich Johannisberg sofort. Auch wenn Vlad Dracul der Burgherr gewesen wäre. Und nicht der nette Doktor Oetker.

+) Gelblack ist der Gutswein, der Schlosswein von Johannisberg. Den gibt es trocken und feinherb.

+) Rotlack ist der Kabinettwein von Johannisberg. Bisschen mehr Pulver in der Büchse. Auch in trocken und feinherb.

+) Grünlack ist die Spätlese von Johannisberg. Mitunter trocken, mitunter vom Weingut „mild-vollfruchtig“ genannt. Jeder Ösi sagt süß dazu. Ist es aber nicht.

+) Silberlack ist der Lagenwein von Johannisberg, das Große Gewächs des VDP. Ich trank den stets nur trocken.

+) Rosalack ist der Auslesewein von Johannisberg. Und er ist – erraten – süß. Aber nicht supersüß.

+) Rosa-Goldlack ist die Beerenauslese von Johannisberg. Die ist dann supersüß und kostet in der Kleinflasche so viel wie ein Abendessen im Grill Royal – ohne Nachspeise, wir brauchen ja nichts Süßes mehr.

+) Eiswein ist – glaube ich – Blaulack. Gibt es eher selten.

Nehmen Sie nun bitte Ihren linken oder rechten Zeigefinger und zeigen Sie auf die Zeile mit Grünlack. Ich sage dann: „Sie befinden sich hier.“

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Willkommen bei der Grünlackverkostung auf Schloss Johannisberg im Rheingau. Ihre Hosts sind Christian Witte und Ralf Frenzel. Es gibt Grünlack aus den Jahren 2013, 2010, 2005, 2004, 2000, 1998, 1996, 1976, 1971, 1985, 1964, 1953, 1945. Interessiert Sie das wirklich? Also all die Jahreswertungen? Oder wollen Sie eh nur wissen, wie die Grünlacks schmecken, die man noch kaufen kann? So würde ich denken.

Der 1945er Grünlack beispielsweise war zwar der einzige völlig bernsteinfarben Wein in der Verkostung, doch die Farbe verriet nichts über seine Jugendlichkeit, seine nahezu perfekt präsente Säure. Hintennach fehlte es freilich schon an Kraft, und es kam jener erdige Ton im Mund zum Vorschein, der mich nie zum Fan ganz alter Rieslinge werden lässt. Überraschend klar jedoch der 1964er – wie Bergquellwasser mit einer leichten Fruchtsüße. Der 1976er aus dem Überdrüber-Superjahr der Siebziger war wie erwartet immer noch in allen Komponenten fast zur Gänze präsent. Aber auch ein bisschen fad. Der 1975er, so hörte man, war besser aufgestellt. Aber keine Flasche da, das zu verifizieren.

’85 roch nach Bahnschwelle und Tabak, ’83 ist durch, ’96 war erstaunlich reif, 2000 dann die erste große Überraschung. In der Nase Brioche (Botrytis), Zitrus, Pfirsich, Ananas, gezuckerter, grüner Salat. Im Mund rund, cremig, etwas ordinär. 1998 dann der ganz große Wein: einfach nur Vergnügen pur. Ich hätte sogleich ein paar Liter trinken können. Fast zwanzig Jahre alt und so frisch, als wäre er vor zwei Jahren auf die Flasche gezogen worden. Leistungsbeweis Rheingauriesling? Hier ist er!

Hochinteressant dann der 2010er. Den wird’s ja noch irgendwo geben. Das Jahr war bekannt für seine miesen, einfachen Weine (Ausnahmen soll es geben), die alle hoffentlich längst weggetrunken sind. Da fällt der Scheinwerfer endlich auf die fruchtsüßen Weine des Jahres, wie diesen hier, die 2010 ganz besonders genial gelungen sind, wenn der Kellermeister die hohe Säure mit dem hohen Zuckeranteil verbinden konnte und beide Extreme ins Gleichgewicht balancierte. Das ist bei diesem Grünlack der Fall – das Aufschaukeln der Extreme, sodass man das Extreme der Extreme nicht mehr schmeckt. Trotzdem ragt eine kleine Speerspitze aus dem Meer des zur Harmonie Aufgeschaukelten; etwas, das den Wein unrund, aber auch aufregend macht. Und das bugsiert einen guten Wein hinauf zum großen Wein. Der Grünlack 2010 ist ein großer Wein.

Der Grünlack 2013 hingegen zeigt, wie ein eigentlich sehr mittelmäßiges Weinjahr zum Guten drehen kann, wenn nur ein paar Tage ein richtig gutes Wetter haben. Und die gab es 2013. Deswegen hat dieser Grünlack einen erstaunlichen, auch mineralischen Druck. Und obwohl er nur 7% Alkohol intus hat – und damit gerade genauso viel wie mein rechter Zehennagel –, schmeckt er wie ein kräftiger, fruchtsüßer Riesling: kühl, frisch und intensiv.

In der Nase etwas Pfirsich, Marillen, eine leere Pillenschachtel, etwas Mandarine vielleicht, kandierte Ananas (die auch im Mund), unkandierte Ananas (die nicht im Mund), leicht Brioche (Botrytis?), auch gering Veilchen und Heublume. Im Mund – wie erwähnt – kompakt, noch nicht ganz in der Offenbarung, doch muskulös und mineralisch. Nase weiblich, Mund männlich. Da wollen wir sächlich bleiben.

Jetzt wäre ein Line-Out angesagt, Ergänzendes zu Kellnerlehrling, Berlin, Oetkerdoktor und Überschriften. Doch was machen wir?

Wir schalten um nach Mainz!

Den Riesling Johannisberg Grünlack 2013 gibt es für € 33,00 z.B. hier.

Den Riesling Johannisberg Grünlack 2010 gibt es für € 28,50 z.B. hier.

Den Riesling Johannisberger Grünlack 1976 gibt es für € 85,00 z.B. hier.

Die Weinparty verkauft keine Links und nimmt kein Geld für Weinbesprechungen!

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