Der Aussteiger

VON MANFRED KLIMEK Michael Mondavi leitete einen der größten Weinkonzerne der Welt. Genervt zog er die Reißleine und gründete sein eigenes Weingut. Tausendmal kleiner, tausendmal besser. Tausendmal mehr Freiheit!

Mondavi, das ist ein großer Name in der Welt der teuren und luxuriösen Weine. Mondavi, so heißt die berühmteste amerikanische Winzerdynastie. Mondavi, das ist der Sound Kaliforniens, der Klang der Westküste, die Melodie des easy livin‘. Die Mondavis sind die Kennedys der US-Weinwelt. Nur ohne Morde oder rätselhafte Todesfälle. Aber sie waren lange Jahre ein ähnliches Symbol der Hoffnung, waren Botschafter der Erwartung, dass kalifornische Weine auch Europa erobern. Daraus wurde nichts.

Michael Mondavi ist 72 Jahre alt und gerade in Frankfurt angekommen. Er spricht ein für den internationalen Geschäftsverkehr maßgeschneidertes, bassgeschwängertes Englisch und gibt im Restaurant den perfekten Tischherrn – immer höflich, nie direkt und freilich unnahbar. Das ändert sich, wenn man ihn auf Details seines Lebens anspricht, die nicht jeder wissen kann. Die Frankreich-Probleme seines Bruders Tim zum Beispiel. Jetzt wird Michael Mondavi neugierig und beendet den belanglosen Smalltalk. Doch auf Frankreich kommt er später zurück. Erst einmal redet er über seinen Vater, der Patriarch, der das Schloss für seine Prinzen baute. Robert Mondavi, „Bob“, wie er ihn zwischendurch auch nennt, machte den Familiennamen zur ersten im ganzen Land bekannten Premium-Weinmarke. Er gab das schlichte, zeitlose Etikett in Auftrag und die darauf abgebildete Zeichnung der Gutseinfahrt, das lange weiße Tor, das wie eine Brücke aussieht, und der hohe Glockenturm daneben – eine Architektur die bewusst an Latifundien in Lateinamerika erinnert.

„Kalifornischer Wein“, erzählt Mondavi bei der Vorspeise, zu der er Grünen Veltliner aus Österreich trinkt, „war früher in Europa so gut wie gar nicht bekannt. Mit früher meine ich so vor 30 oder 40 Jahren. Aber alle amerikanischen Weintrinker, die viel Geld für ihre Weine ausgaben, kannten die französischen Weine. Die standen über allem. Wir wussten aber, wir können es mindestens genauso gut oder besser.“ 1976 bekamen die Kalifornier ihre Chance, denn da rief der britische Weinhändler Steven Spurrier prominente französischen Spitzenwinzer auf, ihre Weine mit jenen der kalifornischen Kollegen zu messen. Die Leute aus dem Bordelais und aus Burgund hielten den Wettbewerb freilich für einen Scherz, fuhren mit ihren Flaschen siegesgewiss nach Paris und tappten in die größte Falle ihres Lebens. Denn sie selbst waren es, die in der Blindverkostung den kalifornischen Cabernets, Merlots, Pinots und Cuvées die besseren Wertungen gaben. So schaufelten sie das Grab für ihre geheiligten Kreszenzen.

Teile und herrsche

Nach diesem Sieg stieg das Selbstbewusstsein der kalifornischen Winzer über Nacht ins Unendliche. Und so auch die Preise ihrer besten Kreationen. „Aber mein Vater“, so erzählt Michael, „hat bald erkannt, dass dieser Trend nur eine gewisse Zeit anhält und dass er jetzt den Erfolg dazu nutzen müssen, neue Partnerschaften einzugehen, auch ungewöhnliche, die gar nicht möglich schienen. Denn auf einmal waren die Kalifornier ja gleichwertige Erzeuger und hatten Weine, die auch international für Anerkennung sorgten.“ So brach Robert Mondavi nach Europa auf, wo er zwei wichtige Geschäftspartner fand, zwei Familienclans, die wie sein eigener funktionierten.

Mit der Familie Philippe de Rothschild, Eigentümer des berühmten Château Mouton, kreierte Robert Mondavi 1979 den kalifornischen Prestigewein „Opus One“. Mit dabei war auch sein Sohn Tim, der bald zum Weinmacher des Hauses aufstieg. 1995 gründete Tim Mondavi mit der toskanischen Familie Frescobaldi ein Joint-Venture in der aufstrebenden Region Bolgheri und bekam so Zugriff auf die modernen Kultweine Ornellaia und Masseto. Diese Partnerschaft führte zu etlichen antiamerikanischen Artikeln in der italienischen Presse. Die Mondavis waren auf einmal Teil eines Kulturkampfs. Das hat ihre Einstellung zu Europa nachhaltig verändert.

Vor allem jene Tim Mondavis, der im Betrieb am Ruder stand; der zunehmend das Gesicht des Familienweinguts wurde, das zwischenzeitlich zu einem Weltweinkonzern mit Produktionsstätten in Chile und Australien angewachsen war. Das meiste Geld machte er mit gut trinkbaren, aber eher belanglosen Brot-und-Butter-Weinen. Einzig die immer noch hoch angesehenen Spitzenkreationen stellten das Prestige der Familie sicher.

Kein Gott in Frankreich

Anfang 2001 begann der Goliath Mondavi zu taumeln. Der greise Robert gab Tim freie Hand, ein weiteres, großes Spitzenweingut in Südfrankreich aufzubauen. Erstmals sollte es keine oder nur eine geringe Kooperation mit französischen Winzerfamilien geben. Es war eine Landnahme, und die Bevölkerung vor Ort fasste das Engagement auch so auf. Sie leistete Widerstand. Arbeitsplätze wurden versprochen, Steuereinnahmen garantiert, infrastrukturelle Sonderleistungen in Aussicht gestellt und sogar Spenden eingeplant. Doch das alles nützte nichts, die sturen Gallier verwiesen Mondavi und seine Leute ihrer Scholle – eine teure, schmachvolle Niederlage und das Ende des Expansionskurses der Mondavis. „Es war schrecklich“, sagt Michael Mondavi, „da alle Argumente keine Früchte trugen. Wir haben gute Überzeugungsarbeit geleistet, und es war schon viel Geld ausgegeben worden, doch letztlich scheiterte es an ein paar Bürgermeistern, obwohl die Vertreter des des Departements sich nicht mehr gegen uns stellten.“. In der angeschlagenen Firma begann nun die zweite Karriere Michael Mondavis, der all die Jahre im Hintergrund arbeitete, ein kunstsinniger Intellektueller, mehr Weltbürger als Tim, mehr und mehr befremdet vom Abdriften des Familienweinguts in unübersichtliche Konzernstrukturen. „Teilweise musste ich annehmen, die Übersicht verloren zu haben“, erinnert sich Mondavi.

1993 wurden alle Betriebe der Mondavis in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 2003 verfügte ein neues Aktienrecht die Einplanung kurzfristiger Gewinne, die den Investoren zeitnahe Ausschüttungen garantieren sollten. Weinbau ist aber ein langfristiges Geschäft, nicht gemacht für schnelles Geld. „Ich war nicht im Weingut, nicht im Keller und nicht in den Weingärten“ rekapituliert Mondavi, „sondern saß mit Investorenvertretern zusammen, die alle nicht mal einen Funken Interesse an der Arbeit in einem Weingut hatten und nicht verstanden, dass ein Jahrgang auch mal schlecht sein kann, wenn das Wetter nicht mitspielt.“ Als dann einer der Investoren darauf bestand, dass Mondavi seine Weine nach einer schlechten Ernte qualitativ herunterstufen solle, damit die Anzahl der gefüllten Flaschen nicht sinke, da war ihm klar, dass der Name Mondavi, und das wofür er steht, mehr und mehr unter Kontrolle fremder Kräfte geriet. Noch einmal kamen alle Familienmitglieder zusammen, auch Robert Mondavi, der inzwischen 91 Jahre alt war, und beschlossen, das Weingut mit allen Beteiligungen an den Getränkekonzern Constellation zu verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt prangte ihr Name auf über 66 Millionen jährlich weltweit verkauften Flaschen, die 780 Millionen Dollar Umsatz erzielten. Es war ein Abflug vom Gipfel des in dieser Branche Möglichen.

Keine goldenen Handschellen

Michael Mondavi verließ das Unternehmen schon sieben Monate vor dem endgültigen Verkauf. „Ich wollte mir keine goldenen Handschellen anlegen lassen“, erklärt er. Die Entscheidung hat ihm zwar einiges Geld gekostet, doch für den Neustart war immer noch genug Bares am Konto. Dazu kam noch etwas weiteres Wertvolles: eine andere Moral, eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, den Weinbau, wie er ihn kennengelernt hatte. Nun war er mit dem Weinmachen dran. Mit seinem Weinmachen. Und er sollte damit der angesehenste Mondavi werden.

Land gekauft hatte er schon 1999. Aus einer Gelegenheit und einer Ahnung heraus. Kein Alleingang, sondern gemeinsam mit seiner Frau Isabel, dem Sohn Robert und der Tochter Dina. Die Weingärten liegen in der Region Atlas Peak, ein vom Massenweintourismus freigebliebener Teil des Napa Valley. Hier findet man mehr hohe Lagen und weniger Weinbau – ein Reben-Rückzugsgebiet in kommenden Tagen zunehmender Erderwärmung.

Michael Mondavis Weingärten stehen alleine im Wald. Er zeigt ein Foto. „So etwas ist selten in Napa“, sagt er, „das wollte vor zwanzig Jahren keiner kaufen.“ Doch Mondavi wusste, dass die Welt nicht auf weitere fette Marmeladenweine warten würde und er mit dem Kauf jene Lagen und Böden in seinen Besitz brachte, die andersartige, schlanke und elegante Weine garantieren.

Family Business

Michael Mondavi begann das kleine Imperium, das seinen großen Namen trägt, auf einer Weinimportfirma aufzubauen, die einer einzigen Regel folgt: Arbeite nur mit Familienweingütern! Und so holt Mondavi seit bald zehn Jahren die Weine der Familien Frescobaldi, Giacosa und Donnafugata in die Staaten. Und auch jene des Prinz von Hessen – allesamt große Betriebe, deren Strukturen Mondavi gut kennt. „Das sind Leute wie wir. Ich kenne ihre Probleme, und sie kennen meine“, erklärt Mondavi.

Nachdem seine Firma Fahrt aufgenommen hatte, nahm Michael Mondavi seine beiden Kinder mit in die Verantwortung. Sie bekommen wenig Gehalt, halten dafür aber große Anteile am Unternehmen, die sie wieder über eigene Firmen verwalten. Jeder erhält seinen eigenen Bereich, in dem er unabhängig werken kann. Jeder ist auch für den Stil und den Geschmack der Weine verantwortlich und kann sich nicht alleine auf das Geschäftliche zurückziehen. „Ich denke, diese Struktur verhindert Streitigkeiten“, erläutert Mondavi. Von Streitigkeiten mit seinem Bruder könnte er mehr erzählen, tut es aber nicht. Nur soviel: „Wir verstehen uns heute besser denn je, und ich denke, dass er mit seinem Leben sehr zufrieden ist. Er macht ja gemeinsam mit meiner Schwester auch wieder Wein.“

Michael Mondavi hat seine Produktion in drei Marken aufgeteilt. Die Basis stellen acht Weine namens „Emblem“. Da gibt es ordentlich Vielfalt: Chardonnay, Fumé Blanc, Petit Verdot, Petite Syrah, zwei verschiedene Cabernet Sauvignons und ein Süßwein. Das klingt wieder nach Masse, doch Mondavi winkt gleich ab: Von den Emblem-Cabernets werden lediglich 60.000 Faschen abgefüllt – für kalifornische Verhältnisse ein Witz. Schon grotesk geringe 14.000 Flaschen keltert Mondavi jährlich von seinem Lagenwein „Animo“, einem reinsortigen Cabernet Sauvignon. Die Reben stehen auf kargen, eisenhaltigen Vulkanböden, und die Trauben können aufgrund der Höhenlage länger reifen als jene in den tiefer liegenden Weingärten, wo das Lesegut der meisten Napa-Valley-Weine herkommt.

Das Flaggschiff der Familie ist ein Wein namens „M“. Diesen Cabernet kriegt nicht jeder, denn Michael Mondavi schickt jährlich nur zwischen 4.000 und 4.600 Flaschen hinaus in die Welt – kein anderer kalifornischer Spitzenwein wird in geringerer Zahl erzeugt. „Ich könnte von diesem Wein sicher viel mehr verkaufen, aber ich mag es, wenn ich um die fertigen Holzkisten vor der Auslieferung schnell mal herumlaufen kann.“

Jetzt muss Michael Mondavi aber zum Flughafen. Heute geht es noch nach Italien und von dort zurück nach Atlas Peak. „Wenn Sie von mir hören wollen, dass mein früheres Leben schlecht war“, sagt Mondavi, „dann muss ich Sie leider enttäuschen. Ich führe jetzt aber ein besseres Leben.“ Wie geht das zusammen? „Die Interpretation überlasse ich Ihnen“, sagt Mondavi, trinkt sein Glas leer und verlangt nach der Rechnung.

Dieser Text erschien in veränderter Form auch in der Welt am Sonntag.

Die Weine von Michael Mondavi gibt es z.B. hier oder hier.

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