Kipp Kopp! Hurra!

VON FLORIAN SEVERIN Unser Autor schreibt nachts und betrinkt sich dabei mit einem roten Pinot aus Baden. So kommt es zu diesem Nebenprodukt der Textraumforschung, das uns mit der Gewissheit hinterlässt, dass großer deutscher Rotwein vor allem aus Spätburgunder gekeltert wird. Egal, was andere sagen.

Achtung, Achtung, Prokrastination (das ist diese Drüse untenrum beim Penis). Dieser Artikel entsteht in diesem Augenblick fast ausschließlich deswegen, weil ich in diesem Augenblick nebenbei augenblicklich auch noch etwas anderes fertig tippe. Das Andere ist ein deutlich längerer Text, besser bezahlt (nicht schwer), luizid (gugeln) und gefährlich nah an der Deadline (The Deadline of the walking Dead – George Romero & Julia). Aber wie sagte schon Susan Sontag (gugeln, R.i.P). Nein! Sie sollen nicht RiP gugeln, sondern Susan Sonntag! Sie sind wohl derjenige, der nicht „hier“ geschrieen hat, als Gott den Verstand verteilte, was? Also nochmal Zitat-Sonntag: „Ich mag Deadlines. Ich mag das Gefühl, das sie machen, wenn sie an einem vorbeirauschen.“ Lines & Rausch? Hmm. War da nicht was? Ach ja. Aber nicht das, was sie denken, sondern das hier:

Was? Sie können es nicht sehen? Steht doch hier am Tisch. Neben der Lampe! Was ist? Kein Smartphone mit Kamera? Das ist natürlich Mist. Also muss ich es ihnen erzählen. Da steht ein Rotwein, den ich vor dem Öffnen und Einschenken eher als Weinchen eingeordnet hatte. Eigentlich sollte der neben der Schreibarbeit herlaufen – hersaufen, sozusagen. Und dann grätscht mir dieser Wein aber sowas von die Konzentration weg – die Konzentration auf das Andere, besser Bezahlte. So fährt die Deadline jetzt eben auf ein totes Gleis und ich trinke diesen Wein. Alleine. Leer. Es ist ein Spätburgunder, nach der hier neuerdings gepflegten Meinung folglich kein deutscher Tignanello. Doch als Spätburgunder so dermaßen gut, dass einem Hören und Sehen vergeht. Ein Blockbuster aus Baden.

Alles neu, alles Fraktur

Das Weingut, um das es heute geht, heißt Kopp. Nicht Geheimrat Oberforstmeister Sigesmar von Kopp Erben – wie so viele andere Weingüter in ’schland – , sondern einfach nur Kopp (der Guido, der was immer alte Filme zeigt, heißt Knopp). Der kopp’sche Winzerhof bekam vor Kurzem den klassischen, heute mit Ausnahme weniger Leuchtturm-Betriebe nahezu unvermeidlichen Relaunch übergestülpt. Logo, Etikett, Website, Kommunikationsstrategie: Alles neu, alles schick. Wäre da nicht diese komische Pseudo-Frakturschrift. Obwohl die rein gar nichts (rgn) mit der schlechten, alten Zeit zu tun hat, stößt sie einem irgendwie sauer auf.

Der kopp’sche Familienbetrieb hat seine Rebanlagen in der badischen Grenzgegend Ortenau, der ersten, großen Profiteurscholle (Nein, ich habe nicht Profiteroles gesagt) des Klimawandels. Hier steht die Wiege des sog. Rotweinwunders, das es so nicht gibt, das aber ein bestimmter Journalist (hüstel) seit Monaten zwanghaft herbeischreiben will. Doch wo er recht hat, hat er recht: Große deutsche Rotweine findet man immer zahlreicher. Und das ist natürlich Folge der unaufhaltsamen Erdewärmung. Die Ortenau war aber bereits vor dem ungezügelten CO2-Ausstoß chinesischer IPhone-Fabriken eine sehr warme Gegend. Im sehr kalten Deutschland. Doch nehmen wir mal einen Schluck vo diesem kopp’schen Spätburgunder vom Roter Prophyr (gugeln) aus 2012. Ich muss ja bald mal an dem anderen Text weiterschreiben.

Kann das alles gewisen sein (Biermann)?

Ins Glas fließt ein noch deutlich violettstichiger, kräftig roter Saft mit typischem Pinot-Wasserrand. Man erwartet hier unmittelbar den eher feist-delikaten und rustikalen deutschen Pinot-Typ. Der wird in der Nase auch sofort bestätigt, denn noch ehe man seinen Rüssel bewusst ins Glas hängt, drängt sich der krasse Geruch eines von Walderdbeeren überwucherten Komposthaufens auf, der die Umgebung des Glasrands sättigt. Beim zweiten Riechen notiere ich in meinen inneren Moleskine: In Salz eingelegte Veilchenblüten, geröstete Gerste, Felsenbirnenbeeren (gugeln), Nelken, frischer Mohnkuchen mit Butterstreuseln und auch gering Tabak (Rauchen ist ja ungesund).

Johannes Kopp (das ist der Typ auf dem AndreasDurstDerGrössteFotografUndGleichzeitigBesteWinzerAllerZeiten-Foto) übernahm das Weingut genau in dem Jahr, aus dem dieser Spätburgunder stammt. 2012 – was im Weinbau quasi gestern bedeutet.

Dass Johannes Kopp kein junger Heißsporn ist, der außer einer schicken Website und dem Rundum-Verwöhnprogramm der (hüstel) Medienagenten nix zu bieten hat, zeigt ein Blick in seine Vita. Er war bei Bürklin-Wolf in der Pfalz und bei Bleasdale in Australien (beides gugeln, ich werde nicht für Linksetzen bezahlt). Kopp redet nicht rum, Kopp kann und machts. Er hat’s gerlernt. Das ist Teil seines individuellen Rotweinwunders.

Was vom Weine übrig blieb (James Ivory)

Im Mund ist der 2012er dann weniger stoffig und brachial, als man nach der Riechorgan-Attacke vermuten würde. Fein-seidig und rotfruchtig-süffig (Hofschuster in der Nähe? Was? Ja, das ist ein Insider! Völlig richtig!) legt sich der Saft um die Zunge und versteckt die 13,5 % Alkohol vorbildlich hinter der Frucht. Körper, Frucht, Säure und Phenolik halten sich die hier dringlich notwendige Balance; die Kreation schmeckt folglich nie Paul Sahnig (R.i.P.) oder marmeladig (Marmeladinger = Piefke, Konfitüringer = Schulchtenscheißer), sondern immer und mit jedem Schluck elegant und ausgefeilt. Ahnung und Vision. Und das in jungen Jahren, wo die einzigen Visionen meist jene sind, die man von Sachen bekommt, die einem die Polizei verbietet.

Dieser Spätburgunder von Kopp hat Vision vom großen Wein, die sich erstaunlicherweise bereits in der erweiterten Basis ausdrückt. Mit Holz, Reife und Extrakt wie bei einem traditionellen, in der Moderne verhafteten burgundischen Weingut.

Was bleibt also, wenn der letzte Tropfen davon getrunken ist – abgesehen von einigermaßen exaltierter Stimmung und ein paar Gläsern, die man spülen und polieren muss? Es bleibt die Erkenntnis, dass es den großen deutschen Spätburgunder geben kann. Hoppla? Geben kann? Nicht gibt? Nein! Denn wer diesen großen Wein hier bewusst als Produkt der Mittelklasse füllt, der hat mit Sicherheit Größeres vor. Und dem Größeren sollte man den gebührenden Platz an der Spitze lassen. Deshalb: Geben kann. Und bis es soweit ist, bleibt uns noch immer der Rückgriff auf das, was heute schon gut und da ist. Da sieht man auch über die inzwischen strapazierte Pseudo-Fraktur auf dem Etikett hinweg.

Den 2012 Spätburgunder Roter Porphyr kann direkt vom Gut bezogen werden. Dort bekommt man ihn für um die 15 Euro pro Flasche. Wie immer sind die Empfehlungen und Links der Weinpartei nicht verkauft oder in irgendeinem Sinne käuflich. Alle Weine sind unvergütete, persönliche Empfehlungen der Autoren.

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