„Wir haben den ersten Naturwein gekeltert“

INTERVIEW Der burgenländische Winzer Franz Reinhard Weninger über die Rolle seiner Familie als Pioniere des Bioweinbaus, die vielen Wahrheiten im Weinbau, die jeder für sich selber finden muss und die Überraschung, dass ein großer Rotwein auch mal einen anderen Weg nimmt, als man wollte.

Als Einstieg eine provokante Frage: Kann man die Familie Weninger als Pioniere des biologischen Weinbaus bezeichnen?

Hm. Ich sage es jetzt mal auch etwas provokant: In diesen Qualitätssegment, quasi unter den Top-Winzern, zählen wir sicher zu den Pionieren. Das mag sich vielleicht arrogant anhören, ist aber schlicht eine Feststellung. Es gab zwar früher auch schon biologische Winzer. Deren Focus war aber vor allem auf die Biologie gerichtet und nicht auf den bestmöglichen Wein. Unser Weg zum biologischen Weinbau kam freilich auch aus einem gewissen Egoismus. Es gab in Österreich lange Zeit keine Rotweinausbildung. Die Weinbauschulen haben eine klassische Sicht auf Weißwein gelehrt, die sie auch dem Rotwein übergestülpt haben. Die, die es anders haben wollten, haben französische Önologen ins Burgenland geholt und die haben überall die gleichen, gleich guten, Rotweine gemacht. Aus diesem System sind wir schon früh ausgestiegen und haben einmal gar nichts gemacht, also den ersten „Natural-Wine“ überhaupt gekeltert.

Und was war das Resultat?

Essig!

Echt?

Ja. Aber eben – und jetzt kommt’s – nicht überall. Bei einigen Lagen, vor allem bei den alten, also Hochäcker, Dürrau oder Kalkofen, ist ein ganz eigener, neuer Wein rausgekommen. Das war unsere erste Erfahrung mit dem Bioweinbau.

Und heute funktioniert das überall?

Ja. Mein Vater und ich haben danach begonnen alle Weingärten rein biologisch zu bearbeiten, also Biodiversität, krümelige Bodenstruktur, optimale Nährstoffabnahme und ausgeglichenes Wachstum zu implantieren.

Und die Erträge?

Sind natürlich kleiner geworden. Das gleicht sich aber aus. Ich bin ein Verfechter, dass sich natürlich niedriger Ertrag, also weniger Trauben ohne Wegschneiden, das beste Resultat bringt. Die Pflanze selbst muss lernen, wie viel Wachstum ihr gut tut. Wenn du Trauben runterschneidest, muss die Pflanze ja trotzdem die Nährstoffe für das Runtergeschnittene aus dem Boden ziehen. Sie strengt sich also unnötig an.

Du erziehst also die Rebstöcke?

Ja. Es gibt die alte Regel, dass nur alte Reben richtig gehaltvolle Weine bringen. Die stimmt aber nicht. Mir ist es gelungen, dass auch 10 Jahre alte Rebstöcke die gleiche Qualität bringen.

Kann man sagen, dass Du deine eigene biologische Ideologie formuliert hast?

Ja. Und andere umgeschmissen. Etwa, dass tiefwurzelnde Reben besser sind, als flachwurzelnde. Das stimmt einfach nicht. Ich will ehrlich sein: Ich habe fast alles, was ich in der Weinbauschule gelernt habe, vergessen. Und nur beim eigenen Arbeiten gelernt. Muss aber dazu sagen, dass das halt nur für mich, meine Böden und meine Weine gilt. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen, seine eigene Wahrheit.

Bevor wir zu ideologisch und wissenschaftlich werden, trinken wir besser ein paar Gläser Wein.

Stimmt, darauf sollten wir nicht vergessen. Dann geb‘ ich dir mal den Franz.

Das ist quasi der Einstiegswein, oder?

Ja und nein. Natürlich soll es ein einfacher Trinkwein sein, der viele Leute anspricht. Aber die Trauben kommen alle aus unseren Weingärten, also nichts aus Zukauf, und ich mache den Wein bewusst etwas komplexer und vielschichtiger.

Ich rieche reife Kirsche und viel Cassis. Und dann auch die wunderbare Spontanvergärung. Sehr süffig! Ist das rein Blaufränkisch?

Nein. Da ist viel Merlot dabei. Und etwas Zweigelt.

Merlot?

Eine perfekte Traube. Und sie findet hier im Burgenland auch die idealen Bedingungen. Aber derzeit interessieren die Konsumenten mehr die österreichischen Trauben.

Höre ich da Kritik raus?

Ich kritisiere nur, dass die Trends zuletzt so schnell kommen. Und dann auch wieder schnell wieder gehen. Ich würde hier gerne etwas mehr Gelassenheit propagieren. Große französische Weine werden auch heute noch in hundertjährigen Betontanks vergoren. Die wurden bei uns alle rausgerissen, weil man modern sein wollte. Ob das richtig war wage ich zu bezweifeln.

So. Jetzt habe ich ein neues Glas vor mir stehen. Was ist da drin?

Blaufränkisch Hochäcker 2012. Schwerer Lehmboden mit hohem Tongehalt. Eine der ältesten Horitschoner Lagen. Ein schwerer Wein. Aber nicht opulent.

Stimmt. Vor allem in diesem Preissegment. Dafür ist der ja erstaunlich dicht und auch extrem lagerfähig.

Problemlos zehn Jahre und länger. Aber ich lass dich mal den Kirchholz Alte Reben 2012 kosten. Der ist fruchtiger, ich sage gerne „der singt mehr“. Er ist lebendig und hat durch die alten Reben mehr Charakter und auch vibrierende Tannine.

Ich finde den ganz wunderbar. Und er hat auch eine großartige Säure. Ich gehe also wie beim Hochäcker von einer langen Lagerfähigkeit aus.

Da hast du sicher recht. Aber wart‘ , jetzt kommt der Saybritz 2012!

Das ist die noch nicht biozertifizierte Lage in Eisenberg, also fast 80 Kilometer südlich von hier, oder?

Ja. Sie gehört einer Verwandten. Eine extrem steile Lage. Ich kann dort nicht einmal mit dem Traktor fahren. Der Boden ist aber völlig unterschiedlich, denn die Reben stehen auf grünem und grauem Schiefer, also auf gepresstem Lehm. Die Region hat dadurch eine sehr singuläre Ausprägung und die Weine kennt man schnell heraus. Der Blaufränkische kriegt hier einen eigenen Charakter, den man anderswo nicht findet. Genau diese speziell regionale Ausprägung macht den Unterschied.

Diese Flasche da hat kein Etikett. Was ist da drin?

Blaufränkisch Kalkofen 2012. Ich dachte, das wird ein richtig üppiger Wein. Reife Trauben, gute Werte. Und dann ist er immer feiner und delikater geworden. Was ich damit sagen will: Manchmal entwickeln sich die Weine völlig anders, als man glaubt. Das passiert schon mal, wenn man ohne Ausnahme biologisch arbeitet und keine verfremdenden Techniken benutzt. Das Wichtigste aber: Die Weine werden immer gut. Und darauf kommt es an!

Dieses Interview war ein Auftrag des Weinhändlers Wein&Co. Es gab keinerlei Vorgaben, der Auftraggeber respektiert die journalistische Freiheit dieser Serie.

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