Frau Hölle

VON MANFRED KLIMEK Mehltau, irgendwelche Arschlochkäfer – alles peanuts, denn Hagel wird zum größten Schädling des Weinbaus. Doch am Ende dieser Wettervorhersage gibt es trotzdem was zu trinken.

Ein steirischer Winzer steht in seinem Hang. Letztes Jahr. Ich habe die Szene noch gut in Erinnerung. Er betrachtet seine Reben, die sich viele Meter in den Graben hinab erstrecken. Es ist Mai. Alles kaputt. Es hat gehagelt. Von diesem Wein wird es dieses Jahr nicht einmal halb soviel Flaschen geben. „Wenn überhaupt“, sagt er. Es wurden dann genau 2256. Statt etwa 12.000. Aber immerhin blieb was hängen, das reifen konnte.

Ein resigniertes Gesicht, sein resigniertes Gesicht. Der Hagel ist zurückgekommen. Er war schon letztes Jahr da. Und das Jahr davor. Hagel ist in der Südsteiermark keine Seltenheit. Doch so oft wie in den letzten Jahren, so oft und so regelmäßig, geradezu verlässlich, so oft gab es Hagel hier noch nie.

„Wenn ich jetzt überall die blöden Netz aufspannen muss, dann scheiß ich auf den Weinbau“, sagt der Winzer in einer kurzen Wut. Diese schwarzen Schutztextilien findet er furchtbar. „So schaut doch keine Weingegend aus.“ Da hat er recht.

Ortswechsel, Länderwechsel. Ausnahmsweise eine Erfahrung Marke Eigenbau. Italien, Bolgheri. Dort, wo ich meinen Wein mache. In Bolgheri gibt es keinen Hagel. So sagte man mir, als ich nach Bolgheri kam. Das war 2002, als wir aus dem Morellino übersiedelten. 2003 bis 2008 gab es auch keinen Hagel. Doch von 2009 bis 2012 kam er jedes Jahr. 2013 zeigte er Gnade und schmolz noch in der Luft. Das konnte man an den irre großen Regentropfen erkennen.

Mein Hagel, Du Arsch!

Der Hagel, mein Hagel kam immer, als er die größten Schäden anrichtete, im Spätsommer, wenn die Trauben schon an den Stöcken hängen und es nicht mehr weit zur Ernte ist. Mein Hagel kam, und er zog eine Schneise durch den Merlot, die so aussah, als hätte man sie mit dem Lineal gezogen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Hagel, du Arschloch, damit kannst du mich tatsächlich beeindrucken?

Meine Verluste waren geradezu lächerlich gegen jene Verluste, die die Winzer der burgenländischen Weinbauregion Eisenberg gleichzeitig zu bilanzieren hatten. Dort kommt der Hagel seit fünf Jahren schon verlässlich wie ein von höheren Mächten gesandter Zerstörer über die kleine Gegend. Freilich zahlen die Versicherungen. Aber sie zahlen nur einen Teil (immerhin keinen Bruchteil). Die Trauben jedoch sind weg. Und mit ihnen die Lage, das Terroir, das Spezielle dieses Weins. Weg. In diesem Jahr.

Früher war das den Winzern ein stückweit egal, weil ihnen die Lagen egal waren und auch das Terroir. Trauben waren Trauben und Wein war Wein. Wenn die Trauben weg waren, dann besorgten sich die Kellereien eben andere Trauben von anderswo. Und die Winzer kriegten eine Entschädigung von der Raiffeisen. Manche Winzer beteten richtiggehend nach Hagel. Das Geld aus der Versicherung reichte zum Leben. Und man war die Arbeit los.

Das hat sich mit den vielen individuellen Weinen und den gleichfalls individuellen Winzern radikal geändert. Heute kann eine Hagelversicherung den entstandenen Schaden kaum ersetzen. Besser als nichts? Ja. Aber besser keinen Hagel.

Extreme werden extremer

Redet man mit Winzern und Weinbauern – selbst mit jenen im Süden Europas – , dann erzählen sie vom Hagel vermehrt wie von einer unerwartet großen Bedrohungen, die sich in den letzten Jahren in die Hirne gefressen hat – etwa im Bordelais, wo 2013 die größten Hagelschäden seit Menschengedenken zu verzeichnen waren. Das Wetter, so der Tenor, ändere sich nicht so dramatisch, wie immer erzählt wird. Aber die Wetterextreme nehmen zu. Und die Extreme werden extremer, die Hagelkörner zahlreicher und größer. Langsam schleicht sich die Gewissheit ein, dass dies keine vorübergehende Phase ist.

Für den Konsumenten hat der Hagel keine Folgen. Wein gibt es genug auf der Welt. Wenn mal eine Region fast komplett betroffen ist, dann schreibt man die einfach ein Jahr ab. Hagel löst bei den Konsumenten keine Empathie für die Winzer aus. Außer sie kennen einen betroffenen Winzer.

Das Eis von oben ist ein Signal des Klimawandels, der den Weinbau generell zu bedrohen beginnt. Jahrzehnte mit schlechten klimatischen Verhältnissen hat es immer gegeben – man erinnere sich nur an die teilweise schrecklichen Siebzigerjahre und die in Deutschland nicht viel besseren Achtzigerjahre. Die Prüfungen kommen heute aber wie ein Hooligan um die Ecke, und die Großwetterlage lässt keine Vorhersage zu, wann er um die Ecke biegt. „Es gibt keinen Wettergott mehr“, sagt der Steirer.

„Im Gesamten“, sagt mir ein Winzer aus Bolgheri, der hier die Kleinigkeit von 80 Hektar stehen hat. „muss man erkennen, dass man in dieser Region in zwanzig Jahren nicht mehr die gleichen Weine machen wird wie heute.“ Was wird anders sein? „Mehr Alkohol, weniger Säure, weniger Finesse, größere Jahrgangsunterschiede.“ Was kann man dagegen tun“ „Anderer Laubschnitt und noch so Kleinigkeiten. In Wahrheit aber nichts.“

Pray!

Der Hagel ist der sichtbarste und aggressivste Vertreter des Klimawandels. Noch sind nur wenige Weinbauern so resignativ, dass sie vom bevorstehenden Ende ihrer Arbeit sprechen. Doch einer, den ich kenne, sagt offen: „Zwei weitere solche Jahre und ich werfe das Handtuch.“ Und dann? „Dann kauf‘ ich mir einfach die Trauben und hab‘ das Risiko nicht mehr. Dann pfeif‘ ich auf die Region.“

In den Weinregionen wächst die Gewissheit, dass die kommenden Jahre noch mehr Unsicherheit bringen. Wie läuft 2015? „Bisher gut,“ sagt der Steirer, „doch das habe ich in den letzten Jahren auch immer gesagt. Jetzt halt‘ ich lieber meinen Mund, bis die Trauben in der Presse sind.“ Life’s a bitch.

Epilog

Der Winzer Raymond de Villeneuve besitzt das Château Roquefort in der Provence. Sowohl sein Name als auch der Name des Châteaus klingen wie eine Erfindung belgischer Comiczeichner („Tintin und das Geheimnis von Château Roquefort“).

Im Jahr 2012 zerstörte ein Jahrhunderthagel die Anlage Villeneuves. Die Hagelkörner waren so groß wie Golfbälle, Leute verkrochen sich unter den Autos, um nicht verletzt zu werden, erzählt er. Sieben Minuten Hagel ließen 15kg Trauben über. Der Ruin.

Doch so weit kam es nicht – die Geschichte ist inzwischen bekannt – 35 Winzerkollegen brachten Trauben vorbei, sodass Villeneuve immerhin einen Rosé keltern konnte, den „Grêle“ – das heißt Hagel.

Im Grêle ist alles Mögliche drin. Syrah, Mouvèdre, Grenache, sonstwas – so genau hat er sich das nicht gemerkt. Herausgekommen ist ein prächtiger Rose mit Delikatesse, Aroma, Salz und Frische. In der Nase Kirsche, Walnuss, auch Mandel, Grapefruitsaft, Dijonsenf, etwas Graubrot, ganz gering Mango und auch Kakao. Im Mund kann er diese Vielfalt nicht erneuern, Kirsche, Zitrus und Nuss siegen. Auch eine Spur Kohlrabi. Ein paar Flaschen von diesem Solidaritätswein gibt es noch in einem Bistrot namens Kleinhuis, das auch ein Weinhandel ist. Vielleicht treten die was ab. 

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