Das Schwert des Damokles

MEINUNG Flucht unmöglich. Die Glyphosat-Debatte holt den Weinbau ein. Und sie wird nicht so einfach wieder verschwinden. Daher ein Appell.

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel, im Sunday-Times-Magazin, in der El País und in vielen anderen Zeitungen und Magazinen, in Fernsehbeiträgen, in Radiojournalen – überall ist Glyphosat, ein absurderweise sogenanntes „Pflanzenschutzmittel“, das Thema dieser Tage. Auch hier bei uns in der wineparty. Das hat einen guten Grund: Neue Untersuchungen, allesamt von seriösen Instituten, bestätigen jenen Verdacht, den Umweltmediziner schon lange haben – das Zeug ist krebserregend. Noch dazu ordentlich.

Glyphosat ist ein zugelassenes Produkt. Das Umweltbundesamt findet nicht, dass es die Gesundheit gefährdet. Winzer, die Glyphosat verwenden, tun nichts gesetzlich Verbotenes. Man kann sie freilich fragen, wie sie über die braungrauen Böden denken, die das Mittel hinterlässt? Make-Up?

Glyphosat ist als Marke Roundup so gut wie in jedem Baumarkt oder Gartenmarkt erhältlich. Das macht den Eindruck, dass es sich hier um ein umweltverträgliches Produkt handelt. Doch nun steht sogar ein Glyphosat-Verbot in Betracht, und man kann sicher sein, dass die Chemie-Lobby gerade in diesem Augenblick alles Mögliche unternimmt, die gröbsten Einschränkungen zu verhindern. Es ist ein Milliardengeschäft.

Ohne Chemie in der Landwirtschaft würden mancherorts schlechtere, die Zivilisation destabilisierende Umstände herrschen. Und man muss klipp und klar sagen, dass ohne Chemie auch in Teilen Europas manche Lebensmittel in manchen Jahren immer noch knapp wären. 2015. Jetzt.

Was Weltverbesserer wissen müssen

Während sich der chemische Pflanzenschutz in entwickelten Regionen zunehmend einschränken und ersetzen lässt – schon alleine, weil es dort Institute gibt, die nach Alternativen forschen –, ist er in Schwellenstaaten und der Dritten Welt immer noch nicht wegzudenken. Beispielsweise in China, wo die Eiserne Reisschüssel jenes Versprechen bleibt, das die kommunistische Partei seit dem verheerenden Chaos ihres Großen Sprungs (gugeln) an der Macht hält. Das wird sich so schnell nicht ändern. Das müssen die Weltverbesserer wissen. Und auch wir.

Doch wir stellen ohnehin eine ganz andere Frage. Die lautet: Ist Glyphosat im Weinbau notwendig? Wir reden nicht über Fungizide. Wir fragen, ob man den Boden vergiften muss. Und da gibt es nur eine Antwort. Wir kennen sie.

Deswegen ist die Glyphosat-Debatte, die jetzt aufkommt, nicht so einfach wegzuwischen wie alle Debatten davor. Und sie betrifft zudem einige Winzer, die wir sehr schätzen, deren Weine wir gerne und mit Vergnügen trinken (und weiter trinken werden). Das Foto oben zeigt die Weingärten eines sehr bekannten Wachauer Winzers. Keiner der ersten Reihe – dort sieht es tatsächlich anders aus – aber auch keiner der zweiten Reihe mehr. Für ihn und einige andere Weinbauern kann diese Debatte bedrohlich werden. Schon alleine, weil ihre Weine nicht gerade günstig sind und folglich auch ein Versprechen beinhalten, das durch den massiven Einsatz von Glyphosat gebrochen wird – das Versprechen, eine anständige Landwirtschaft zu führen.

Liste der „Sünder“

Der wineparty wurde gestern eine umfangreiche Liste deutscher Topwinzer zugespielt, die Glyphosat verwenden. Teilweise mit Dokumenten, die das beweisen. Hier noch einmal: Glyphosat ist gesetzlich erlaubt! Wir werden diese Liste überprüfen, sie aber nicht veröffentlichen. Nicht weil wir jemanden schützen wollen – es wäre nachgerade die Pflicht eines Mediums, hier Recherche und Aufklärung zu leisten -, sondern weil wir der Ansicht sind, dass dies in diesem Moment einen Schaden anrichten würde, der nichts zum Besseren kehrt. Es widerspricht zwar den Gepflogenheiten des Nachrichtenjournalismus (denn hier liegt die Informationspflicht des Berufstandes vor). Aber scheiß drauf. Ausnahmsweise sind wir ein paar Momente lang Partei. Partei auf Seiten der Vernunft.

Wie das? Die wineparty hat nach dem ersten Glyphosat-Artikel viele Reaktionen von Winzern bekommen, die sich über die Berichterstattung beschwerten. Jene, die das in den threads getan haben, waren sehr mutig. Das möchten wir festhalten.

Alle diese Winzer sind der Meinung, mit Glyphosat gemäßigt umzugehen und das Mittel sehr bewusst und gezielt einzusetzen. Und das darf man ihnen glauben. Auch wenn es klingt wie ein Drogensüchtiger, der vorgibt, er habe seine Sucht unter Kontrolle. Hat er zwar, doch das Resultat ist am Ende verheerend.

Es braucht kein Glyphosat!

Unsere Antwort ist der einzige Einwand. Und der ist entscheidend: Es braucht kein Glyphosat. Mit mehr Aufwand, vor allem mit mehr Zeit im Weingarten, ist Glyphosat unnötig. Schlicht unnötig! Und das muss man so sagen. Das gilt nicht für andere Mittel, die den Rebstock betreffen. Auch die kann man Stück für Stück aus den Notwendigkeiten verbannen. Und es ist immer gut, wenn man irgendwo ein Zeug gegen Mehltau und andere Erkrankungen liegen hat. Bevor man zuschaut, wie alles kaputtgeht. Glyphosat hingegen kann man sofort weglassen. Man braucht nur mehr Hände, die zupacken.

Doch wer soll diese Hände zahlen? Das war die wesentlichste Frage, die uns nach dem ersten Glyphosat-Artikel gestellt wurde. „Habt ihr denn eine Ahnung?“ Ja, haben wir. Und wissen keine Antwort.

Denn es ist richtig, wie ein Pfälzer Winzer schreibt, dass er schon umstellen könnte, da habe er keine Zweifel an seinem Können. Doch die Flasche müsse dann eben zwei Euro mehr kosten. Und er sieht im Bio-Supermarkt französische und italienische Bioweine für sechs Euro. Seiner hingegen müsste mindestens zehn Euro kosten. Da könne er nicht mithalten. Stimmt, kann er nicht.

Womit wir wieder beim Konsumenten wären. Und seiner Macht. Wir alle wissen, dass es keine regionale und auch – Vorsicht Unwort – nationale Solidarität gibt, wenn der deutsche Konsument den Preis vergleicht. Und hat denn der französische oder italienische Biowinzer keine Kaufentscheidungs-Solidarität verdient? Eben!

Sackgasse und Fazit

Ja, eine Sackgasse. Schwer wieder rauszukommen. Aber eben Grund genug, nicht auf jene Winzer einzudreschen, die Glyphosat verwenden – Ausnahme nur jene Produzenten, die – wie im obigen Bild – derart viel Roundup einsetzen, dass man nur von Krieg sprechen kann. Hier wird es eine Frage der Moral. „Kommen Sie mir nicht mit Moral!“ Doch, ich komme!

Fazit: Was bleibt, ist ein Appell. Wer Glyphosat verwendet, sollte sich schnell davon verabschieden. Das gilt auch für Winzer in Steillagen. Der jetzt aufgekommene Themenschwerpunkt ist keine Sau, die gerade eben mal durchs Dorf getrieben wird. Er ist das Schwert des Damokles, das tiefer und tiefer schwingt. Bis es ritzt.

Dieses Thema bleibt. Und es wird sehr schnell bei den Winzern landen. Denn sie sind jene, die für eine besondere Art der Landwirtschaft stehen. Zu ihnen hat der Konsument ein von falscher Romantik gepflegtes Vertrauen. Keine Alarmstufe Rot. Aber Gelb. Think for a minute. Oder zwei.

(In einer früheren Version des Artikels stand zu lesen, dass Herbizide an der Mosel mit einer Ausnahmegenehmigung auch mit dem Flugzeug ausgebracht werden dürfen. Diese Information ließ sich nicht erhärten. Der Absatz wurde gelöscht.)

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