Lass der Zeit Zeit

VON MANFRED KLIMEK Nimm mir die Region, nimm mir das Land und lass mich in Ruhe altern. So werde ich ein großer Wein. Zwei Beispiele.

Manche Weine müssen liegenbleiben, damit sie ihr ganzes Geheimnis entfalten. Mit diesem Allerweltssatz, den man gerne in der Bla-Laber-Tonne entsorgen würde, begrüße ich alle Leser zu unserem heutigen Weinkränzchen mit dem Motto: „Manche Weine müssen liegenbleiben, damit sie ihr ganzes Geheimnis entfalten.“

Denn der Spruch ist wahr. Zwar sagen viele Winzer „Ein guter Wein ist immer gut“, und für die meisten Weine mag das auch stimmen, doch gibt es einige Weine, die erst nach Jahren ihre Pforten öffnen, den Tisch decken, die Gläser rausholen und „trink mich!“ rufen. Heute soll von zwei solchen Weinen die Rede sein. Und beide kommen vom Winzerpaar Ebner-Ebenauer aus dem Weinviertel, dieser lange Jahre unterschätzten Nordostregion Österreichs, die freilich auch ihre qualitativen Grenzen hat. Wer diese erkennt, kann hier richtig große Weine keltern.

Marion und Manfred Ebner-Ebenauer sind ein perfektes Paar, eine Einheit in Leben und Beruf. Peter Fox hat für sie das Lied „Alles neu“ geschrieben, denn genau das ist das Motto der EE’s: das Alte nicht zu bewahren, es runterzureißen, kleinzuhacken. Sakrileg? Nein, Wundertüte!

So viel Neu kriegt natürlich den verdienten Hype. Ich muss gestehen, dass mir die Welle manchmal zu hoch ist – da will ich Abstand nehmen, will ans Festland zurück. Auch sind längst nicht alle Weine so gut, wie die Löwen gut über sie brüllen. Mir ist der Unterschied zwischen den einfachen Weinen der EE´s und den Weinen der Black Edition zu groß. Weil die Black Edition richtig groß ist. Großartig auch das Bekenntnis, internationale Weine keltern zu wollen. Mutig zudem!

Schach der Regionsreligion

Beim Herumsortieren sind mir zwei alte Weine der EE’s in die Hände gefallen (einer fiel wirklich vom Regal herunter), die nach frisch polierten Gläsern schrieen: die Cuvée Cabernet Sauvignon – Merlot aus 2007 und der Chardonnay Black Edition aus 2011. Beide Weine haben genau gar nichts mit dem Weinviertel zu tun, sie sind der Teufel im Stammbuch der Regionsreligion. Das macht sie doppelt interessant!

Zuerst der Chardonnay, burgundisch im Barrique ausgebaut. Am Holz und seinem Toasting scheitern 90% aller Winzer – vor allem bei Weißweinen. Die EE’s scheitern nicht, hier ist das Holz rund, macht sich bemerkbar, dominiert, indem es sich zurückhält – der Zuchtmeister im Schatten. In der Nase Ananas, etwas Kamille, Traubisoda ohne Kohlensäure, bisschen Orangenschale, bisschen helles Karamell, junge Birne, Quitte, gelbes, heißes Plastikspielzeug, rohe Zuckerschoten. Im Mund etwas zu sauber, kräftig, doch leicht im Schluck. Vielleicht eine Spur zu wenig Nachhall. Dann ist es eben doch Weinviertel. Sicher aber einer der besten Chardonnays Österreichs und der eleganteste der frischen. Wir haben schon lange keine Punkte mehr vergeben. Vergeben Sie uns das Wiedereinführen des Vergebens und eine neue Vergebensskala: 7 von 10.

Nix mit Österreich. Und dennoch Österreich

Danach die Bordeaux-Cuvée, 50% Cabernet Sauvignon und 50% Merlot. Holz auch hier, wieder die gleiche Machart, die offenbar der Vorsicht entsprang und so zur Handschrift wurde. Dieser Wein ist eine völlige Überraschung, denn man kann ihn keine Sekunde im Weinviertel, ja nicht einmal in Österreich festmachen. Das ist so gegen den Strich des Regionalen gebürstet, dass man sich gut vorstellen kann, dass dieser Wein nicht nur Freunde hat.

Das Jahr war gut, das Lesematerial auch, und die Reife macht diesen Wein jetzt zu einem der besten Rotweine Österreichs. Das hält wohl noch ein Jahr, dann muss er den Titel abgeben. In der Nase Pfeffer, Mohn, Basilikum, Espresso, Senf, rote Grütze, etwas Semmelkren, Brombeere, feuchter Zigarrentabak. Im Mund nahezu perfekt, Pfeffer und Beeren machen sich mit wenig Luft zu den bestimmenden Geschmackskomponenten. Hintennach rund, in der Kehle stabil, im Nachhall (Ausatmen durch die Nase) ein klassischer, auch hochpreisiger Bordeaux. 7,5 von 10. Großartig!

Mehr davon! Ja, ich weiß, das Geschäft wird mit den Veltlinern gemacht. Ich beende unser heutiges Weinkränzchen mit dem schönen Satz: „Manche Weine müssen liegenbleiben, damit sie ihr ganzes Geheimnis entfalten.“

Den Chardonnay Black Edition 2011 gibt es z.B. hier.

Die Cuvée Cabernet Sauvignon & Merlot 2007 gibt es z.B. hier.

Beide Links wurden mit Sportwägen und Motoryachten abgegolten.

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