Drei x Deutschland

VON MANFRED KLIMEK Weißwein wird Beweißwein! Deutschland ist eines der besten Weinbauländer der Erde. Muss man das noch erwähnen? Ja, weil es viele Deutsche nicht glauben. Hier drei Weine, die Beweis genug sind, weil sie glücklich machen.

Ich komme aus einer Generation, die Deutschland für kein besonders gutes Weinbauland hält und deutsche Weine nur für mäßig interessant. Nun gut, ich bin Österreicher, da ist der Chauvinismus eingebaut wie das Multimedia-Paket in einem durchschnittlichen Kleinwagen.

Aber ich lebe lange genug in Deutschland und will davon erzählen, dass ausgerechnet ich, der Österreicher, über Jahre hinweg den deutschen Wein gegen die Anwürfe der Deutschen verteidigen musste. So kommt es heute zu jener glückliche Groteske, dass ausgerechnet ich, der Österreicher, gemeinsam mit Stuart Pigott, dem Engländer, in den beiden auflagenstärksten Sonntagszeitungen des Weinbaulandes Deutschland Großartiges über deutschen Wein berichten. Stuart hat das Glück, dass England (noch) keine bedeutende Weinbaunation ist. Ich habe das Pech, mir in letzter Zeit öfter mal den Vorwurf anhören zu müssen, zu den deutschen Winzern übergelaufen zu sein. Freilich ist das nicht ernst gemeint, aber freilich hat es einen ernsten Kern, denn deutsche Weine werden auch in Österreich wahrgenommen, und sie übernehmen die Referenz einer Traube – des Rieslings.

In meinem Wiener Bekanntenkreis habe ich es einfach. Komme ich mit einem fruchtsüßen deutschen Wein, dann höre ich von der Mehrheit am Tisch: „Bleib uns nur weg damit.“ Das ist eben nicht der Geschmack hier. Doch komme ich mit einem strahlenden, mineralischen und knochentrockenen Riesling, so sehe ich das Erstaunen, was Riesling alles kann. Und was er in Österreich nicht kann. Daraus resultiert auch die neuerdings sehr starke Zuwendung zum Grünen Veltliner.

Deutschland – da sind wir uns wohl alle einig hier – ist in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Weinbaunation aufgestiegen. Warum das in meinen deutschen Kreisen oft nicht ankommt? Diese Frage müssen sich Winzer und Verbände stellen. Sicher hat es auch mit einer Lust nach Süden zu tun, die der deutsche Wein, vor allem der deutsche Rotwein, nur gering zu stillen vermag. Doch ist es letztlich auch zu begrüßen, dass Deutschland ein Land ist, das nicht nur nationale Weinkarten pflegt. Das macht Deutschland sympathisch.

Aufwerten! Damit bleibt, was ist

Trotzdem muss der deutsche Weinbau aufgewertet werden. Auch aus dem Grund, weil er seine qualitative Revolution nicht einem singulärem Ereignis verdankt wie jener der Österreicher, der seinen Aufstieg in der Wiedergeburt nach dem Weinskandal festmachen kann – dieser alles umwälzenden Eruption von 1985.

Warum dieser Artikel? Ganz einfach: Ich habe in den letzten 24 Stunden drei deutsche Weine getrunken, die mich glücklich machten. Und das ohne nachzudenken. Ich habe nicht analysiert, nicht gelabert, keinen Makel gesucht. Sondern nur getrunken. Das hier:

+) Martin Müllen, Kröver Letterlay, Riesling Spätlese, trocken, 2007

Was für ein Wein! Unfassbar! Aufmachen, trinken, die Größe schmecken – die Geradlinigkeit. Martin Müllen steht für ein instinktives Weinmachen, wie man es an der Mosel in diesem In-die-Moderne-eingebettet-Sein nur selten findet. Müllens trockenen Weine haben Wucht und Kraft und trotzdem Eleganz; das alles ist so absolut deutscher Riesling, wie ihn selten einer festmacht. Ein Gigant!

In der Nase rosa Grapefruit, nasser Kiesel, der frisch ausgewaschene Aschenbecher, der mir immer Mineralität signalisiert, dann Quitte, ein wenig Pfirsich, feuchter Bambus und das heiße Innere eines Telefunken-Transistorradios verbunden mit der Kühle nasser Bahnschienen. Und Birne, irgendwo ist da auch grüne Birne. Im Mund dann gleich eine durchschlagende Mineralität (die man laut „Experten“ weder riechen noch schmecken kann), Salz, Kräuter, Pfirsich, Birne, Quitte – ein bisschen Ananas. Wenig Exotik, keine Aromenexplosion, dafür eine unfassbar dichte Mitte. Ganz großes Kino von einem stets zurückhaltend auftretendem Winzer. Einer der drei besten Rieslinge, die ich je getrunken habe.

Für diesen Wein oder andere alte und neue Müllen-Weine bitte direkt beim Weingut anfragen.

+) Reichsrat von Buhl, Suez, Spätburgunder Rosé 2014

Für diesen Wein gibt es eine einfache Beschreibung: Schmeckt wie Antinoris Scalabrone (ein bekannter italienischer Rosé) gepaart mit einem Racknitz-Riesling von der Nahe. Frucht und Mineralität als zwei Huren, die sich ein Freudenhaus teilen. Hier zeigt sich, dass der aus der Champagne geholte, international bekannte Önologe Matthieu Kaufmann mehr kann, als einen der besten Winzersekte Deutschlands auf die Flasche zu bringen. Das ist einer der eigenwilligsten Roséweine der Welt; ein Aufruf, auch bei Weinen mutig zu sein, die verdienstfrei scheinen.

In der Nase Kirsche, Himbeere, rosa Grapefruit, etwas Lakritze, frisch poliertes Silberbesteck, Kren, Limette. Im Mund deutlicher als je ein Rosé in der Mineralität ankernd – auch ein Affront für die Sorte, deren Primärfrucht sich erst danach wichtigmachen kann. Für mich einer der besten Rosé überhaupt. Spielt in der gleichen Liga wie jener der Domaine de l’Horizon.

Diesen Wein gibt es für € 16,90 hier oder im gut sortiertem Saufgeschäft (gugeln).

+) Silvaner A 2014 und Silvaner 2013 (im Vergleich) von Andreas Durst

Kein Wort über diesen Wein. Denn der bekommt eine ganze Geschichte, gemeinsam mit anderen großen Silvanern aus Deutschland. Das alles verdient keine weitere Erwähnung. Aber die Unterstreichung!

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Anmerkung: Reichsrat von Buhl ist Werbekunde (Inserent) der weinparty. Der in diesem Artikel erwähnte Wein dieses Winzers ist weder ein bezahlter Link noch ein Freundschaftsdienst. Die Erwähnung ist das Resultat einer Kostflasche in der Berliner Cordobar. Der Winzer Andreas Durst ist der weinparty gut bekannt und zählt zu den gelegentlichen Autoren dieser Seite. Daraus entstand kein Anspruch auf die Erwähnung, diese ist alle das Resultat des Werks. Anders gesagt: Wer sich mit den besten Leuten umgibt, wird um ihre Lobpreisung nicht herumkommen.

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