Wer macht den deutschen Tignanello?

VON MANFRED KLIMEK Blöde Frage? Nö. Gar nicht. Und es ist Zeit darüber nachzudenken, ob der Spätburgunder wirklich die an das Land gekettete Rotweinsorte Deutschlands bleiben soll.

Vor ein paar Tagen habe ich angedroht, etwas über den Modewein Tignanello zu schreiben. Dieser Drohung war eine Besprechung der Cuvée „Das kleine Kreuz“ der Pfälzer Winzerbrüder Rings vorausgegangen. Und meine Meinung, dass Deutschland – wenn es ein richtig bedeutendes Rotweinland werden will – nicht nur auf autochthone Rotweinsorten setzen sollte. Gut möglich, dass Cabernet, Merlot und Syrah im deutschen Südwesten eine weitere, ertragreiche Heimat finden. Das „Kreuz“ der Rings ist mir Beweis genug für die Vermutung.

Man mag den Spätburgunder als deutschesten aller deutschen Rotweine verankern, ich glaube aber, dass man mindestens ein Viertel der deutschen Pinot-Noir-Rebflächen mit Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Lemberger bestocken sollte. Freilich dort, wo es passt. Gerade der Lemberger zeigt in Württemberg, dass deutsche Blaufränkische (der österreichische, viel elegantere Zweitname des Lemberger) zu den weltbesten Weinen gehören. Zudem stehen sie mit dem internationalen Rotweingeschmack in Einklang, was man vom Spätburgunder nicht immer behaupten kann. Für diesen Satz bekomme ich wahrscheinlich ein lebenslanges Einreiseverbot im Badischen und an der Ahr. Wenn wir vom internationalen Rotweingeschmack sprechen, dann kommen wir schnell zu jenem Wein, der ihn am besten vertritt, zum Tignanello, dem toskanischen Lieblingswein der Reichen und Schönen, die mit ihren Kaufverhalten die Mittelschichten infizieren wie Kinder ihre Eltern mit Husten und Schnupfen.

Der Tignanello ist eine Cuvée aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, die 1969 (erster Jahrgang war 1971) vom damals sehr jungen Winzersohn Piero Antinori gemeinsam mit seinem Önologen Giacomo Tachis kreiert wurde. Der Tignanello war der erste Wein in der Toskana, der in neue Barriques gepumpt wurde, und auch der erste Wein, der ein neues, modernes Etikett trug. Der Tignanello war die Erstausgabe jener Supertuscans, die rasant die damals dünnen Chianti-Classico-Suppen ablösten. Das Wesentlichste aber war, dass der Tignanello zwei Botschaften überbrachte. Die erste Botschaft ging an die Welt der Weintrinker. Sie lautete: „Die Toskana ist eine bedeutende Weinregion.“ Das war sie damals nämlich nicht – bis auf den Brunello von Biondi-Santi wurden große Weine nur im Piemont und im Veneto auf die Flasche gebracht. Die zweite Botschaft ging an die Väter. Sie lautete: „Eure altmodischen Weine hinter altmodischen Etiketten könnt ihr euch sonst wohin schieben.“ Das war deutlich. Und richtig. Und der Anfang einer Revolution. Der Tignanello hat die Weinwelt verändert wie kein zweiter Wein. Und die Toskana, vor allem die Region Bolgheri, zum Epizentrum jenes Weinverständnisses gemacht, dem wir alle anhängen – meist ohne es zu wissen.

Wegweisender Wein für andere wegweisende Weine

Nach dem Tignanello, der im Classico gekeltert wird, gab es kein Halten mehr, und so entstanden Ornellaia, Masseto, Guado al Tasso, Solaia, Biserno und viele andere beliebte Weine aus Bolgheri und der Maremma. Zu kritisieren gäbe es nach fünfundvierzig Jahren mehr als genug. Aber das sparen wir uns mal.

Deutschland hat keinen Tignanello, wird aber einen brauchen. Dem Pfälzer Winzer Markus Schneider ist zu danken, dass er mit seinen teils hervorragenden Weinen den Weingenuss auch einem jungen Publikum zugänglich macht. Dafür sind auch die schlichten, aber perfekt designten Etiketten verantwortlich. Klaus-Peter Keller hat mit seinem G-Max den deutschen Referenzriesling kreiert – egal, was Kritiker und Leute sagen. Den Rings-Brüdern, Philipp Kuhn, Markus Schneider, Rainer Schnaitmann und anderen Önologen fällt nun die Aufgabe zu, einen deutschen Referenzrotwein zu cuvéetieren. So ein Wein verändert den deutschen Weinbau, der sich stets nur über Riesling definierte. Und so ein Wein – ich hole schon mal den Umhang, der mich unsichtbar macht – wird nicht aus Spätburgunder gekeltert.

Dieser Text erschien leicht verändert auch in der Welt am Sonntag.

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Kommentare

  1. […] Wie? 35 € für einen Riesling?? Dafür bekomme ich ja schon einen… Wer kennt das nicht, diese Bekundungen, dass man ja bei „richtig guten Weinen“ nur solche aus Frankreich oder Italien trinken könne, vielleicht noch aus Spanien und USA? Es gibt sie immer noch, diese Vorurteile, und es gibt sie nicht nur in der Provinz. Lassen wir Egon Müller mal beiseite, wir haben keinen Petrus, keine Domaine de la Romanée-Conti und kein Château d’Yquem oder Château Latour, aber auch keine Analogien zu den Supertuscans wie dem Tignanello. (Lesenswert hierzu Manfred Klimek nebst Diskussion bei thewineparty.de) […]