Rings frei

VON MANFRED KLIMEK. Die Gebrüder Rings haben den wohl schnellsten Aufstieg aller deutscher Winzer hinter sich. Grund dafür ist auch eine Rotweincuvée, die den Weg des deutschen Rotweins aufzeigt. Und der ist international.

Es gibt Winzer der ersten, der zweiten und der dritten Reihe. Die in der ersten Reihe sind die etablierten Winzer, die in Deutschland und über Deutschland hinaus bekannten Betriebe, wie etwa Robert Weil oder der mit Parker-Punkten überhäufte Markus Molitor, und auch experimentell arbeitende Güter wie das ungewöhnliche Weingut Von Winning, wo sich der Önologe nun schon seit Jahren erdreistet, die Lagenrieslinge wie große Burgunder zu behandeln und sie im mittelgroßen Barriquefass reifen zu lassen. Winzer der ersten Reihe begehen selten Tabubrüche. Doch wenn, dann richtig.

Winzer der zweiten Reihe sind jene Winzer, die uns schon seit Jahren zuerst mit guten Weinen auffallen, dann mit immer besseren und manchmal auch mit einem Glanzstück – einem außerordentlich hervorragenden Wein. Wenn so ein Glanzstück kein Zufallsprodukt ist, dann steht der Aufstieg in die erste Reihe bevor. Einen solchen geradezu rasenden Aufstieg nach oben haben die Gebrüder Rings aus Freinsheim in der Pfalz hinter sich. Sie wurden vor ein paar Tagen in den Verband Deutscher Prädikatswinzer aufgenommen. Diese Entscheidung war unumgänglich – der Verband braucht frischen Wind, und die Rings haben in den letzten zwei Jahren so gut wie jeden ihrer Weine zu einem besonderen gemacht. Keine Kopfgeburten, aber durchdacht. Ausschließlich Bauchweine, aber mit einem kleinen Kommentar versehen, einer Handschrift, die auch Ironie kennt und mit dem Traditionellen bricht.

Winzer der dritten Reihe sind jene Winzer, die in sich das Verlangen nach einer Handschrift spüren, diese aber noch nicht ausarbeiten können. Man muss sie mehr im Auge behalten als jene Betriebe der ersten Reihe. Weil sie womöglich jene önologische Überraschung liefern, die man von vielen etablierten Betrieben nicht mehr erwarten kann. Aber in Wirklichkeit ist diese Einteilung in Reihen totaler Quatsch – eine Krücke, die dem Einordnen dient. Es gibt nur große, gute oder mittelmäßige Winzer. Die schlechten scheinen ausgestorben. Zumindest kenne ich keine mehr.

Reihen klar, Reihen geschlossen

Jetzt, wo das mit den Reihen klar ist, will ich auf einen außergewöhnlichen Wein der Gebrüder Rings hinweisen. Und weil sie hier in letzter Zeit (zu Recht) oft erwähnt wurden, machen wir es auch ganz schnell. Es handelt sich um die Rotweincuvée „Das kleine Kreuz“ von 2013. In den Flaschen schwappen Cabernet Sauvignon, Sankt Laurent (oh Gott!), Merlot und Cabernet Franc. Sankt Laurent – deswegen mein Ausruf – ist die Mimosentraube schlechthin. Wer sich die antut, muss starke Nerven haben.

„Das kleine Kreuz“ besteht also ausschließlich aus Sorten, die in Deutschland nicht heimisch sind. Deswegen gelten solche kreierten Weine vielen Weinfreaks als zusammengeschustertes Zeug, das nichts mit der Region zu tun hat. Stimmt! Aber wer sagt, dass die Region immer die Region bleibt, die sie gerade ist? Wenn wir die Klimaerwärmung betrachten, die nur mehr Senatoren der Tea Party leugnen, dann kann man vorhersehen, dass manche deutsche Weinbaugebiete schon bald für große, international vermarktbare Rotweine stehen werden. Das klingt großartig, wird jedoch dem traditionellen Spätburgunder zu schaffen machen. Aber das können wir besprechen, wenn es so weit ist. Jetzt mal zum kleinen Kreuz.

In der Nase Cassis, Paprika, Pfeffer, etwas Ginsengwurzel, Kirschmarmelade, auch Erdbeere, also Walderdbeere, dann Streichholzschachtelabrieb, Karamell und Espresso (ausgetrunken und ungezuckert). Im Mund Beeren, Grütze, Saft und Kraft. Dazu eine angenehme, elegante Kühle, die der Frucht trotzt, die sich freilich wichtig macht. Großartig! Ich kenne nur wenige derart vergnügliche Rotweine aus Deutschland – das kleine Kreuz ist quasi ein Tignanello aus der Pfalz. Und wer jetzt gegen den Tignanello herzieht („Markenwein der Möchtegern-Reichen“ et cetera), der hat nichts verstanden. Das kläre ich bald mal auf.

Das kleine Kreuz von den Rings gibt es z.B. hier.

Dieser Beitrag erschien auch in der Welt am Sonntag.

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