Wunder im Arschjahr

VON MANFRED KLIMEK Daten verloren, Leber gerettet. Schlechter Tausch. Guter Kauf hingegen, die einfachste Flasche Wein der Tements. Und ein völlig überraschender Lagenmuskateller von Erwin Sabathi..

Ich habe es geschafft! Bravo! Ich habe ein wichtiges Dokument als pdf gespeichert, dann noch Screenshots gemacht, habe beide Arten Dokument zweimal abgespeichert. Und jetzt sind sie weg. Weg! Einfach so! WIE GIBT’S DAS!?

Auch in der Cloud ist nichts. Was ist das überhaupt, die Cloud? Hat sich da schon einer befasst mit? Wir nehmen alles so hin, wie es uns hingestellt wird: „Da, nimm mal die Cloud.“ Geil! Wa?

Ich würde gerne in der Cloud verschwinden. Vor Scham. Cloud Nine bitte. Oder sieben. Weg! Einfach so! Wie ist das möglich? Den ganzen Nachmittag habe ich meine beiden Mac-Dreck-Bücher (wir schnell sich die Stimmung ändert, wa?) auf Dokumente durchsucht. Und das auch nur, weil bei beiden Silberlingen der Index im Eimer ist. Eh schon länger. Irgendein Bug von der Cloud wahrscheinlich. Ich hab mich nicht drum gekümmert, mir war egal, dass die Geräte ab und zu spinnen. Da bin ich Fatalist. Geräte müssen versagen. Das gibt mir Hoffnung, dass Skynet (gugeln) nie wahr wird. Sag es der Hand! (auch gugeln).

Null Komma Josef

Jetzt ist die Stimmung auf Null. Und das ist mir insofern unangenehm, als mich die Brand-Eins-Redaktionsleitung erst neulich drauf hingewiesen hat, dass alle meine Artikel offenbar in einer fürchterlich miesen Laune geschrieben werden. Für die Kolumne, die ich schreibe, ist miese Laune nicht übel. Aber auch nicht immer. Ich sehe mich schon in zehn Jahren auf der Parkbank sitzen und Schulkinder ankeifen. Wenn sie zurückkeifen, übergieße ich sie mit Gutsweinen aus dem Jahrgang 2010 (gugeln, mit meinem Namen dazu).

Stimmung auf Null, das heißt, dass ich meine beiden geplanten Hasstiraden nicht vom Stapel lassen kann. Dazu fehlt mir heute der Belustigungsquotient. Intellektuelle vor, der Rest (gugeln). Müssen die Kellerbuchbesitzer und die Anlassweintrinker eben noch ein bisschen warten. Sie dürfen sich inzwischen auf meinen Erstschlag vorbereiten.

Ich möchte gerne wissen, wie viele Kellerbuchbesitzer Jack-Wolfskin-Jacken tragen. Und weiße Socken in Sandalen. In Prozent freilich, mit Zahlen fange ich nichts an. Gibt es da eine Möglichkeit, das zu erfassen? Preiswert bitte, ich bin kein Krösus.

Spargelwein? Den lass ich sein!

Und freuen sich die Anlassweintrinker wirklich auf ihren ersten Spargel, zu dem sie dann endlich den von Marketingkretins erdachten Spargelwein trinken können? Der Entenwein hat in Entenhausen seine Berechtigung. Der Spargelwein nirgendwo. Gleich ruft wieder Balkonanorak an, mit dem ich dieses erfolglose Weinbuch geschrieben habe, und schreit mir „Elbling“ durch mein entzündetes Mittelohr. Gottlob findet das Wort den Ausgang auf der anderen Seite. Ohne Spuren im Hirn zu hinterlassen.

Anlasswein, den lass ich sein. Aber freilich will ich im Frühling auch mal einen leichten, spritzigen Weißwein trinken. Neulich saß ich bei den Tements auf der Bank, berühmte Winzer in der Süd-St. Eiermark, und glotzte nach Slowenien rüber, wo ein Mann dabei war, die Kontrolle über seinen Traktor zu verlieren. Man hilft ja gerne, wenn man kann, doch ich hatte die Nummer der slowenischen Feuerwehr nicht bei mir. Es ist sich aber ausgegangen.

Wie ich da so sitze, denke ich mir, so eine Flasche Wein zwischen 12 und 13 Uhr wäre ein passender Tagesbeginn. Ich gehe in das Haus zurück, öffne den Kühlschrank, sehe lauter Ziereggs und solch teures Zeug, das die da rumstehen haben. Aber ich greife mir eine Flasche Temento „Green“, der günstigste Wein der Tements. Eine Brot-und-Butter-Cuvée. Aus dem Jahr 2014 noch dazu. Das kann nur eine Enttäuschung sein.

Sommer, Sonne. Traurigsein

Weit gefehlt. Der macht Spaß. Sicher: Bei Sonne macht er mehr Spaß. Und auf dem Hügel hier auch. Wenn der Traktorfahrer am Leben bleibt, ist alles im grünen Bereich. 90% Sauvignon (eh klar) und 10% einer sogenannten Sortenvielfaltsmischung. Also das Zeug, das überbleibt und das man nirgendwo anders reinschütten kann. Solange die Herumpanscherei so gut schmeckt, finde ich das alles ok. Ab einem gewissen Alter verträgt sich Aufregung nicht mehr mit den eingenommenen, illegalen Substanzen (nicht gugeln).

In der Nase Birne, Quitte, Apfel, Steinobstzeugs, Vogelbeere (nicht als Schnaps), nasse Seide, die in der Sonne trocknet (wa?), ein klitzekleiner nasser Aschenbecher und ein Hauch Ananas. Im Mund extrem ausgewogen. Ich meine, für dieses etwas schwierige Weinjahr. Kein Wumms, erwartet auch keiner, aber einen stabilen Kern und eine belebende Säure.

Eine Flasche? Nicht mit mir! Das bin ich meiner Leber schuldig. Die muss auch irgendwas abbauen, sonst geht die mir glatt auf Hartz-IV. Zweite Flasche, eine Traube, die ich nicht so richtig mag, weil sie nach Toilette riecht. Und zwar nach diesen Sprays, die gegen den anderen Geruch ankämpfen, über den ich mich nicht ausbreiten will.

Diesmal nicht im Namen der Rose

Sorte? Richtig: Muskateller! Und zwar von Erwin Sabathi, auch so ein Winzer, der jährlich ’ne halbe Million Flaschen füllt, ohne die Qualität leiden zu lassen. Halt mal, das ist ja ein Lagenwein! Vom „Krepskogel“. Jahrgang 2014. Das ausgerechnet mir. Na egal.

Oh, das ist eben kein Muskelkater, wie man ihn kennt. In der Nase grüne, kalte Birne, Kohlrabi, etwas Kräuterlimo, dann die Rose und der Pfirsich. Im Mund ein ordentlicher Schluck. Das Arschjahr 2014 hat in der Steiermark offenbar die Hose nicht heruntergelassen. Gnade vor Recht, sagen sie jetzt im Weinviertel. Aber sind wir uns mal ehrlich: So ein kleiner Dämpfer in den Hängen der nordöstlich kelternden Billigkonkurrenz tut den Steirern auch mal ganz gut.

Wut verraucht. Auch die Kellerbuchbesitzer bleiben verschont. Dafür rufen gleich die Weinviertler an. Ich werde das Telefon mal abschalten. Wein kann man übrigens auch in Sandalen stehend genießen. Auch wenn das schwer vorstellbar ist.

Den Krepskogel gibt es zum Beispiel hier. Nein, ich kriege für den Link nichts bezahlt. Und den Temento gibt es hier. Auch da zahlt mir keiner was für. Wer will und muss, kann (gugeln).

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